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Oldenburg

Freundschaftsreisen – ein Element der Partnerschaft

Im Herbst 2006 war das Renaissance-Ensemble „Olegretto“ mit 12 meist jugendlichen Musikern aus Oldenburg in die Partnerkommune (Landkreis) Matéh Ashér im Nordwesten Israels gekommen. Die Zusage erging kurz nach Ende der Kriegshandlungen. Die phantastische Aufnahme durch den Landkreis, den „Matnas“ (Zentrum für Kultur, Jugend und Sport) und die Bevölkerung in Kibbutzim und Moshavim sprach sich in Oldenburg schnell herum und führte aufgrund einer Anregung der Botschaft und des Landkreises zur Organisation einer „Freundschaftsreise“, an der auch einige Tage der Oberbürgermeister, der die Schirmherrschaft für die „Freundschaftsreisen“ übernommen hatte, und der Kulturdezernent teilnahmen. Diese „Freundschaftsreisen“ sind als ständiges Angebot im Frühjahr und im Herbst geplant. Im Mittelpunkt stehen Rad- und Fußwanderungen, Gespräche und Begegnungen und ein Seminar im Haus der Warschauer Gettokämpfer in Lochamej haGettaot.
Angesprochen ist vor allem die Generation der Großeltern und Eltern. Uns ist es wichtig, diesen Personenkreis in die Israel-Aktivitäten der Schüler und Jugendlichen mit einem eigenen Programm einzubeziehen, damit die Gespräche und das Israel-Engagement in Oldenburg weitergehen können. Im Februar nahmen 21 Personen teil. Das Durchschnittsalter lag knapp unter 60 Jahren. Auch im November wird wieder eine Gruppe von Oldenburg nach Israel starten. Da uns Regelmäßigkeit und Nachhaltigkeit wichtig sind, haben wir vor kurzem eine Nachbefragung gemacht. Hier die leicht gekürzten Antworten von Rita Dierken, Lehrerin und Gattin des Kreispfarrers (Superintendent), aktiv in kirchlichen Kultur- und Friedenskreisen; Helmut Scheder, der bis zu seiner Pensionierung Oberst i.G. war, Barbara Sip, die als Diplombibliothekarin an der Carl von Ossietzky-Universität in Oldenburg arbeitet und Dr. Christian Wolf, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

  1. Was hat Sie veranlasst, sich zur „Freundschaftsreise der DIG" nach Matéh Ashér anzumelden?
     
    • Barbara Sip: Die Berichterstattung über Israel in Zeitung und Fernsehen schien mir immer unzureichend, einseitig und z. T. tendenziös zu sein. Bestätigt wurde dieser Eindruck durch einen Vortrag  über das Israelbild in den deutschen Medien, von Eldad Beck, einem israelischen Auslandskorrespondenten. Als kurz danach eine  Freundschaftsreise mit Besuchsprogramm  in die Partnerkommune Matéh Ashér angekündigt wurde, habe ich die Gelegenheit genutzt, um mir ein Bild zu machen.
       
    • Helmut Scheder: Seitdem ich lesen und schreiben kann, also seit bald nach dem 2. Weltkrieg, verfolge ich das Schicksal der europäischen Juden und somit den Exodus nach Palästina, die Entstehung des Staates Israel inmitten seiner feindseligen Umgebung und die weitere Entwicklung, nicht zuletzt seine Kriege mit den arabischen Nachbarn. Israel war und ist für mich eines der interessantesten Länder, wird es wohl auch bleiben, und eine Reise dahin war schon lange fällig.
      Seit langem interessiert an einer anspruchsvollen Gruppenreise nach Israel, entschloss ich mich schnell zur Teilnahme, als ich von dem Projekt hörte. Ausschlaggebend waren, dass Roland Neidhardt die Reise plante und leiten würde, der enge Bezug zu der Partnerschaft mit Matéh Ashér und schließlich das attraktive Reiseprogramm.
       
    • Rita Dierken: Es war meine erste Reise nach Israel, trotz eines lebenslangen Interesses. In meiner Generation (geb. 1932) ist die Geschichte der Juden immer präsent, weckt Entsetzen und führt zu Auseinandersetzung mit Trauer und Schuld, lässt nach Antisemitismus, Terror und Bedrohung fragen. Mich hat der Gedanke überzeugt, dass der Blick der Großelterngeneration im Gespräch mit den Enkeln über diese Themen wichtig ist. Ich wollte wissen, wie der Staat Israel heute aussieht und wie die Menschen dort leben. Gelockt hatte mich auch die Reiseleitung durch Roland Neidhardt, der Hebräisch spricht und in Oldenburg als Kenner der Themen bekannt ist.
       
    • Dr. Christian Wolf: 1999 habe ich Israel zum ersten Mal besucht und seit zwei Jahren besteht der Wunsch, meine damaligen Eindrücke und Erinnerungen zu überprüfen. Wichtig war mir auch, Änderungen in meinem Verständnis und meiner Sichtweise zu erkennen. Das Angebot der „Freundschaftsreise“ kam gerade zur rechten Zeit!
       
