AG Franfurt / Hamburg
Israel live – nicht von der Glotze aus !
Krieg, Terror, Sirenen und Ambulanzen – alles wohl vertraut, schaut man per TV in den Mittleren Osten. Gibt es denn niemals Ruhe, gar Frieden da unten? Manchmal erstaunt es nicht, dass Deutsche offenbar immer größeren Abstand nehmen zu Israel und die Palästinenser als deren Opfer betrachten. Selbstverständlich ist die Sympathie für Israel, ob geboren aus deutscher Schuld und Vergangenheit oder auch aus Bewunderung für die Aufbauleistungen seit 1948, nicht mehr. Und auch mancher Israeli hat die Europäer insgesamt abgeschrieben als natürliche Verbündete, ja Freunde eines Landes, das gequält und neuerdings sogar wieder völlig in Frage gestellt wird. Die iranische Bedrohung, die amerikanischen Illusionen eines demokratisierbaren Irak und seiner Nachbarn, die arabischen Widersprüchlichkeiten, europäische Indolenz und deutsche Nabelschau – all das schafft keine Voraussetzungen für eine gedeihliche Zukunft. Auch die Forderungen des Nahostquartetts (Anerkennung des Staates Israel und früherer israelisch-palästinensischer Verträge sowie klarer Gewaltverzicht) stehen auf der Kippe. Wo gibt es positive Nachrichten, wo Hoffnung, wo Perspektiven?
Foto 1: Küste bei Rash Hanikra
Mit einer sehr großen Reisegruppe unternahm es die DIG-AG Frankfurt am Main Anfang März, eine Woche lang unmittelbare Einblicke, wenn möglich: Einsichten in das wahrlich spannende, varianten- und kontrastreiche Land zwischen Jordan, Libanon und Gaza zu gewinnen. Vor allem Claudia Korenke („the engin“) und Ephraim Lapid („the general“) war ein dichtes, wechselvolles Programm zu verdanken, das zahlreiche Referenten „im Saal“ und „draußen vor Ort“ zu Gehör brachte. Ein „politisches“ Programm mit Höhepunkten an der israelisch-libanesischen Grenze in Rosh Hanikra und direkt am Gazastreifen gegenüber Gaza City, wo jeweils IDF-Offiziere die Lage und die eigenen Sicherheitsmaßnahmen erläuterten. Die Besichtigung des im letzten Krieg von Hisbollah-Raketen getroffenen Hospitals von Nahariya und das Gespräch mit den unter Ariel Sharon erzwungenen „Gaza-Evakuierten“ ergänzten die jeweiligen militärischen Erklärungen. Gespräche etwa mit Aviv Shir-On, derzeit Staatssekretär im Außenministerium, mit einem deutschen Marineattaché zum Einsatz deutscher UNIFIL-Schiffe vor der libanesischen Küste, in der Jerusalem Foundation, in der Tel Aviv Foundation, mit dem Kapitän der legendären „Exodus“, Yossi Harel, mit Verantwortlichen der Jewish Agency in einem ‚Absorption center’ für äthiopische Neueinwanderer, in einem Drusen-Center, mit Yissakhar Ben-Yaakov, einem gebürtigen Hamburger und vormals u.a. israelischer Botschafter in Wien, mit Gad Lior, Redakteur von ‚Yedioth Ahronoth’, ein Besuch der ‚öffentlich-rechtlichen’ Radiostation „Kol Israel“, der Blick ins Stammhaus der in den 1930er Jahren von den ‚Jeckes’ Dr. Richard und Hilde Strauss gegründeten, heute global agierenden Molkerei Strauss, und ganz besonders der Besuch eines staatlichen Gefängnisses in der Sharon Region, wichtigstem Hochsicherheitstrakt für verurteilte Terroristen – all diese Termine machen deutlich, in welchen historischen, sozialen, politischen und militärischen Spannungsbögen das Land zu leben hat. Und natürlich: auch diese „Termine“ konnten nur ausschnittweise Einblicke in das Land Israel und seine Gesellschaft gewähren. Wenn man dann noch „touristische“ Wege durch die Altstadt von Jerusalem, das Bauhausviertel von Tel Aviv, eine Stippvisite im Hulda Forest mit dem Herzl House, im israelischen ‚Stonehenge’ des vorhebräischen Tel Gezer, bei dem Bildhauer Berti Freiman oder eine Weinprobe bei Jonathan Tishbi dazu zählt, dann ahnt man die Dichte des Programms. Da blieb dann aber doch der Besuch von Yad Vashem beschämend kurz. Die deutschen katholischen Bischöfe, die uns im dortigen Museum überholten, hatten es noch eiliger.
Foto 2: Zerstörungen im Nahariya Medical Center
So klein Israel auch sein mag – mit Verlaub: so groß wie Hessen! -, so immens sind die Notwendigkeiten genauerer Kenntnis und präziserer Informationen, als sie uns üblicherweise über die Medien, speziell die „blut- und bilderfixierten“ Televisionen, geliefert werden. Vorurteile werden gezüchtet und gestärkt durch pauschale, eindimensionale und schon insofern parteiliche Darstellung. Komplexität darf nicht simplifiziert werden. So ist es zum Beispiel wichtig zu hören, dass auch ein Israeli angesichts der 8 Meter hohen Mauer im Osten Jerusalems im Zweifel ist und sich fragt, wie er abwägen soll zwischen heute unbezweifelbar großem Sicherheitsgewinn und morgen womöglich noch größeren sozio-politischen Konflikten zwischen Israelis und Palästinensern. Und es bleibt auch nicht ohne Teilnahme oder Erstaunen, wenn ein seriöser Journalist uns Europäer warnt, iranische Atombombendrohungen ernst zu nehmen, da sie womöglich weniger gegen Israel selbst wegen seiner rund 1 Million Araber als gegen den alten Kontinent gerichtet seien.
Immer wieder bewahrheitet sich für erfahrene Israel-Besucher: eine Reise in den Nahen Osten muss am Ende mehr Fragen zulassen als zu Anfang. Wer mit seinem Friedensplan im Tornister schon anreist, mag an Seminartischen akklamiert werden, begreifen aber müsste er vor Ort mehr von Bedingungen, Mentalitäten, Menschen. Unser Israelbild gestaltet sich viel zu sehr medial statt originär. Insofern kann der DIG oder anderen Veranstalten von Israel-Palästina-Reisen gar nicht genug gedankt werden. Die authentische Begegnung mag zuweilen auch nur eine Sicht vermitteln, aber sie ist nicht zu ersetzen durch noch so viele Papiere und Erklärungen. Das alte Wort gilt: Reisen bildet! Eine Woche Israel ist kurz und die Frage nach der Berechtigung von zu viel „Terminen“ mit Blick auf dann mangelnde Tiefe fordert dann mindestens den Zweitbesuch. Unsere Erstfahrer schienen willig dazu.
Dirk Hansen