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Arbeitsgemeinschaft Bonn

Staat und Religion in Deutschland und Israel

Bericht über das Wochendseminar der DIG/AG Bonn 2009

Das 23. Wochenendseminar der DIG in Bonn stand im Januar dieses Jahres unter dem Thema „Kein Mangel an heißen Eisen – Staat und Religion in Deutschland und Israel“. Trotz der aktuellen Ereignisse im Gazastreifen, die in den Pausengesprächen zwischen den Teilnehmern und mit den Referenten lebhaft diskutiert wurden, fand die Problematik des Verhältnisses von Staat und Religion großes Interesse bei den 45 Mitgliedern und Freunden der DIG Bonn.

Ziel des Seminars war es, Gemeinsamkeiten und die Unterschiede zwischen beiden Ländern herauszuarbeiten. Leitfragen dabei waren: Wie hat sich das Verhältnis von Staat und Religion in Deutschland seit der Reformationszeit entwickelt? In welcher Weise haben die Staatsgründer Israels das europäische Staatsverständnis und Gesellschaftsbild rezipiert? Wo geht Israel bei der Gestaltung des Verhältnisses von Staat und Religion eigene Wege?

Dabei machte der Leiter des Zentrums für Religion und Gesellschaft an der Universität Bonn, Prof. Wolfram Kinzig, deutlich, wie sehr trotz zunehmender Säkularisierung die deutsche politische Kultur und das Alltagsleben nach wie vor von christlichen Traditionen bestimmt werden. Der direkte öffentliche Einfluss der Institution Kirche, so Kinzig, nehme zwar ab, jedoch versuchten die Kirchen zunehmend indirekt Einfluss zu nehmen, beispielsweise über die verdeckte Steuerung von Film- und Fernsehproduktionen. Dies wertete Kinzig als ethisch bedenklich.

Der israelische Philosoph Prof. Gideon Freudenthal von der Universität Tel Aviv wandte sich unter Rückgriff auf Moses Mendelssohn dem Verhältnis von ‚offizieller’ Religion und individueller Religiosität in Israel zu. Das Judentum könne nicht als Religion im europäischen Sinne definiert werden, da Judentum nicht nur für eine Religion, sondern auch für eine Ethnie stehe. Daher könne es auch keine säkularen Juden geben, sondern nur mehr oder weniger gesetzestreue. Die Spannung, die Israel als „jüdischen und demokratischen Staat“ charakterisiere, liege in dem ethnischen Verständnis der israelischen Demokratie begründet.

Im anschließenden Gespräch unter Leitung unseres Vorstandsmitglieds Prof. Tilman Mayer wurden die Thesen der beiden Wissenschaftler vertieft und unter Einbeziehung des Publikums weitere Aspekte, wie die Bedeutung der Aufklärung für beide Kulturen, erörtert.

Einen besonderen Akzent erhielt das Seminar durch den Abendvortrag der Literaturwissenschaftlerin Dr. Carola Paulsen, Mitglied in der AG Bonn. Sie machte das Spannungsfeld von „Macht, Religion und Individuum“ am Beispiel literarischer Erzählungen von S. Yishar, Savyon Liebrecht und Lion Feuchtwanger eindrücklich sichtbar.

Der zweite Seminartag begann mit einem Vortrag von Dr. Ghaleb Natour, der aus Sicht eines arabisch-palästinensischen Israelis, der seit langem in Deutschland lebt, die Situation der Israelis nicht-jüdischer Herkunft vorstellte. Dabei gelang ihm ein sehr differenziertes Bild des Lebens der arabischen Bürger Israels, indem er deren Interessen und Forderungen an den israelischen Staat formulierte, ohne die Leistungen der israelischen Demokratie unberücksichtigt zu lassen.

Die Veranstaltung schloss mit einem hoch interessanten Gespräch über den „Religionsunterricht als Politikum“ zwischen dem Leitenden Schulreferenten der regionalen evangelischen Kirchenkreise; Friedrich Talmon; und Dr. Roland Henke, dem für das Religionsersatzfach „Praktische Philosophie“ bei der Bezirksregierung Köln zuständigen Referenten. Hier wurde deutlich, wie am konkreten Beispiel des Schulunterrichts Staat und Religionsgemeinschaften in Deutschland zum Dialog aufgefordert sind.

Heinrich Bartel/Jutta Illichmann


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