Gründung der Hochschulgruppe Augsburg

Autor: Dominik Drexel, Sprecher der DIG-Hochschulgruppe Augsburg
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Als Anfang Mai 2015 der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, zu Gast in Augsburg war, hielt er nicht nur zwei Vorträge und ein Podiumsgespräch, sondern konnte auch der Gründung der neuen Hochschulgruppe der Deutsch-Israelischen Gesellschaft an der Uni Augsburg beiwohnen. Neben ermutigenden Glückwünschen setzte Avi Primor auch mit einer Ehrenmitgliedschaft in der Gruppe ein deutliches Zeichen der Solidarität.

 

Die InitiatorInnen der Hochschulgruppe verfolgen seit Jahren nicht nur die Situation Israels im Nahen Osten, sondern auch die Wahrnehmung Israels in Deutschland. Die Gründung der Gruppe ist für sie logisches Resultat des Willens, ihren akademischen Raum nicht aufzugeben, den sie in Bezug auf Israel häufig als überheblich, paternalistisch oder schlicht feindlich und ressentimentgeladen wahrnehmen.

 

Nicht nur an der Uni, auch in Augsburg selbst kam es wie in vielen anderen Städten in Deutschland auch bei einer „pro Gaza“-Demo zu antisemitischen Anfeindungen, emotionalisierten antiisraelischen Redebeiträgen und hasserfüllten Parolen. Die DIG Hochschulgruppe Augsburg sieht es als dringend nötig an, Antisemitismus, Antizionismus und Rassismus endlich wirkungsvoll und kritisch zu begegnen.

 

Dazu wird sie vielfältige Wege nutzen. Einerseits müssen endlich eine kritische Auseinandersetzung mit antiisraelischen Ressentiments in Medien und Bevölkerung sowie Antisemitismus in seinen vielfältigen aktuellen, nicht nur arabischen, Erscheinungsformen beginnen und Gegenstrategien entworfen werden. Dazu ist für das Wintersemester 15/16 ein breites Programm mit Vorträgen, Podiumsgesprächen, Filmvorführungen und Museumbesuchen geplant. Weitere Infos dazu folgen.

 

Andererseits ist der persönliche Austausch mit und nach Israel von grundlegender Bedeutung. Dazu werden Tips und Hilfestellungen für Auslandsaufenthalte in Israel geleistet werden und das Land Israel auf entsprechenden Veranstaltungen auf dem Campus (zuletzt am Internationalen Tag am 17. Juni) vorgestellt werden. Der Hochschulgruppe sind Interessierte aus Augsburg und von der Uni jederzeit herzlich willkommen.

 

Im Rahmen der Gründung richtete einer der Sprecher der Gruppe, Dominik Drexel, einige Worte an die anwesenden KommilitonInnen, Avi Primor, die Uni-Präsidentin und weitere DozentInnen MitarbeiterInnen der Uni Augsburg sowie an die Vorstände der DIG Augsburg-Schwaben.

 

„Am 14. Mai 2015 feierte der jüdische Staat Israel seinen 67. Geburtstag. Was genau wird gefeiert? Wir feiern das historische Heraustreten von Jüdinnen und Juden aus der Abhängigkeit von anderen Nationen, Gesellschaften und Staaten. Ganz besonders diese Bedeutung trägt der Begriff der „Unabhängigkeitserklärung“: Die Emanzipation von jahrhundertelanger Stigmatisierung, Diskriminierung, Verfolgung und Mord, die je nach Weltregion und historischem Zeitpunkt mal stärker, mal weniger stark auftraten. Der Zionismus, wenn man diesen schillernden Begriff mal kurz brachial runterbrechen möchte, steht für die bittere Einsicht, dass – egal, wie sehr sich Jüdinnen und Juden in ihre jeweiligen Gesellschaften integrieren – diesen stets die Gefahr droht, als Kollektiv herausgerissen und fälschlicherweise für Missstände verantwortlich gemacht zu werden. Die Erfahrungen des christlichen Antijudaismus und später des modernen Antisemitismus machten dies vor der Entstehung des Zionismus Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder deutlich.

