Dr. Lars Hänsel / Katharina von Münster
Unter Beschuss
Am 17. Mai wurde die israelische Shaar Hanegev High School von einer Kassamrakete aus dem Gazastreifen getroffen – umso wichtiger finden die israelischen Lehrer die Kooperation mit palästinensischen Lehrern im Gazastreifen.
Foto 1: Ortsschild Sederot
„Jetzt erst recht“, sagt die kleine, untersetzte Frau mit dem Kurzhaarschnitt fast kämpferisch. „Wir müssen mit den Palästinensern reden“, fährt die Lehrerin fort, egal ob Raketen fallen oder nicht – das sagt sie zwar nicht, aber meint es wohl so. Als die Kassamrakete aus dem Gazastreifen die Schule von Esther Azoelus, die dort Gesellschaftskunde unterrichtet, traf, schrieben die Schüler gerade ihre Abiturprüfungen im Bereich Bibelkunde und Gesellschaftswissenschaften. Glücklicherweise drang das Geschoss nur in einen der oberen Klassenräume ein, in dem sich zu dieser Zeit niemand befand.
Foto 2: Schwere Schäden durch den Einschlag einer Kassamrakete in einem Klassenraum
Nicht immer haben die Menschen, die in der Grenzstadt Sderot leben, so viel Glück. An einem Sonntagmorgen, zwei Wochen später, trifft es einen Autofahrer. Er wurde von Raketenteilen getötet. Und täglich gehen Kinder zur Schule, Eltern zur Arbeit mit der Ungewissheit, ob sie sich am Abend gesund wieder sehen werden. Allein in den vergangenen zwei Wochen fielen auf die Region an der Grenze zum Gazastreifen fast 200 Raketen. Viele hundert Raketen gingen in den vergangenen sechs Jahren auf die Grenzregion nieder.
Foto 3: ... und in einem Nebenraum
Die Shaar Hanegev High School ist entschlossen, die erst vor kurzem begonnene Kooperation mit Lehrern aus dem Gazastreifen und dem Westjordanland sowie Jordanien fortzusetzen. „Das ist jetzt fast noch wichtiger als zuvor“, sagt Azoelus, die das Projekt an der Schule koordiniert. Erst im April hatte das von der Konrad-Adenauer-Stiftung initiierte und von der EU geförderte Projekt begonnen, bei welchem zunächst Lehrer und später auch Schüler aus Israel, aus den palästinensischen Autonomiegebieten, inklusive dem Gazastreifen, und aus Jordanien an ihren Schulen, aber auch gemeinsam in Demokratieerziehung weitergebildet werden sollen. Das Projekt startete mit großem Elan.
Als Ermutigung wurde empfunden, dass kurz nach dem Raketeneinschlag einer der palästinensischen Kollegen ganz besorgt anrief und sich erkundigte, wie es den Israelis geht. Die Lehrer waren überrascht und froh. Der palästinensische Kollege entschuldigte sich „im Namen der Palästinenser“!
Foto 4: Lehrer beraten mit dem Schulleiter und dem Leiter des Regional Council, wie der Unterricht weitergeführt werden kann.
Die Lehrer planen täglich, an welche Schulen die Schüler gefahren werden können, um die Bedrohung für die jungen Menschen zu reduzieren, da die Schule nur ca. drei Kilometer von der Grenze zum Gazastreifen entfernt ist und somit ein potenzielles Ziel für Angriffe ist. Der über der Grenze schwebende Zeppelin überwacht die Lage, meldet Abschüsse von Raketen und löst – zumindest in den meisten Fällen – eine Warnung per Lautsprecher aus: „Rote Farbe!“ das steht für Alarmstufe Rot. Dann bleiben für die Schüler maximal 20 Sekunden, um sich in Sicherheit zu bringen. Allerdings sind in der Schule für 1.200 Schüler von den insgesamt 55 Klassenräumen gegenwärtig nur 17 gegen Raketeneinschläge geschützt. Auch die an diese Räume anliegenden Klassenräume werden von den Behörden als sicher deklariert, da die Schüler im Alarmfall aus dem ungeschützten Raum in den gesicherten wechseln sollen. „Aber versuchen Sie mal eine Klasse von etwa 30 Schülern in 20 Sekunden in einen Nachbarraum zu verlegen“, sagt Lehrerin Azoelus. „Das ist selbst bei bester Disziplin schier unmöglich.“ Bis zu siebenmal am Tag ertönte der Alarm in den vergangenen Tagen. Konzentration fällt da schwer.