  2. Was hat Sie an der Reise besonders beeindruckt?
     
    • Helmut Scheder: Das Land, Städte und Ortschaften sehen nicht besonders aufgeräumt aus, sie zeigen Spuren, der Geschichte und vor allem die Spuren, die auf die Leistungen der jetzigen Bewohner des Landes hinweisen. Die Geschichte Israels reicht von den Zeiten des Alten Testaments bis heute.
      Beeindruckt haben mich Massada und die Landschaft um das Tote Meer. Aber auch das augenscheinlich gelassene Nebeneinander, teilweise sogar wohl Miteinander der jüdischen und arabischen Bevölkerung, wie in der Jerusalemer Altstadt. Innerhalb unserer Reisegruppe: die erstaunliche Stabilität in der Gruppe und die unübertroffene „Bildungsarbeit“ Roland Neidhardts.
       
    • Rita Dierken: Ich nahm Israel als wohlgeordnetes, wohlhabendes, funktionierendes Land war und gleichzeitig war im Hintergrund, wie dieser Staat aus Sümpfen, Wüsten und Hunderttausenden von besitzlosen, verfolgten und von unterschiedlichen Kulturen geprägten Einwanderern, die um Anerkennung kämpften, geschaffen wurde.
      Gleichermaßen eindrücklich empfand ich die Möglichkeit, mehr als 3000 Jahre Geschichte auf kleinstem Raum zu erfahren. Persönlich hat sich mir am tiefsten der Moment in Yad Vashem in die Erinnerung eingeprägt, als ich im Tal der ausgelöschten Gemeinden vor den Namen der Orte meiner Kindheit stand. Das Tagesseminar in Lohamej haGettaot hat mich sehr beeindruckt, weil es Raum und Ruhe für Gedanken und Gespräche zu Antisemitismus, Umgang mit Fremden und die Überwindung von Fremdenhass bot. Deshalb hat mich der Besuch im Hadassa-Krankenhaus und seine Hilfe für alle Menschen (insbesondere aus den Nachbarländern) beeindruckt. Gewünscht hätte ich mir mehr Möglichkeiten, den gegenwärtigen Alltag, das Ertragen der ständigen Bedrohung, das Empfinden von Jugendlichen und Erwachsenen zu Religion und Politik zu erleben. Dazu war die Reise zu kurz, auch wenn es gute Gespräche zu diesen Themen gab.
       
    • Dr. Christian Wolf: Mich haben beeindruckt: die Aufgeschlossenheit und das Interesse der Gruppe über die Dauer der Reise – die friedliche Situation im Land, besonders im Bereich der nördlichen Grenze – die Begegnungen mit Referenten, die uns zu aktuellen Themen Israels Rede und Antwort standen.
       
    • Barbara Sip : Ich war von der freundlichen Aufnahme der israelischen Gastgeber überrascht. Meine Befürchtungen, es könnte ein eher formeller Besuch werden, trafen in keiner Weise zu.  Die Offenheit für alle Fragen, die Toleranz und auch die Gelassenheit angesichts der schwierigen politischen Lage haben einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Nachdenklich hat mich auch die flächenmäßig geringe Größe Israels gemacht, die meinen mitgebrachten Vorstellungen so gar nicht entsprach.
       
  3. Was haben die Eindrücke der Reise bei Ihnen bewirkt und wie wirkt sie in Ihnen nach?
     
    • Rita Dierken: Mein Interesse an Israel ist noch stärker geworden. Mit Beurteilungen zu gegenwärtigen politischen Verhältnissen bin ich zurückhaltender, weil mir deutlich geworden ist, wie viele Kenntnisse von Zusammenhängen nötig sind. Darum meine ich auch, dass mehr Austausch und Begegnungen nötig sind, um die vielen Vorurteile abzubauen. Ich bin überrascht, auf so viel Interesse und Aufgeschlossenheit zu diesem Thema in meiner täglichen Umwelt zu stoßen und werde viel zu meiner Reise gefragt.
       
    • Barbara Sip: Nach den Erlebnissen dieser Reise hatte ich unmittelbar das Bedürfnis irgendetwas zu tun, mitzuhelfen und sei es nur, um zu zeigen, dass man mitfühlt in dieser bedrohlichen Lage, wenn man sie schon nicht ändern kann. Dieses Bedürfnis hatten andere Mitreisende auch und ich bin froh, zusammen mit ihnen die Partnerschaft zwischen Oldenburg und dem Landkreis Matéh Ashér bei kommender Gelegenheit  zu unterstützen, wo Mithilfe nötig wird.
       
    • Dr. Christian Wolf: Die Eindrücke der Reise haben den Wunsch nach persönlichen Begegnungen mit Israelis entweder in Matéh Ashér oder in Oldenburg gestärkt. Dieser Wunsch bestand nach der 1. Reise nicht! Daher werde ich künftige Besuchsprogramme persönlich unterstützen.
       
    • Helmut Scheder: Die Reise war für mich ein voller Erfolg, was Art, Menge und Qualität der Eindrücke anbelangt. Ich hatte und habe wenig an meinem Israelbild zu korrigieren, fand jedoch die Bestätigung für vieles, was ich bis dahin als Annahmen gepflegt hatte.
      Mir ist nichts begegnet, was ich als Zeichen antideutscher Haltung deuten könnte, obwohl ich und Reisekameraden, mit denen zusammen ich so unterwegs war, aus unserer Nationalität nie einen Hehl machten und eigentlich schon auf Ressentiments eingestellt waren. Ich bin nach Rückkehr in die DIG eingetreten, aber dies weniger als eine Reaktion auf das Erlebnis der Reise als auf die Informationen, die ich über die DIG während der Reise erhalten hatte.

 


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