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Arbeitsgemeinschaft Kassel

"Reise der Begegnungen"

Nach intensiven Vorbereitungen starteten 26 Mitglieder und Freunde unserer Arbeitsgemeinschaft bei Eis und Schnee zur „Reise der Begegnungen“ nach Israel, um bei eben dieser Witterung in der Nacht zum 10. April mit einem Koffer voller neuer, interessanter Eindrücke und Erfahrungen übermüdet, erkältet, aber glücklich und zufrieden nach Kassel zurück zu kehren.

Die Reise war von der Agentur Yoram Ehrlich erstklassig vorbereitet und von unserer ständigen Begleiterin Naomi Ehrlich umgesetzt worden.

Es sollte diesmal keine politische Reise sein, vielmehr wollten wir eine größere Nähe zu den Menschen, insbesondere zu Zeitzeugen herstellen. Wir wollten Land und Leute besser kennen lernen, Gespräche führen und erfahren, wie die aktuelle Situation Israels wahrgenommen wird. Außerdem interessierte uns wie die Zukunft der Kibbuzim eingeschätzt wird.

Die Antworten waren eindeutig: Die größte Gefahr für das Land geht in Zukunft nicht von Gaza oder Südlibanon, sondern vom Iran aus, und das ist dann nicht mehr eine Frage, die nur Israel angeht. Hier geht es um die gesamte freie Welt, und da sind auch Europa und die USA gefordert. Zur zweiten Frage: Die Kibbuzim machen im Augenblick große Veränderungen durch, und am Ende dieses Prozesses wird es den Kibbutz in seiner „Urform“ nicht mehr geben.

Unsere Reise begann in Tel Aviv, wo wir anlässlich eines Empfangs im Goethe-Institut viele alte Freunde begrüßen konnten. Kassels Partnerstadt Ramat-Gan war selbstverständlich auch vertreten. Der langjährige Freund Moshe Meron hielt eine mitreißende und allen „unter die Haut“ gehende Rede.

Einen Tag später hatten wir eine Begegnung „der besonderen Art“. In der Nähe des Nationalparks Beth-Guvrin besuchten wir auf seinem kleinen Weingut den Winzer Gadi Sternbach und seine Frau Shula. Er erzählte über seine Familie, die aus Deutschland stammt und wie er zum Weinanbau kam. Er erklärte uns die Lage seines Weinbergs, sprach viel über Hege und Pflege der Rebstöcke und über die Qualität seiner Weine. Natürlich wissen wir nun auch wann und warum ein Wein kosher ist.

Auf unserer Fahrt nach Norden besuchten wir den 87 Jahre alten Gad Ehrlich in seiner Privatwohnung in Haifa. Er erzählte uns viel über seine Familie, seine Flucht aus Deutschland in das damalige Palästina, seine Mitarbeit in der Hagana und seinen Einsatz in der britischen Armee gegen das deutsche Afrika-Corps. Natürlich sprach er auch über sein Buch: „Abrascha und Mr. Cowan“.

Am gleichen Abend kamen wir in das Dorf Shavei Zion nördlich Akko. In Shavei Zion, 1938 gegründet von Juden aus Rexingen, trafen wir Zeitzeugen. Herr Fröhlich begleitete uns bei einem Dorfrundgang. Zusammen mit Frau Alsberg, deren Familie seit Generationen in Volkmarsen bei Kassel lebte, berichteten beide in einer Gesprächsrunde über die unendlichen Probleme beim Aufbau des Dorfes und wie die wirtschaftliche Entwicklung den Lebensweg jedes einzelnen Dorfbewohners beeinflusst hat.

Im Kibbutz Lavi unweit des Sees Genezareth führte uns der Mitbegründer und Zeitzeuge Herr Stern durch die wunderschöne, absolut koscher geführte Gemeinschaftssiedlung. Wir sahen die neue Synagoge, die Krankenstation und den alten Wasserturm aus der Gründerzeit.

Am Toten Meer und im Negev besuchten wir in dem arabischen Wüstendorf Lakiya, nicht weit entfernt von der Stadt Arad, einen nur von Frauen geführten Herstellungsbetrieb für Teppiche. Die aparte Leiterin der Firma zeigte uns nicht nur wie man noch heute auf alte, herkömmliche Art per Hand Wolle spinnt und diese zu Teppichen verarbeitet, sondern schilderte uns auch in eindrucksvoller Weise, wie sich ihre Mitarbeiterinnen in der „arabischen Männerwelt“ emanzipiert haben.

Die nächste Station war das Fellachendorf Drejat. Die arabischen Einwohner lebten noch vor 30 Jahren gemeinsam mit ihren Haustieren in Höhlen. Unser Gastgeber, Jaber Abu Hammad, lebte in den ersten Jahren noch in einer Höhle, die heute leicht touristisch ausgebaut ist und die er uns voller Stolz und bei einer köstlichen Tasse Tee zeigte. In seinem schönen Haus bewirtete er uns später mit kleinen Speisen.

Zwei hochinteressante Besuche in einer anderen, fremden Welt und doch in Israel. Besuche, die uns das Land in einer weiteren für uns bisher unbekannten Facette zeigte.

Berichtenswert ist unsere Begegnung mit Sarah und Joel Dorkam. Joel erzählte uns über sein Elternhaus in Kassel. Sein Vater, Sigmund Dispeker, war ein bekannter Redakteur und Journalist bei der damaligen „Kasseler Post“. Mit drei Jahren verließ Joel mit seinen Eltern Deutschland fluchtartig. Er sprach in seiner ruhigen, beeindruckenden Art auch über den schweren, gefahrvollen Anfang in Israel und sein Leben bis heute. Seit vielen Jahren ist er nun schon der Leiter des Kibbutz Palmach Tsuba in den Judäischen Bergen vor den Toren Jerusalems. Dieses „letzte“ Gespräch, in dem er die Liebe seiner Eltern zu Kassel schilderte, hat uns alle sehr berührt, führte es uns doch ein weiteres Mal vor Augen, welche Stärke und Willenskraft die Menschen der ersten Generation in Israel hatten, um das Land in 60 Jahren in einer Weise aufzubauen, die uns heute nur größte Hochachtung und Bewunderung abverlangen kann.

Selbstverständlich sind auch die touristischen Momente auf unserer 15-tägigen Reise nicht zu kurz gekommen. Wir haben Israel von der libanesischen Grenze bis zum Toten Meer kennen gelernt und unendlich viel gesehen. In Metulla an der libanesischen Grenze beispielsweise waren wir von der Schilderung der Raketenangriffe vor zwei Jahren erschüttert, In Jerusalem waren wir überrascht, dass wir problemlos auf den Tempelberg durften und wir waren immer wieder erfreut, wenn uns unser Busfahrer Jamal beim Verlassen des Busses stets voller Freude mit seinem gerade neu erlernten Gruß verabschiedete: „Mach´s gut!“

Und das rief er auch ein letztes Mal morgens um 3 Uhr am Flughafen, und wir riefen voller Überzeugung zurück: „Auf Wiedersehen!“

Manfred Oelsen


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