Roland Guttack und Dr. Andreas Goeschen
Jüdisches Leben auf Kuba
Im Jahr 2006 wurde auf Kuba das einhundertjährige Bestehen jüdischer Gemeinden gefeiert. Schon zuvor gab es auf Kuba einzelne Juden, die an der Erforschung der Insel, am Handel und Gewerbe und an der Unabhängigkeitsbewegung des 19. Jahrhunderts großen Anteil hatten. Bereits ein Teilnehmer der ersten Expeditionsreise von Kolumbus im Jahr 1492, Luis de Torres, war jüdischer Herkunft. Er wurde von Kolumbus mit der Erforschung von Kuba beauftragt. Luis de Torres gilt heute als Vater des Tabakhandels in Europa.
Jüdische Zuwanderung in größerem Ausmaß auf Kuba fand erst in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts statt. Es waren Emigranten aus Europa, die über Kuba in die USA wollten, von dort aber kein Visum erhielten und auf Kuba blieben. In den Jahren des Freihandelsabkommens zwischen Kuba und den USA, als sich die kubanische Wirtschaft praktisch zu einer Zucker-Monokultur entwickelte und verarbeitete Produkte zumeist aus den USA importiert wurden, gelang es diesen, Nischen in Handwerk und Handel zu besetzen und Produkte zu günstigen Preisen und in guter Qualität auf Kuba selbst herzustellen und erfolgreich zu verkaufen. Juden gelten auch als die Väter der kubanischen Leichtindustrie.
Heute gibt es in Havanna zwei Zentren jüdischen Lebens, die Gemeinden „Adath Israel“ und „Beth Shalom“. Mitten in der ansonsten vernachlässigten und von Touristen kaum besuchten südlichen Hälfte der Altstadt, an der Straßenecke Calle Picota und Calle Acosta, befindet sich die Synagoge der Gemeinde Adath Israel, Treffpunkt und Anlaufstelle für orthodoxe Juden in Havanna. Die Gemeinde wurde 1925 gegründet, residiert inzwischen in einem neueren, in den 90er Jahren renovierten und insgesamt unerwartet großen Gebäudekomplex. Die Türen stehen offen; von einer „offiziellen“ Bewachung – sonst so häufig auf Kuba – ist nichts zu sehen.
Foto 1: Gebetsraum in der Synagoge der Gemeinde Adath Israel
Drinnen herrscht reges Gemeindeleben, ohne dass etwa ein besonderer Feiertag wäre. Besucher aus verschiedenen Ländern sind da und werden ohne große Formalitäten herumgeführt. An einem langen Tisch sitzen ältere Leute, jeder Platz ist besetzt. Ein Arzt aus den USA hält einen Vortrag über Diabetes, der Kassenwart der Gemeinde dolmetscht vom Englischen ins Spanische. Aufmerksam hören die alten Leute zu. Die anderen Aktivitäten und Gespräche laufen im selben Raum einfach weiter. Der ständige Geräuschpegel scheint niemanden zu stören. Auch die Räume für Gottesdienste und Feste in den oberen Stockwerken sind großzügig angelegt und in gutem Zustand, was, verglichen mit den Verhältnissen, auf die man sonst in Havanna trifft, geradezu wie ein Kulturschock wirkt. Besondere Stühle, an exponierter Stelle vor der ersten Sitzreihe, sind für Rabbis und andere hochrangige Besucher aus dem Ausland reserviert.
Die Gemeinde erhält Unterstützung aus dem Ausland, z. B. aus den USA, Kanada und Israel. Gedenktafeln an den Wänden informieren darüber, und auch in den Gesprächen sind die Verbindungen zum Ausland ständig präsent. Ein Gemeindeangestellter, selbst nicht jüdischer Herkunft, nimmt sich die Zeit, uns andere Spuren jüdischen Lebens in der Umgebung zu zeigen. Zwei Straßen weiter gibt es einen Schlachterladen, in dem ein paar Mal im Monat koscheres Fleisch verkauft wird; Davidsterne sind am Türgitter. Um die nächste Ecke steht ein zweistöckiges Wohnhaus, das sich in bedauernswertem Zustand befindet. Hier soll die aus Deutschland eingewanderte Jüdin Angelika Schmidt in den Jahrzehnten vor der kubanischen Revolution 1959 ein bekanntes, sehr gutes Restaurant mit Außer-Haus-Verkauf unterhalten haben, daran können sich die alten Leute noch erinnern.
