Welcher Ort wäre besser als Bonn geeignet, um über die deutsch-israelischen Beziehungen zu diskutieren? Schließlich waren es ^
"Bonn" und "Jerusalem", die vor 40 Jahren diplomatische Beziehungen aufnahmen. Aus Anlass dieses Jubiläums luden die AG Bonn
und die Friedrich-Ebert-Stiftung zu einer Podiumsdiskussion unter dem Titel "Total normal?" ein.
Avi Primor, von 1993 bis 1999 israelischer Botschafter in Deutschland, erinnerte daran, dass der Aufnahme diplomatischer
Beziehungen das so genannte Wiedergutmachungsabkommen vorausging. Da Deutschland seine Verpflichtungen gegenüber Israel
zum großen Teil durch die Lieferung von Maschinen und industriellen Produkten erfüllte, legte das Wiedergutmachungsabkommen -
wenn auch unbeabsichtigt - den Grundstein für wirtschaftliche Beziehungen, aber auch persönliche Kontakte zwischen Menschen
aus beiden Ländern. Heute, so unterstrich Primor, ist Deutschland nach den USA der wichtigste Partner Israels weltweit.
Franz Bertele, von 1993 bis 1996 deutscher Botschafter in Israel, kennzeichnete die deutsch-israelischen Beziehungen als
"Erfolgsgeschichte". Er gab aber auch zu bedenken, dass die guten Beziehungen in beiden Ländern nur von einem kleinen Teil
der Bevölkerung getragen werden.
Dass die Shoah auch künftig ein prägendes Moment der deutsch-israelischen Beziehungen sein wird, steht außer Zweifel.
Friedhelm Boll vom Institut für Sozialgeschichte stellte den nationalsozialistischen Völkermord an den Juden als didaktische
Herausforderung dar. In der Begegnung von Überlebenden der Shoah mit jungen Deutschen sei es notwendig, nicht nur über Fakten zu
sprechen, sondern auch über Gefühle - über Ablehnung, auch Hass auf der einen Seite, über Schuldgefühle auf der anderen Seite.
Das Sprechen über Gefühle erleichtere beiden Seiten das "Zurechtkommen" mit der historischen Last.
Auch Jugendbegegnungen und Städtepartnerschaften zwischen Deutschland und Israel entwickelten sich im Schatten der Vergangenheit.
Monika Möller vom Verein zur Förderung der Städtepartnerschaft Köln - Tel Aviv-Yafo erinnerte daran, dass die erste
Jugenddelegation aus Köln, die bereits 1960 nach Israel reiste, sich noch einer französischen Gruppe anschließen musste.
In der Rückschau müssen diese Jugenddelegationen als Vorreiter der diplomatischen Beziehungen gelten.
Peter Philipp, von 1968 bis 1991 Korrespondent verschiedener Medien in Jerusalem, problematisierte den Begriff der
Normalität. "Normal" heiße nichts anderes als "korrekter Umgang miteinander". Und korrekt zu berichten bedeute:
"nicht durch eine bestimmte Brille gefärbt". Wenn nun Korrektheit das Maß für Normalität sei, dann gebe es in
den deutsch-israelischen Beziehungen vieles, das nicht normal ist: Bis heute scheuen viele deutsche Politiker
davor zurück, Israel öffentlich zu kritisieren. Umgekehrt neigen manche israelischen Politiker dazu, hinter
jeder Kritik an Israel Antisemitismus zu vermuten.
Wie man die deutsch-israelischen Beziehungen auch kennzeichnen mag - als normal oder nicht normal - sie bleiben
"einzigartig", so der frühere deutsche Botschafter in Israel, Wilhelm Haas, in einem Einwurf in die Diskussion.
Und damit bieten sie immer wieder interessanten Gesprächsstoff für die Deutsch-Israelische Gesellschaft.
Jutta Illichmann