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Arbeitsgemeinschaft Kassel

Im Schatten der Frauenkirche und hinter dem Rathaus
Eine Reise nach München

32 Teilnehmer der DIG Kassel freuten sich am 21. April auf die Busfahrt nach München, in die „Stadt mit Herz“, freuten sich besonders auf die neue Synagoge am St.-Jakobs-Platz, das Gemeindezentrum der Jüdischen Gemeinde und das Jüdische Museum München. Das Hotel am Viktualienmarkt war ideal gelegen für einen Spaziergang zur neuen Synagoge, gleich am ersten Abend. Unter der fachkundigen Leitung unseres Mitglieds Rainer Bartling.

Wer die kunstvoll beleuchtete Synagoge bei Dunkelheit betrachtet, muss den Befürwortern dieses Standortes für ihre Hartnäckigkeit danken, diesen Platz gegen alle Kritiker verteidigt zu haben. Der Platz hat Würde, strahlt Ruhe und zugleich Offenheit aus. Die transparente Fassade des Jüdischen Museums, das mächtige Fundament der Synagoge – der Klagemauer in Jerusalem nachempfunden – und der wehrhafte kleine Eingang zum Gemeindezentrum machen auf die vermeintlich widersprüchlichen Aufgaben aufmerksam, denen sich Architekten heute noch immer stellen müssen, wenn es um jüdische Bauten geht.

Man ertappt sich bei der Suche nach Alarmanlagen, nach Polizisten und Polizeiautos. Man sieht nichts dergleichen, und doch ist der Platz gesichert. Der unsichtbare Aufwand, um dem Besucher ein ungetrübtes Bild durch die großen Fensterflächen des Museums auf die Synagoge zu ermöglichen, soll freilich erheblich sein.

Mit diesen ersten Eindrücken besuchten wir am zweiten Tag die Gedenkstätte Dachau, die ihre Besucher mit einer überarbeiteten Konzeption der Gedenkstättenarbeit konfrontiert. Die Besichtigung von Unterkunftshäusern, von originalen Gegenständen, ist weithin reduziert. In den Vordergrund gerückt ist dafür die Rolle des Konzentrationslagers: Dachau gleichsam als Mustereinrichtung für alle späteren Vernichtungslager der Nazis – über ganz Europa verteilt. Das betrifft nicht nur die Schulung des SS-Personals, sondern auch die Entwicklung der Lagerordnung einschließlich aller Sanktionsmechanismen.

Bereit fünf Wochen nach der Machtergreifung war Dachau das Lager in Deutschland, in dem junge SS-Wachmannschaften zur Ausübung von Gewalt, in besonderer Weise gegenüber Juden, angehalten und trainiert wurden. Die Prinzipien der Ausgrenzung, Demütigung, Gewaltanwendung bis hin zur gezielten Vernichtung Andersdenkender waren Bestandteil der Ausbildung. Mehr als 40 Mitglieder der SS aus Dachau übten später leitende Funktionen, häufig sogar als Lagerleiter, in den besetzten Gebieten aus.

In Dachau und den angeschlossenen Außenlagern waren in den zwölf Jahren der Nazi-Herrschaft aus ganz Europa mehr als 200.000 Menschen inhaftiert. Bis das Lager von den amerikanischen Truppen am 29. April 1945 befreit wurde, starben hier annähernd 43.000 Menschen.

Wir waren tief beeindruckt von der heutigen Präsentation und Konzeption, die uns Günter Achartz aus Dachau in einer mehr als dreistündigen Führung nahe gebracht hat. Dass es offenbar gelingt, den Stellenwert, den das KZ Dachau im Nazi-Regime besaß, heute deutlich zu machen, bewiesen Hunderte von Schülerinnen und Schülern, die an diesem Tag anwesend waren.

Ähnlich eindrucksvoll wie der Besuch der Synagoge, des Jüdischen Museums und des Gemeindezentrums war zuvor in Fürstenfeldbruck auch die Besichtigung der Gedenkstätte für die elf bei den Olympischen Spielen von München ermordeten israelischen Sportler.

Von der Jüdischen Gemeinde imponierte uns besonders Eric Lehmann. Ausgesprochen beredt und humorvoll schilderte er uns seinen täglichen Aufgabenbereich, den er mit seinen Helfern und Helfershelfern zu bewerkstelligen hat. Uns zeigte und erklärte er das Ritualbad und seine Bedeutung in heutiger Zeit. Besonders aber liegt ihm, was unschwer zu spüren war, seine Synagoge am Herzen, die, dem Zelt Jakobs nachempfunden, deshalb auch „Ohel-Jakob-Synagoge heißt. Da er unsere Kasseler Synagoge mit dem wundervoll verarbeiteten Zedernholz nicht kennt, luden wir ihn, der uns so köstlich unterhalten hat, spontan zu uns ein.

Die Sonderausstellung im Jüdischen Museum „Stadt ohne Juden“ führte uns wieder zurück in den Ernst der Geschichte. 400 Jahre nahm München, „Metropole mit Herz“, keine jüdischen Bürger auf. Das änderte sich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, sodass sich jüdisches Leben bis 1933 nur über einen Zeitraum von 60 – 70 Jahren entwickeln konnte und erst allmählich wieder nach dem Zweiten Weltkrieg. Nur eine Tafel hinter dem Rathaus, im Schatten der Frauenkirche, erinnert an das einstige jüdische Viertel.

Auf der Rückfahrt besuchten wir noch das kleine Museum in Schnaittach und die drei Jüdischen Friedhöfe im Ort. Ein lohnenswerter Besuch, findet man doch noch eindrucksvolle Zeugnisse eines Jahrhunderte währenden Landjudentums. Das Rabbiner- und Vorsängerhaus sowie der Hauptraum der Synagoge aus dem Jahre 1570 haben viele Besucher verdient! Birgid Kroder-Gumann gewährte uns bedachtsam und mit großer Sensibilität einen Einblick in das Miteinander von Juden und Nichtjuden im ländlichen Raum. Jeder Grabstein oder jedes Bruchstück, das heute noch hier oder im nahen Bach gefunden wird, enthüllt ein Stückchen eigener Geschichte. Eine spannende Reise geht zu Ende mit dem Dank an Heike Pönitz, unsere Schriftführerin, und Rainer Bartling. Beide waren zuständig für die Organisation dieser Fahrt. Sie hat sich mehr als gelohnt.

Wolfgang Caspar


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