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Arbeitsgemeinschaft Hamburg

Die Kraft zur Korrektur

Es war einer dieser Momente, wo zutiefst Menschliches Hoffnung in dem endlos erscheinenden Nahost-Konflikt aufkeimen lässt. David Grossman ist ein unerschütterlicher Optimist, der an die Kraft der Sprache und der Literatur, an den langsamen, aber stetigen Wandel glaubt. So sei die einst umstrittene Zwei-Staaten-Lösung mittlerweile von der Mehrheit der Israelis akzeptiert, ihre Demokratie habe alle Kämpfe überlebt, ihre Geschichte sei ein Wunder. Und doch sei Normalität für Israel noch längst nicht erreicht: "to be one people among peoples", ein normales Land wie jedes andere zu sein, jenseits der Idealisierung wie Dämonisierung, mit festen Grenzen und nicht in seiner Existenz bedroht – dieses Ziel gelte es zu erreichen.

Rund 200 Gäste der DIG Hamburg – darunter zahllose Mitglieder, viele Hamburger Schriftsteller, Abgeordnete der Hamburger Bürgerschaft sowie Repräsentanten des Konsularischen Korps – wurden am 7. Dezember 2008 Zeugen eines eindringlichen Gesprächs mit dem diesjährigen Geschwister-Scholl-Preisträger, dem israelischen Schriftsteller David Grossman (54). In der Bucerius Law School stellte er sich den Fragen von Dr. Rainer Moritz (Hamburger Literaturhaus) zum Thema „60 Jahre Israel - Die Kraft der israelischen Literatur“. Grossman ermutigte die Deutschen, Israel in seinen Bemühungen zum Dialog mit den Palästinensern zu bestärken. Israel könne den Konflikt nicht allein lösen.

Die jungen israelischen Pianisten Sivan Silver und Gil Garburg gaben mit drei „Liedern ohne Worte“ den Auftakt zu einer Veranstaltung, die gerade das Potential der Literatur bei der Lösung von Konflikten ausloten sollte. Der Vorsitzenden der DIG Hamburg, Heike Grunewald, war es gelungen, für diese Erkundung die Hamburger Autorenvereinigung als Kooperationspartner zu gewinnen. In ihrem Grußwort dankte sie allen Gästen, sich trotz der vorweihnachtlichen Terminenge Zeit für das wichtige Thema zu nehmen. Heike Grunewald erinnerte an die Hamburger Veranstaltungen zu „60 Jahren Israel“ und an die Vielfalt der Partner der DIG. Dieses breite gesellschaftliche Fundament mache sie zuversichtlich für die Zukunft.

Es gelte ein dichtes Netzwerk zu flechten, um Vorurteile ab- und Vertrauen aufzubauen. Dazu gehöre das Wissen um die ganze israelische Realität, die nicht nur aus Krieg und Konflikten bestehe, sondern aus vielfältigen Erfolgen in Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur, gerade auch in der Literatur.

David Grossman sei ein „Freund des Friedens, aber kein Pazifist“. Heike Grunewald gratulierte dem Preisträger und skizzierte kurz dessen Lebenslauf: 1954 in Jerusalem geboren, Studium der Philosophie und Theaterwissenschaften, Korrespondent und Moderator für Kol Israel, ein Jugendbuchautor, dessen Werk in 30 Sprachen übersetzt wurde, ein Friedensaktivist und früher Advokat der Zwei-Staaten-Lösung, dessen Leitprinzip das Einfühlen in den anderen sei.

Zur Verdeutlichung dieses Motivs las der Vorsitzende der Hamburger Autorenvereinigung, Gino Leineweber, auf Grossmans Vorschlag hin dessen Rede vom April 2007: „Schreiben im Katastrophengebiet“. Darin beschreibt Grossman, wie die Sprache in Zeiten des Konflikts verflacht, den Dialog verstummen lässt und die Weltsicht verengt. Und er zeigt den Ausweg aus dieser Falle – die Kraft zur Korrektur, die sich aus der Literatur speist: „Wir schreiben. Wir sind zu beneiden: Die Welt schnappt nicht über uns zu, sie wird nicht enger mit jedem Tag.“

Im anschließenden Gespräch mit Rainer Moritz drückte David Grossman seine Bewunderung für den Mut der Geschwister Scholl aus, der Gehirnwäsche der Nazis zum Trotz sich ihre eigene Meinung und individuellen Werte bewahrt, „Ich statt Wir“ gesagt zu haben. Die komplexe Welt lasse sich nicht aus einer einzigen Perspektive erfassen, doch könne die Literatur dabei helfen, mehr Gesichtspunkte einzunehmen. Denn gerade der Schriftsteller schlüpfe ja in die Rolle des anderen, müsse sich in sie einfühlen, und sei sie noch so abstoßend oder fremd.

Der Konflikt mit den Palästinensern binde zu viele Kräfte ("blood goes to the wound") und vergeude das Leben – Israel brauche den Frieden. Nur zu überleben, reiche nicht mehr. Dafür gelte es, Kompromisse zu schließen, müssten beide Seiten schmerzhafte Zugeständnisse machen: zwei Staaten (kein binationaler Staat) in festen, anerkannten Grenzen, ein geteiltes Jerusalem, Landtausch und die Aufgabe von Siedlungen. Erst dann sei Normalität möglich.

Provokante Thesen, die auf ein begeistertes Publikum und viel Beifall stießen.

Thomas Thanisch


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