Arbeitsgemeinschaft Ostfriesland
Wer hätte das gedacht? - Eine Sprachglosse
Der November ist ein Monat des Gedenkens an Krieg, Tod und Schuld. Vor 91 Jahren endete der erste Weltkrieg, vor 71 Jahren brannten in Deutschland die Synagogen und wurden jüdische Bürger gequält, deportiert und getötet.
In der Londoner Westminster Abbey befindet sich seit 1920 das Grab eines Unbekannten Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, eingelassen in den Boden des Langschiffs. Seine schwarze Marmorplatte ist das ganze Jahr hindurch von einem Kranz künstlicher Mohnblumen eingerahmt. Die gleiche Mohnblume, die an die Schlachtfelder Flanderns erinnern soll, wird in den Wochen vor dem Remembrance Day (Tag der Erinnerung) von den Ansagerinnen und Ansagern und überhaupt von jedem in den britischen Fernsehprogrammen im Knopfloch getragen. Zahlreiche Sendungen im BBC dieses Jahres ließen erkennen, dass, anders als bei uns, besonders The Great War 1914-18 im öffentlichen Bewusstsein noch sehr gegenwärtig ist. Remembrance Day ist jeweils der Sonntag, dessen Datum dem Armistice Day am nächsten ist. Dieses Jahr wird es der 9. November sein. Am 11. November 1918 nämlich führte ein Waffenstillstand zum Ende des Ersten Weltkriegs.
Es war auch am 11. November, im Jahr 1939, als Hilde de Löwe mit ihrem Mann Bert , beide aus Norden (Kleinstadt in Ostfriesland), auf der Flucht vor den Nazis in New York ankam. Dass dies der Armistice Day war, den auch die Amerikaner feiern, erwähnt sie ausdrücklich in ihren Lebenserinnerungen, „The Kaleidoscope".
Wie an unserem Volkstrauertag wird aber am Remembrance Day in Großbritannien der Toten beider Weltkriege gedacht. Den verheerenden Luftangriffen des Zweiten Weltkriegs 1939-45 besonders auf Coventry und London gaben die Briten einen deutschen Namen: Sie nennen sie noch heute „The Blitz" oder „The German Blitz".
Die Deutschen haben mit dem 9. November einen weiteren Gedenktag, der düster besetzt ist. Der Stellenwert dieses Tages, an dem es nicht nur um Klage, sondern vor allem um Schuld geht, ist sowohl in den Printmedien als auch in Rundfunk und Fernsehen mit gebührender Aufmerksamkeit und großem Ernst hervorgehoben worden.
Seit Jahrzehnten fragen wir Deutschen uns, welche Bezeichnung deutlich genug ist, dass sie unserem Bemühen gerecht wird, die grausigen Ereignisse vom 9. November beim rechten Namen zu nennen.
Ein Feuilletonartikel im Ostfriesischen Kurier vom 11. September 1995 setzt sich mit allerlei Begriffen auseinander, die von den Nationalsozialisten entweder missbraucht oder neu geprägt wurden, ..Untermensch" z.B., „Sonderbehandlung" oder „Endlösung", meist verschleiernden Euphemismen. Der Ausdruck „‘Reichskristallnacht‘ für die Pogrome am 9. November 1938", so heißt es in diesem Zusammenhang, wird als „verharmlosend" empfunden. Inzwischen lesen und hören wir allenthalben von den Schandtaten deutscher Nazis in der „Pogromnacht" oder „Reichspogromnacht". Letztere Bezeichnung verweist auf die Staatsmacht, deren Schergen in ganz Deutschland gleichzeitig Brandstiftungen durchführten und Schlimmeres anrichteten.
Es stellt sich allerdings heraus, dass das Wort „Pogromnacht" aus mehreren Gründen so tauglich doch nicht ist. Pogrom ist russisch und bedeutet Aufruhr oder Verwüstung. Allgemein gilt der oder das Pogrom als der Angriff eines Pöbels gegen Personen und deren Eigentum, die einer religiösen, ethnischen oder nationalen Minderheit angehören. Er geschieht entweder mit der Billigung oder mit dem Auftrag einer Obrigkeit. Historisch verstehen wir darunter in erster Linie Übergriffe dieser Art gegen Juden in Russland. Dort häuften sich Pogrome 1881 und zwischen 1903 und 1905. Das Musical „Anatevka" nach dem Text von Sholem Alejchem sowie dessen Verfilmung bieten einen verhältnismäßig harmlosen Eindruck von den Attacken eines berittenen Mobs auf wehrlose Bürger eines Shtetls, d.h. eines rein jüdischen Dörfchens. Schlimm, gewiss, aber nicht zu vergleichen mit der Logistik, die 1939 zu der systematischen Zerstörung von rund 1.200 Synagogen, der Verwüstung von etwa 7.000 Geschäften und zum Tod von vermutlich mehr als 1.000 jüdischen Menschen in dieser Nacht führte. Sogar die unglaubliche sprachliche Entgleisung, die sich der niedersächsische Ministerpräsident im letzten Jahr erlaubte, als er die harsche Kritik an deutschen Managergehältern mit einer „Pogromstimmung" verglich, zeigt, für wie harmlos er im Grunde einschätzt, was ein Pogrom war.
Das deutsche Wort Kristallnacht jedoch, darin ähnlich dem deutschen Wort Blitz, wie es die Briten benutzen, ordnet die Gewalttaten in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 eindeutig deutschen Tätern zu. Es lenkt gewissermaßen nicht davon ab durch den fremdsprachlichen Verweis auf – außerdem in Russland geschehene – Gewalttaten an Juden. Die Kristallnacht als Auftakt für den bald einsetzenden Völkermord war einmalig. In ihren Lebenserinnerungen spricht die Norder Jüdin Hilde de Löwe, die in ihrer US-amerikanischen neuen Heimat Hilda De Lowe hieß, nie anders von dieser Nacht, deren Zeugin und Opfer sie war, als von der Kristallnacht, ohne Anführungszeichen. Das Wort hebt sich auffällig auch so von dem umgebenden englischsprachigen Text ab. Man hört die Scherben förmlich klirren. Keinesfalls empfindet sie das Wort als verharmlosend. Am Abend des 9. November 2008 zeigte die ARD in ihren Tagesthemen folgende Inschrift auf einer Wand der Jerusalemer Gedenkstätte für die Shoah, Yad Vashem: 70 YEARS AFTER KRISTALLNACHT. Der Titel eines Werks des eminenten britischen Historikers Martin Gilbert von 2006 heißt Kristallnacht (durch keine Anführungszeichen relativiert), der Untertitel: PRELUDE TO DESTRUCTION (Auftakt zur Vernichtung). Jack De Lowe, Sohn Hilda De Lowes, die davonkam, Enkel und Neffe von Norder Juden, die nicht mit dem Leben davonkamen, hat das Buch am 7. November dieses Jahres den Schülerinnen und Schülern des Norder Ulrichsgymnasiums geschenkt.
Es sieht wohl so aus, als sollten wir in Zukunft doch wieder von der Kristallnacht sprechen. Verharmlosend, das sagte Jack De Lowe, sei Pogromnacht. Wer hätte das gedacht? Und was sagen die Überlebenden, die in Israel leben, in der Sprache des Landes ihrer Zuflucht? Leil-habedolach sagen sie: Nacht des Kristalls.
Von Jutta Dauth