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Arbeitsgemeinschaft Berlin

"Versöhnungskitsch"

Ein brisantes Thema hatte sich die „Woche der Brüderlichkeit“ in ihrem Nachtprogramm auferlegt: „Diesseits der faulen Versöhnung – Versöhnungskitsch und ordentlicher Streit zwischen Juden, Christen und Islam“ lautete es in seiner etwas sperrigen Länge, um dann jedoch mit einem enthüllenden Zitat aus Soma Morgensterns Roman „Flucht in Frankreich“ sofort auf den Kern der Diskussion – die falsche Art der Versöhnung – zu verweisen:

Morgenstern lässt nämlich einen vor den Nazis fliehenden Juden argumentieren: „Der letzte Trick (Hitlers, die Red.) wird das Spiel mit der Menschlichkeit sein. Der Mörder wird das Messer im Stiefelschaft verstecken, er wird sich die blutige Hand waschen und sie der ganzen Welt brüderlich entgegenhalten. … Und es ist durchaus wahrscheinlich, dass die Welt auch auf diesen Trick hereinfallen wird. Hitler versöhnt sich nun sogar mit den Juden, er wird noch die Zehn Gebote Mosis in sein Programm der NSDAP aufnehmen, wird die Welt sagen. Denn die Welt sucht ja nur nach einem Vorwand, mit Hitler Frieden zu machen.“

Mit diesem Zitat eröffnete Moderatorin Dr. Gesine Palmer am 26. März in der Akademie der KAS die Podiumsdiskussion – eine Veranstaltung, gemeinsam organisiert von KAS, DIG Berlin und Potsdam sowie der GCJZ. Brennpunkt des Themas, über das Dr. Edna Brocke (Alte Synagoge Essen), Dr. Ellen Überschär (Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages) und Dr. Hasan Karaca (Forschungszentrum für Religion) diskutierten, blieb die Frage: Wann endet das berechtigte Streben nach Dialog und Versöhnung? Wann wird es überfordert, das Streben? Wann endet es endlich in ein gewaltsames Ansinnen?

Ellen Überschär und Hasan Karaca präsentierten ihre Standpunkte auch nach provokativen Fragen auf bemerkenswert sanftmütige Weise: Weder für das Christentum noch für den Islam wurden die missionarischen Methoden und damit tendenziösen Inhalte verleugnet. Es sei aber eine Frage der Auslegung: Man könne die Methoden aggressiv anwenden; man könne sie aber auch als besonders belastende Teile der eigenen Tradition ablegen und sich eher den dialog- und versöhnungsbetonten Teilen verpflichtet fühlen.

In der Debatte – unter Einbeziehung des Publikums – zeigte sich schnell, dass die von Edna Brocke munter, selbstbewusst und klar vorgetragene jüdische Position des Nichtmissionierens trotz der Klarheit der Argumentation nicht immer leicht verständlich gemacht werden kann. „Juden“, so Brocke, täten sich aufgrund der nicht nur „religiösen“ Struktur des Judentums leicht mit der Idee, dass für andere Menschen eine andere Wahrheit gelten könnte als für sie. Das fiele Angehörigen der anderen beiden Religionen dort schwerer, wo sie mit deutlichen Abgrenzungen konfrontiert würden.

Kitschig sei die Art Versöhnung, die vom anderen die Aufgabe der elementarsten Selbsterhaltung sowie die Verleugnung aller Differenzen und Verletzungen erwarte. Versöhnungskitsch arbeite Gewalterfahrung nicht auf, sondern fordere eine Verleugnung; er ertrage keinen bleibenden Abstand und respektiere das Recht auf Eigensinn vor allem beim Schwächeren nicht. So die allgemeine Ansicht. Jede Rede von Versöhnung, die Macht- und Bedrohungsverhältnisse ignoriere, habe eine Tendenz zum Kitschigen.

Auf dem Podium wurde debattiert, inwiefern das mit den Lehrweisen der einzelnen Religionen zusammenhängt. Lessings Ringparabel aus „Nathan der Weise“ mit ihrem Aufruf zu Sanftmut und herzlicher Verträglichkeit wurde von den Beteiligten nicht nur zustimmend zitiert, sondern in der Diskussion auch vorbildlich eingehalten.

Ein Anfang, der Mut machte für weitere Gespräche. Der Bedarf zum „Trialog“ unter den drei großen Religionen scheint unerschöpflich.


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