Arbeitsgemeinschaft Bonn
Jede Begegnung ist eine neue Herausforderung
„Da haben Sie ja inzwischen viel Erfahrung, da kann nichts mehr schief gehen!“ So reagieren Leute oft auf das deutsch- jüdisch- arabische Jugendprojekt, wenn sie davon hören. Das stimmt, wenn man an die organisatorischen Vorbereitungen denkt. Man weiß, salopp ausgedrückt, wo es langgeht.
Doch vor Überraschungen ist man nicht gefeit, wenn es z.B. um die jüdisch- arabische Verständigung geht, wie bei der neunten Begegnung im August in Bonn. Der Besuch wurde wieder möglich durch Zuschüsse des Koordinierungszentrums für den deutsch- israelischen Jugendaustausch, der Bundesstadt Bonn sowie der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“.
So waren wir überrascht, dass sich die 10 arabischen und 10 jüdischen Jugendlichen einander persönlich fremd geblieben waren, obwohl sie im letzten Schuljahr in einer gemeinsamen Unterrichtsreihe über Identität und Staatsbürgerschaft gearbeitet hatten – abwechselnd in Amakim-Tavor und Iksal .Sie hatten auch gemeinsam ein Vorbereitungsseminar in Givat Haviva besucht. Denselben Eindruck hatte die israelische Lehrerin Ilana Elmakayes, die die Gruppe zum ersten Mal begleitete: „In den Gesprächen mit unseren Schülern haben wir gesehen, dass die Verständigung zwischen ihnen fehlte, dass wir Konflikte haben. Es gab sehr starke Emotionen, als diese Sache zur Sprache kam. Aber das Gespräch hat dazu geführt, dass beide Seiten verstanden haben, dass die gemeinsame Delegation zur Verständigung beiträgt und man sich darum bemühen muss.“
Es dauerte eine gewisse Zeit, bis die Gruppe die Hürde der Fremdheit nahm. Dazu trugen vor allem der mehrtägige Aufenthalt in Berlin bei und das historisch- biographische Projekt der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, an dem wir uns beteiligten. Dessen Thema lautete: „Herkunft – Was bedeutet das? Deutsche, jüdische, und arabische Jugendliche beschäftigen sich mit Flucht, Vertreibung oder Migration.“ Dabei ging es darum, die Herkunft ihrer Familien in Deutschland und Israel zu erkunden, Familienangehörige zu befragen und sich mit den Beweggründen für das Verlassen der ursprünglichen Heimat auseinander zu setzen. Die Ergebnisse sollen in einer mehrsprachigen Ausstellung und Dokumentation in Israel und Deutschland gezeigt werden.
Die deutschen Schüler hatten in der Vorbereitungszeit schon in ihren Familien nachgeforscht, nach Interviewpartnern gesucht und einen Fragenkatalog erstellt. Mit ihren israelischen Gästen bildeten sie nun gemischte Arbeitsgruppen– jeweils zwei Deutsche mit ihrem jüdischen und arabischen Gast. Sie interviewten gemeinsam Großeltern oder Eltern und waren erstaunt über die unterschiedlichen Schicksale. Eine Großmutter, die nie über ihre furchtbaren Erlebnisse bei der Flucht aus Schlesien gesprochen hatte, berichtete nun zum ersten Mal auf Bitten ihrer Enkelin darüber. Ein Vater musste aus politischen Gründen aus Rumänien fliehen, und die Eltern einer kurdischen Schülerin beschrieben ihren langen und gefährlichen Fluchtweg aus dem Irak. Ein Großvater antwortete auf die Frage, warum er England verlassen hatte, um in Deutschland zu leben: „Aus Liebe!“
So wuchs in den Gruppen zusehends ein gemeinsames Interesse. Die Frage, ob jemand jüdisch, deutsch oder arabisch war, spielte keine Rolle mehr. Was zählte, war die Zusammenarbeit. In den Seminarstunden diskutierten sie über die Ergebnisse, die Visualisierung, die historischen Hintergründe und die Übersetzung ins Arabische und Hebräische. Daraus entwickelten sich allmählich auch die persönlichen Kontakte. Viele der israelischen Gäste betonten in ihren Abschlussberichten, als wie gut und interessant sie die Projektarbeit empfunden hätten.
Erstaunt hat uns auch, wie schnell und positiv sich dieses Mal die Beziehungen zwischen den Deutschen und ihren Gästen entwickelten. Dazu hat gewiss beigetragen, dass fast alle Jugendlichen schon im Vorfeld per E-Mail Kontakt mit ihren Partnern in Israel oder Deutschland aufgenommen hatten. Fast alle wussten also, wer kam und wohin sie kamen. Zum ersten Mal gab es nach der Ankunft keine besorgten Telefongespräche mit ihren Lehrern und keine Bitte um einen Wechsel der Gastfamilie. Im Gegenteil, alle waren des Lobes voll, sowohl die Gastfamilien als auch die Gäste.
Sie hätten sich nicht vorgestellt, dass es so schnell gelänge, Freundschaften mit gleichaltrigen Jugendlichen aus einem fremden Land zu schließen, betonten die israelischen Gäste in ihren Berichten am Ende des Aufenthalts.
Das Projekt über „Herkunft“ soll bei dem Gegenbesuch der Deutschen in den Osterferien in Israel fortgesetzt werden. Dass der „Traum von Frieden und Brüderlichkeit“, von dem ein arabischer Schüler in seiner Zusammenfassung sprach, eines Tages Wirklichkeit werden kann, das ist auch unsere Hoffnung.
Magdalene Krumpholz