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Johannes Barth

Auch die EKD-Bischöfe stolperten im Heiligen Land

Die Erwartungen in Israel, aber auch hierzulande an das diplomatische Feingefühl der deutschen evangelischen Bischöfe waren natürlich sehr hoch, nachdem einen Monat zuvor Äußerungen einiger deutscher katholischer Bischöfe bei ihrem Besuch im Heiligen Land heftige Kritik ausgelöst hatten. Wir fragten damals, wer die katholischen Kirchenführer wohl auf diese Reise vorbereitet hatte.

Bei den evangelischen Bischöfen war die Pilgerfahrt erkennbar schon vorher schwer befrachtet. Wenige Tage vor der Abfahrt ins Heilige Land war ein Leitartikel auf der Internetseite der EKD veröffentlicht, in dem unter der Überschrift „Keiner kann die Hände in Unschuld waschen“ die Schuld am Tode Jesu analysiert wurde. Die Kreuzigung Jesu sei zwar als Teil von Gottes unerforschlichen Wegen und der „hilflose“ Pilatus – der im fragwürdigen EKD-Text fälschlich „Statthalter von Jerusalem“ genannt wird – sei nur benutzt worden. Pilatus hätte „den Unschuldigen vor dem aufgestachelten Zorn des Volkes“ bewahren können, heißt es in dieser politisch-theologischen Betrachtung weiter, dem Leser wird so klar gemacht, dass da ein gewisses „zorniges“ Volk die Schuld trage. Pontius Pilatus ist nicht der grausame Herrscher, sondern wird als Opfer der Juden dargestellt: „Pilatus hatte wohl geahnt, in welches Schlamassel er so wenige Stunden vor dem Passahfest gerät“, heißt es da. Der arme Römer „wusste sich nicht zu helfen – so hat er die Meute entfesselt“. Die „Meute“, das sind die Juden. Der deutsche Journalist Ulrich Sahm meinte zu recht: Auf diese Weise konstatieren Christen wieder einmal, dass „die Juden“ pauschal die Gottesmörder seien, eine Sicht, die in der katholischen Kirche mit „Nostra Aetate“ unter dem Eindruck des Holocaust abgelegt wurde. Wie verlautete, hatten evangelische Theologen gefordert, diesen antijüdischen Text von der EKD-Internetseite zu entfernen. Aber noch am Vorabend der Abreise der Delegation unter Leitung von Bischof Huber war der fragwürdige Text dort nachzulesen.

Bischof Huber hat durch seinen Eintrag ins Gästebuch von Yad Vashem – „Nur durch die Wahrheit wird aus der Erinnerung Orientierung“ – sich selbst eine Steilvorlage für weitere „Nahost-Narreteien“ gegeben. In Yad Vashem musste der EKD-Ratsvorsitzende den diesbezüglich vielgestressten Bonhoeffer zitieren, um zu beweisen, dass es sowohl wackere Deutsche als auch wackere Christen gab, die „für die Juden“ waren. Dies ist offenbar der magere Grundtenor protestantischer „Buße“ seit 1945. Wenig später bietet sich nämlich eben dieses Yad Vashem als erstklassiger Resonanzboden an, um laut das Schicksal einer evangelischen Schule im geplagten Palästina zu bejammern, bei der es durch die freiheitseinschränkenden Sicherheitsmaßnahmen durch die bösen Israelis sogar schon zu schlimmen Unterrichtsausfällen kam. Denn - wie Huber zu sagen weiß – „die Sicherheitsmaßnahmen schneiden tief ins palästinensische Gebiet ein". Bischof Huber wäre wohl gänzlich aus dem Häuschen, wenn er erführe, dass die Juden selbst vor ihren eigenen Leuten nicht halt machen: Bei jedem Supermarkt und jeder besseren „Pommesbude“ lassen sie sich vorher von oben bis unten abtasten.

Huber sieht die EKD in einer Dolmetscherrolle zwischen Israel und den Palästinensern. „Es ist unsere Aufgabe, jeweils auch für die andere Seite zu interpretieren“, sagte er. Dies sei der kleine Beitrag, den die deutschen Protestanten zur Versöhnung und Verständigung leisten könnten. „Es sei wichtig, zu beiden Seiten mit derselben Stimme zu sprechen“, fügte Huber hinzu. Dabei müsse versucht werden, Israel verständlich zu machen, was die Palästinenser bewegt. Zugleich müsse den Palästinensern „ganz unzweideutig klar gemacht werden, dass das Ja zum Existenzrecht Israels eine Bedingung ist, ohne die es einen Fortschritt nicht geben kann.“

