ISRAELPEDIA 2017: das Junge Forum in Kassel

Am Pfingstwochenende trafen sich 30 Mitglieder des Jungen Forums in Kassel, um sich im Rahmen eines Seminars mit zwei Schwerpunkten zu befassen: der sozialpsychologischen Analyse faschistischer Agitation und dem Sechstagekrieg von 1967.

Das Seminarprogramm des Jungen Forums (JuFo) möchte jungen Menschen, die sich im Feld der deutsch-israelischen Beziehungen engagieren, Hintergrundwissen zu aktuellen Themen vermitteln. Durch die Erarbeitung von historischen und theoretischen Grundlagenkenntnissen soll eine selbständige Bewertung und kritische Beteiligung an gegenwärtigen Debatten unterstützt werden.

Angesichts zunehmender „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ (Wilhelm Heitmeyer) sogenannter Populisten der Neuen Rechten einerseits und des politischen Islams andererseits - welcher in antisemitischen Terroranschlägen eine barbarische Enthemmung demonstriert - drängt sich die Frage auf, warum Menschen autoritäre, nationalistische und faschistische Haltungen entwickeln. Eine Analyse solcher Tendenzen jenseits oberflächlicher Empörung erachtet der JuFo-Bundesvorstand als notwendige Voraussetzung, um ihnen effektiv entgegentreten zu können. Hierfür hatte er Dr. Ingo Elbe von der Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg eingeladen. In einem Tagesseminar entfaltete der Referent unter Rückgriff auf die aus den 1930ern stammende Theorie des autoritären Charakters den Zusammenhang der „emotionalen Matrix“ (Erich Fromm) der Individuen und der Wirkungsmacht der „Falschen Propheten“ (Leo Löwenthal) faschistischer und rechtspopulistischer Agitation. In der Diskussion konnte mithilfe des sozialpsychologischen Instrumentariums auch das Verständnis des historischen Nationalsozialismus‘ und der Dimensionen der Judenvernichtung in der Schoa vertieft werden.

Mit einem breiteren Publikum teilten die Teilnehmer ihre Debatte im Rahmen eines öffentlichen Abendvortrags im Stadteilzentrum Vorderer Westen, mit welchem Elbe das vorangegangene Seminar ergänzte. „Antisemitismus. Formen des Judenhasses von der Antike bis zur Gegenwart“ behandelte mit dem vormodernen religiösen Antijudaismus, dem modernen Antisemitismus und dem Antizionismus nationalsozialistischer, linker und islamistischer Provenienz verschiedene Formen des „Gerüchts über die Juden“ (Theodor W. Adorno). Deutlich wurde hierbei: Der Hass auf die Juden hat eine lange Tradition und ist auch im 21. Jahrhundert weltweit verbreitet. Heute nimmt er - zumindest außerhalb der arabisch-islamischen Welt - meist die Form des Zu-verstehen-Gebens, der Andeutung und vor allem der vermeintlich um den Weltfrieden besorgten „ehrbaren Israelkritik“ an.

Komplementär zur weitgehend theoretischen Befassung des Vortags war der Schwerpunkt des Programms am Sonntag ein historisch-politischer.
Im Juni jährte sich der Sechstagkrieg zwischen Israel und drei arabischen Staaten zum 50. Mal. Eines der Ergebnisse dieses Waffengangs ist die bis heute anhaltende israelische Kontrolle des Westjordanlandes, welche im Zentrum internationaler Kontroversen steht. Aber auch die Wiedervereinigung Jerusalems und die damit ermöglichte Wiederbelebung religiösen jüdischen Lebens an den heiligen Stätten sowie die Demonstration militärischer Leistungsfähigkeit auf israelischer Seite prägen den heutigen Blick auf den Nahen Osten. Leider sind viele Äußerungen in Alltag und Presse hierzulande bestimmt von Halbwissen, Gerüchten und Dämonisierungen Israels. Um dem zu begegnen, sollte in einem sechsstündigen Seminar durch eine detaillierte Untersuchung der Geschehnisse von 1967 sowie ein intensives Quellenstudium eine fundierte Wissensbasis erarbeitet werden. Die Engagierten des Jungen Forums sollten in den Stand versetzt werden, sich mündig an den Kontroversen dieses Jubiläumsjahres zu beteiligen.
Für diese Aufgabe hatten die Organisatoren David Labude, Mitarbeiter des Mideast Freedom Forum Berlin sowie Autor der aktuellen Broschüre der DIG zum Sechstagekrieg, gewinnen können. Sein Workshop widmete sich den Ursachen des Krieges sowie dessen Verlauf und führte hinein in die andauernde Auseinandersetzung über Möglichkeiten der Beilegung des arabisch-israelischen Konflikts. Hierzu untersuchten die Teilnehmer unter anderem Einlassungen arabischer und israelischer Politiker und deren jeweilige Haltung vor Kriegsausbruch anhand von Primärquellen. Nach einer Darstellung des Kriegsverlaufs wurden die veränderte regionale Situation danach und die politischen Initiativen der Folgezeit analysiert.

Am letzten Tag wollten die Teilnehmer das jüdische Leben vor Ort in Vergangenheit und Gegenwart erkunden. Jürgen Menzel, Vorsitzender der DIG Arbeitsgemeinschaft Kassel, hatte für sie eine Exkursion vorbereitet, die er sachkundig begleitete. Die Gruppe wurde von Elena Padva durch die historische Ausstellung des Sara Nussbaum Zentrum für Jüdisches Leben geführt und bekam in der Neuen Synagoge durch Alexander Katz einen Einblick in das heutige Gemeindeleben vermittelt.

Als die Teilnehmer beim Verlassen der Synagoge von einer Passantin spontan antisemitisch beschimpft wurden, verdeutlichte sich ihnen auf hässliche Weise die Brisanz der Themen des Seminars sowie die Dringlichkeit des Engagements im Jungen Forum.


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