Foto 5: Zusätzliche Dachverstärkungen zum Schutz gegen Raketenbeschuss
Viele Schüler werden deshalb jetzt mit Bussen zu Schulen in sicheren Orten der Umgebung gebracht und dort in Sonderprogrammen unterrichtet. Auch die Abschlussprüfungen werden fortgesetzt. Dies ist nicht nur eine logistische Herausforderung, sondern führt auch dazu, dass viele Eltern ihre Kinder nicht zur Schule schicken, weil sie die Risiken der Busfahrten als zu hoch einschätzen.
Inzwischen haben etwa 40 Prozent der Bevölkerung die Stadt verlassen. Psychologische Betreuung wird zwar geleistet, aber sie reicht für die verbliebenen Bürger nicht aus.
Die Schule fühlt sich mit großen Problemen konfrontiert. Es ist nicht absehbar, wann der Unterricht wieder in der Shaar Hanegev High School stattfinden kann. Derzeit werden die Klassenräume mit Eisenplatten auf dem Dach verstärkt und abgesichert. Die Funktionsräume wie der Computerraum und das Chemielabor sollen im Sommer gesichert werden.
Die Abwanderung der Bevölkerung aus Sderot und die zu erwartende Umschulung von Kindern in Schulen außerhalb der Reichweite von Raketen tragen zur Verunsicherung hinsichtlich der Zukunft der Schule bei.
Die Schüler benötigen sichere Klassenräume, Ruhe zum Lernen und vor allem Stabilität. Die gegenwärtige Situation, in der nur von Tag zu Tag geplant werden kann, wo und wie Unterricht stattfinden soll, belastet die Schüler fast ebenso stark wie die Bedrohung durch die Kassamraketen.
Und die weitere Perspektive ist völlig unklar. Alon Schuster, der Leiter des Regional Council, der die Schule besucht, um zu klären, wie der Unterricht in nächster Zeit gewährleistet werden kann, stellt fest, dass eine grundsätzliche Änderung der Situation in absehbarer Zeit nicht zu erwarten ist. „Und das frustriert die Menschen.“ Dennoch würden die meisten Menschen zwischen den Terroristen, die die Raketen abfeuern, und der übrigen Bevölkerung unterscheiden. „Unsere Leute haben eher Mitleid mit den Nachbarn in Gaza weil sie wissen, dass die Bevölkerung dort von Radikalen als Geisel genommen wird.“
Schuster hält gemeinsame Projekte für wichtig, um auch in schwierigen Zeiten eine humane Sicht der Dinge zu fördern.
Esther Azeolus ist der Meinung, dass es keinen Sinn macht, darüber zu streiten, wer das größere Opfer ist. Alle sind Opfer. Unter den Lehrern herrscht Übereinstimmung, dass die militärische Perspektive die Gesellschaft dominiert. In der politischen Diskussion rangiert die Frage, wie man Frieden erreichen könne, hinter dem Ziel, wie man im Falle eines erneuten Krieges besser dastünde. Für sie gibt es folgende Prioritäten:
1. Dialog und die Begegnung mit den Palästinensern
2. effiziente militärische Macht
3. mutige Führungspersönlichkeiten, die in der Lage sind, politische Lösungen umzusetzen.
Der Koordinator Sabbah in Gaza berichtete telefonisch, dass in Gaza die Schulen zwar normal arbeiten. Aber alle Menschen, insbesondere kleine Kinder, seien traumatisiert. Das gemeinsame Projekt mit den Israelis sieht er nicht in Gefahr. Ganz im Gegenteil: es komme jetzt darauf an, die Demokratie- und Friedenserziehung zu verstärken und vor allem danach zu leben. „Das sind wir unseren Kindern und ihrer Zukunft schuldig.“
Dr. Lars Hänsel, Landesbeauftragter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Jerusalem und Projektdirektor des EU-geförderten Schulprojektes
Katharina von Münster, Landesbeauftragte von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Israel