Wie hält es die EKD mit dem Existenzrecht Israels, wenn es hart auf hart kommt? Auf einer Nahost-Landkarte, von Bischof Wolfgang Huber bei einer Pressekonferenz in Jerusalem an Journalisten ausgeteilt, sind Libanon, Syrien, Jordanien und ein Staat namens „Sinai“ eingetragen. Ebenso gibt es da einen Gazastreifen, eine Westbank und „von Israel besetzte“ Golanhöhen. Nur ein Staat mit Städten wie Tel Aviv, Rischon Lezion und Haifa, hat keinen eigenen Namen! Das entspricht offiziellen palästinensischen oder arabischen Landkarten, auf denen auch nur die Umrisse eines namenlosen Staates erkennbar sind. Erstaunlicherweise bereisen die deutschen evangelischen Bischöfe zur Zeit einen Staat, der nicht einmal auf der von ihnen selber verteilten Landkarte existiert: Israel. Auf Anfrage sagte der überraschte EKD-Pressesprecher, Christof Vetter, „dass doch die Grenzen Israels in der Landkarte eingezeichnet“ seien. Jedoch erneut danach befragt, wieso denn der Name des Staates Israel fehle, während die Namen der Nachbarländer mit fetten Buchstaben abgebildet seien, erklärte er: „Möglicherweise ist der Name Israels beim Fotokopieren der Karte herausgefallen.“ In jedem Fall – so der Sprecher – sei dieser Fehler nicht beabsichtigt gewesen. Nur ein Missgeschick oder gar Absicht? Aus welchem palästinensischen Schulbuch stammt diese Karte, könnte man jetzt weiterfragen. Eines ist jedenfalls sicher: Die Schulbücher der PA werden von der EU finanziert.

Wie aus Kirchenkreisen in Jerusalem bekannt wurde, stellt sich heraus, dass die Mappe mit der Landkarte nach langen Beratungen in Jerusalem zusammengestellt worden war. Dabei bestanden die palästinensischen Repräsentanten, darunter Bischof Mounib Jounan, darauf, eine Landkarte ohne die Erwähnung Israels zu verwenden. Die deutschen Partner, darunter Propst Gräbe, hätten dem zugestimmt. So erweist sich, dass die EKD durchaus bewusst und auf Druck der palästinensischen Partner bereit war, „Israel von der Landkarte zu löschen“. Die Sache mit der Karte ist in der Tat ein echter Skandal – und Ulrich Sahms Schlussfolgerung, dass sich damit die EKD (ungewollt? naiv? unwissentlich?) zum Helfer von Ahmadinedjad und der Hamas macht, bringt die Angelegenheit auf den Punkt.

Man möchte Bischof Huber eigentlich gar keine böse Absicht unterstellen. Man muss sich aber fragen, was er eigentlich mit „Solidarität“ mit Israel oder gar mit „Existenzrecht Israels“ meint, wenn er in seiner Predigt in Auguste Victoria nicht ein einziges Mal den Namen „Israel“ erwähnte und allein den neutraleren Begriff „Heiliges Land“ verwendete. Welch Zufall, dass Huber in seiner Predigt als Fremdwort „Betselem“ erwähnte, was zufällig auch eine israelische Menschenrechtsorganisation ist, eine der wenigen Institutionen in Israel, die laut Pressekonferenz in Auguste Victoria von der EKD finanziell unterstützt wird. Diese Organisation hat es sich zur Aufgabe gemacht hat, allein israelische Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren, nicht aber palästinensische. Wie verträgt sich das mit der erklärten Dolmetscherrolle der EKD zwischen den Israelis und den Palästinensern?

Rechtzeitig, wenige Stunden vor Beginn der offiziellen staatlichen Zeremonie in Yad Vashem zum Gedenken an die sechs Millionen Opfer der Schoah am Sonntagabend, verließen die deutschen EKD-Bischöfe Israel in Richtung Deutschland. Ein deutscher Bundeskanzler wäre wohl nicht abgeflogen, während Israel schon halbmast flaggt. Eine Abreise knapp vier Stunden vor Beginn des Staatsakts zum Gedenken an die Vergangenheit wäre von Überlebenden des Holocaust als diplomatischer Affront aufgefasst worden, schrieb Ulrich Sahm aus Jerusalem. Wollte die offizielle Delegation der EKD damit den palästinensischen Arabern zeigen, dass sie sich mit den Holocaust-Gedenkveranstaltungen nicht gemein macht?

Die Entfremdung zwischen Israelis und Palästinensern hat nach Einschätzung des bayerischen evangelischen Landesbischofs und früheren Propstes von Jerusalem, Johannes Friedrich, zugenommen. In Israel würden die Palästinenser immer negativer gesehen, sagte Friedrich zum Abschluss der Reise in München. Außerdem bezweifelten viele Israelis grundsätzlich, ob ein Frieden in der Krisenregion möglich sei. Friedrich hat so mal wieder den Eindruck erweckt, als seien allein die Israelis gegen Frieden, indem er palästinensische Befindlichkeiten verschweigt. Friedrich wäre fair gewesen, wenn er von beiden Seiten gesprochen hätte.

 


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