Foto 2: Ehemaliges Restaurant von Angelika Schmidt
Offiziell heißt es, dass die jüdische Gemeinde gut in die kubanische Gesellschaft integriert sei und dass es im sozialistischen Kuba keine Diskriminierungen gebe. Auch der international bekannte Stadthistoriker Eusebio Leal, für die Sanierung Alt-Havannas verantwortlich, soll gute Kontakte zur jüdischen Gemeinde unterhalten, das Erbe werde gepflegt. Unser Führer hingegen berichtet uns, als er sich unbeobachtet glaubt, von der Armut, der Bespitzelung und der staatlichen Gängelung des Wirtschaftslebens – Umstände, die dafür verantwortlich seien, dass bald nach der Revolution viele der damals ca. 15.000 kubanischen Juden die Insel verlassen hätten. Andere wiederum hätten ihre jüdische Identität aufgegeben und sich in die neue sozialistische Gesellschaftsordnung integriert. Insgesamt habe dies zu einer beträchtlichen wirtschaftlichen und kulturellen Verarmung auf Kuba beigetragen. Religiöse und kulturelle Einrichtungen verfielen oder wurden geschlossen, sportliche und soziale Vereine lösten sich auf. Aus der jüdischen Regel „Minyam“, nach der mindestens zehn Gemeindemitglieder notwendig sind, um einen Gottesdienst abzuhalten, wurde die sogenannte „kubanische Minyam“: zehn Mitglieder, aber Gott und die Thora zählen mit!In den 1980er Jahren habe die Zahl aktiver Juden auf Kuba nur noch etwa 800 betragen. Diese Zahl soll sich bis heute wieder verdoppelt haben. Die Juden, die zwischen den 60er und den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts jung gewesen sind, sind die „unsichtbare Generation“ genannt worden. Andererseits sollen es gerade diese Jungen gewesen sein, die die jüdische Gemeinde am Leben gehalten und in den 90er Jahren zu einem allmählichen Wiederaufschwung geführt hätten. Diese Zeit fiel zusammen mit der Auflösung der Sowjetunion und damit auch dem Ende der Unterstützung Kubas durch den Ostblock. Auf Kuba begann die „besondere Periode“, in der drastische Engpässe bei der Versorgung der Bevölkerung eintraten, in der aber auch Liberalisierungsschritte möglich wurden. Zum Beispiel erlaubte eine Verfassungsänderung in den 90er Jahren, dass ein Mitglied der kommunistischen Partei gleichzeitig auch eine religiös aktive Person sein durfte.
Ein weiteres Zentrum jüdischen Lebens in Havanna ist „Beth Shalom“ im eher bürgerlichen, großzügig angelegten Viertel Vedado. Beth Shalom ist überwiegend sephardisch und weniger orthodox orientiert. Auch hier stoßen wir auf quirliges Gemeindeleben, Kommen und Gehen an einem normalen Wochentag. Eine Delegation aus Mexiko sei gerade da, informiert man die unangekündigten Touristen aus Deutschland. Wieder findet sich eine Angestellte, die die Führung übernimmt. Sie selbst ist nicht Mitglied der jüdischen Gemeinde. Die Akademikerin, die für sich in ihrem Fach aufgrund der herrschenden politischen Verhältnis keine berufliche Perspektive sieht, arbeitet für die internationale jüdische Hilfsorganisation ORT, die seit dem Jahr 2000 auf Kuba wieder aktiv ist. ORT (Obshestwo Remeslenofo zemledelcheskofo Truda/ORT, „Gesellschaft für Gewerbe und landwirtschaftliche Arbeit“) wurde 1880 in Russland mit einer Sondererlaubnis des damaligen reformorientierten Zaren Alexander II gegründet. Sie half zunächst den russischen Juden, die im Zuge der Wirtschaftsreformen Alexanders II (Aufhebung der Leibeigenschaft in Verbindung mit den weiterhin bestehenden Diskriminierungen gegenüber Juden) mit Armut, Arbeitslosigkeit und gesellschaftlicher Marginalisierung zu kämpfen hatten. Im 20. Jahrhundert dehnte ORT seine Aktivitäten nahezu weltweit aus und besteht heute mit Regionalbüros in 58 Ländern.
Bei Beth Shalom spielt die ORT eine große Rolle. In Schulungsräumen werden mit Unterstützung der ORT Kurse in Hebräisch, Religion, Englisch und Computer gegeben, an denen auch Nichtjuden teilnehmen können. Für jüdische Jugendliche werden Studienreisen nach Israel organisiert, für diese eine der wenigen Möglichkeiten, überhaupt einmal aus dem Land herauszukommen. Auch eine Verteilungsstelle gibt es, an der ältere Menschen, gegen Entrichtung eines symbolischen Beitrags, Medikamente erhalten können. Die Schwäche der kubanischen Wirtschaft, so berichtet unsere Führerin, habe sich längst auf das früher noch hoch gelobte Gesundheitswesen ausgewirkt. Operationen und spezielle Medikamente seien nur mit Glück, über Beziehungen und/oder für Devisen erhältlich, und dann zu einem Preis, der im Verhältnis zum Einkommen der Kubaner unbezahlbar sei.
Die jüdischen Gemeinden auf Kuba - außer denen in Havanna gibt es noch sechs bis sieben weitere in anderen Städten des Landes – mögen keine allzu großen Mitgliederzahlen aufweisen. Unserem Eindruck nach ist das Gemeindeleben aber nicht nur sehr lebendig, sondern entwickelt sich auch zunehmend weiter. Die regen Verbindungen mit dem Ausland spielen dabei eine große Rolle. Die Hilfe von dort scheint anzukommen, was durch die kleinen und überschaubaren Größenordnungen der Gemeinden begünstigt wird: Man kennt sich. Interessant ist auch, dass von unseren Gesprächspartnern das jüdische Leben nie als Absonderung von der kubanischen Bevölkerungsmehrheit dargestellt wurde, sondern immer als eigenständige Leistung innerhalb eines vielschichtigen Ganzen. Dies steht mit der Realität des Landes insofern in Einklang, als sich die kubanische Gesellschaft immer aus mehreren unterschiedlichen ethnischen, religiösen und kulturellen Traditionen zusammengesetzt hat.