 

Die jahrhundertelange Geschichte des Antisemitismus radikalisierten schließlich die deutschen Nationalsozialisten in der Shoa. Die planmäßige, instrumentell-vernünftig organisierte und durchgeführte Vernichtung beinahe des gesamten europäischen Judentums stellt für alle Zeiten einen Bruch der Zivilisation dar. Ein Bruch, der den Kritischen Theoretiker Theodor Adorno dazu veranlasste, den kategorischen Imperativ von Kant aufzugeben und in der Negativen Dialektik zu notieren:

 

„Hitler hat den Menschen im Stande ihrer Unfreiheit einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen: ihr Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe.“

 

Dieser Bruch, die Wendung der Aufklärung gegen ihre Ziele durch die Nationalsozialisten, setzt die beiden Staaten Israel und Deutschland in ein besonderes Verhältnis. Dieses Verhältnis zu normalisieren, wie Herr Primor es bei seinen Vorträgen in Augsburg forderte, scheint aus israelischer Perspektive oft überaus wünschenswert – sieht man sich doch in Israel ganz aktuell großen Problemen und Feinden gegenüber, die man mithilfe Deutschlands überwinden möchte.

 

Im Anschluss daran muss noch einmal nachdrücklich auf Adorno zurückgegriffen werden: Die Menschen befänden sich weiterhin „im Stande der Unfreiheit“. Adorno verweist dabei auf die bürgerliche-kapitalistische Verfasstheit der modernen Gesellschaften, die aus ihrer Struktur heraus die Herausbildung von Antisemitismus bedingen: aus der Unfähigkeit, abstrakte, unpersönliche Herrschaftsverhältnisse zu erkennen, kann dem modernen Subjekt das Bedürfnis erwachsen, diese Herrschaftsverhältnisse zu personalisieren – und welche vorhandenen Bilder eignen sich dazu besser als das wandelbare Bild des mächtigen Juden.

 

Ich sage das, weil ich mich freue, dass mit der heute neu zu gründenden Hochschulgruppe der Deutsch-Israelischen Gesellschaft sich junge Menschen versammelt haben, um sich selbst die Pflicht zum kritischen Bewusstsein und zum kritischen Umgang mit der Welt aufzuerlegen, um das vielleicht entscheidende Ideal der Aufklärung hochzuhalten: Das Ideal des guten Lebens für alle Menschen.

 

Claude Lanzmann behandelt in seinem Film Tsahal über die Israelischen Streitkräfte in unglaublich langen Passagen den israelischen Panzer Merkava. Anders als alle anderen vor ihm gebauten Panzer versteckt dieser Panzer als seine wichtigste, wertvollste Fracht nicht den Motor und die Waffen im hinteren geschützten Teil, sondern: seine Besatzung. Im Austausch für den Schutz des Lebens gegen höhere materielle Verwundbarkeit liegt bei ihm der Motor vorne.

 

Weitere Symbole Israels für die Bejahung des Lebens lassen sich unzählige anführen: die Straßenpartys, die überraschte, nichtsahnende Touristen in ihren Hostels schlaflos zurück lassen; der Strand und die blühende LGBTIQ (also Lesbian, Gay, Bisexual, Transexual, Intersexual und Queer) Szene in Tel Aviv; eine pluralistische demokratische Gesellschaft, etc.pp.

 

Es darf nicht überraschen, dass diesen Tendenzen auch in der israelischen Gesellschaft teils rückwärtsgewandte Ideologien gegenüberstehen. Aufgabe der Hochschulgruppe der Deutsch-Israelischen Gesellschaft an der Uni Augsburg wird es sein, Israels Gesellschaft und Staat aber so zu betrachten, wie sie es verdient haben und wie es richtig ist: differenziert, ehrlich und im kritischen Selbstbewusstsein über die Vergangenheit.“



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