Ostfriesland
"Neue Töne" in Aurich/Ostfriesland
"Neue Töne" ist ein nun schon ins dritte Jahrzehnt seiner Existenz blickender Chor, der sich alle zwei Jahre ein neues Repertoire erarbeitet und damit in und um Ostfriesriesland auftritt. Mal waren es afrikanische Freiheitslieder, mal südamerikanische Klänge… . Zuletzt waren es jiddische Lieder. Und da man noch inspiriert war vom vorletzten (Südamerika-)Programm, lag der Blick auf den Ghetto-Tango auf der (Chorleiter-)Hand.
Über das gelungen zusammengestellte, musikalisch einfangende und choreographisch fantastisch dargestellte Programm möchte ich an dieser Stelle nichts weiter sagen. Mir ist die Überlegung wichtig, worin der Sinn liegt, wenn lauter Nichtjuden sich jüdische Musik erarbeiten und darbieten. (Es gibt ja auch Leute, die meinen, dass Blues nicht von Weißen gespielt werden könne. – Die haben auch noch nicht gehört, dass auch schwarze Bluesmusiker sagen, „Blues is a feeling!“ So bin ich sicher, auch Klezmer is a feeling!).
Als DIG freuen wir uns natürlich, wenn in unserer Region Klezmer angeboten wird und so viele Menschen erreicht werden. Wenn die Eintrittsgelder dann auch noch für ein Synagogenmodell in Aurich zur Verfügung gestellt werden, damit das jüdische Gotteshaus und damit auch seine Geschichte in der Stadt wieder präsenter werden, freut uns das noch mehr. Aber was geht eigentlich in den Chormitgliedern vor, die bis dahin wenig Berührung mit dem Judentum hatten?
Chormitglied Jobst Hesse aus Aurich äußert sich so:
"Meine Grobfixierung unserer Botschaft: Selbst unter entsetzlichen Umständen haben Juden durch Erhalten ihrer Volkskultur Identität und Würde gewahrt. Das macht besonders auch ihre Musik deutlich. Wer diese Musik liebt (lieben lernt), wird jedem aufkommenden Antisemitismus die Stirn bieten. Dazu wollen wir unseren Beitrag leisten.
Meine ganz persönliche Gefühlslage: In meiner Jugend war ich anfällig für Mutproben, Härteprüfungen und Bewährungsproben, wie sie im Prinzip auch dem Wehrertüchtigungsansatz der Hitlerjugend entsprochen hatten. Zudem hatte ich wesentliche ‚arisch-barbarische’ Signaleigenschaften aufzuweisen: Ich war blond, groß, sportlich, bereit, mich zu quälen, und des Brüllens sehr fähig. Heißt: wäre ich nicht 1942 sondern 1922 geboren, spräche einiges dafür, dass ich ein Nazisympathisant geworden wäre.
Zumindest vorerst. Und vor diesem Hintergrund beschert mir das Singen jiddischer Lieder ein Knäuel widersprechender Gefühle, das ich noch immer nicht ganz entwirrt habe. Heutzutage ist mir natürlich kaum vorstellbar, dass ich Nazi-Ideologie je hätte akzeptieren können. Aber jeder weiß, dass Umgebung und Kenntnisstand nicht gerade unwesentliche Komponenten der Persönlichkeitsgenese sind. Keiner der später Geborenen kann sicher sein, welche Einstellungen seine Persönlichkeit geprägt hätten, wäre er in der Nazizeit aufgewachsen. So fiel es mir zunächst nicht leicht, Lieder eines Volkes zu singen, das ich bei früherer Geburt u.U. verachtet hätte.
Doch das Hineinversetzen in diese Welt der osteuropäischen Juden, das Leben in ihren Gemeinden, in der Emigration, in den Ghettos, im KZ, das Hineinversetzen nicht durch den Verstandesweg, sondern eher das Hineinfühlen in die Situation dieser Menschen auf dem Wege ihrer Lieder, über die Gefühlschiene zu erfahren, wie eindrucksvoll diese Menschen mit den entsetzlichen Gegebenheiten umgegangen sind, haben eine große Empathie für diese Menschen in mir geweckt, eine Empathie, wie ich sie vorher so noch nicht gespürt habe. Es hat sich in mir wohl eine Art kathartischer Prozess vollzogen."
Wolfgang Freitag