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Niels Hansen

Shimon Peres – ein bewährter Freund Deutschlands

I.

Als Shimon Peres am 15. Juli 2007 das Amt des 9. Staatspräsidenten Israels antrat – seine Wahl war endlich wieder einmal eine positive Nachricht aus dem krisengeschüttelten Nahen Osten –, gingen die zahlreichen Würdigungen selbst in unserem Land kaum auf die wichtige positive Rolle ein, die der bedeutende Politiker seit jeher und bereits zu einer Zeit, als das noch sehr schwierig war, für das israelisch-deutsche Verhältnis gespielt hat. Das sei im Rahmen dieses kurzen Lebensbilds nachgeholt.

Peres, 1923 in Polen geboren, wanderte 1934 mit seinen Eltern ins Mandatsgebiet Palästina ein. Er engagierte sich bei der Arbeiterbewegung, übte als Zwanzigjähriger in der Histadrut seine erste offizielle Funktion aus und wurde bereits 1953, wenige Jahre nach der Staatsgründung, Generaldirektor (Staatssekretär) des von seinem politischen Ziehvater, Ministerpräsident David Ben Gurion, geleiteten israelischen Verteidigungsministeriums. Es gibt kaum einen anderen, der so lange wie er hoch- und höchstrangig politisch tätig blieb; die Staatspräsidentschaft ist auf sieben Jahre angelegt. Peres, seit 1959 ständig in der Knesset, war mehrfach u.a. Verteidigungs-, Außen- und Finanzminister, zweimal (1984-1986 und 1995/96) amtierte er als Regierungschef. Der Arbeitspartei MAPAI stand er wiederholt vor. Dabei war ihm sein Pragmatismus hilfreich, der jedoch nie mit Prinzipienlosigkeit einherging und ihn vor Scheuklappen bewahrte. Das gilt auch für seine – in Israel nicht unüblichen und sich zudem aus der langen Dauer seiner politischen Aktivität ergebenden – Parteiwechsel. Als er im Juni 2007 zum Staatsoberhaupt gewählt wurde (worum er sich 2000 vergebens bemüht hatte), gehörte er der von Ariel Sharon begründeten „Kadima“ an. Im Gespräch imponiert er nicht zuletzt durch seine eindrucksvolle historische und schöngeistige Bildung. Er schrieb mehrere Bücher. Mit Ehefrau Sonja hat er eine Tochter und zwei Söhne.

Aufgrund seiner Verdienste um den von ihm angestoßenen „Oslo-Prozess“ wurde Peres, zusammen mit Jitzchak Rabin und Jassir Arafat, 1994 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Für eine einvernehmliche Lösung des Nahostkonflikts hat er sich auch später immer wieder nachdrücklich eingesetzt, wobei er mit seinem visionären Buch „Die Versöhnung - Der neue Nahe Osten“ (1993) anspruchsvolle Maßstäbe setzte. Einer aktiven Beteiligung Europas redete er des Öfteren das Wort. Auch heute wird er, trotz aller seinem Amt gesetzten Grenzen, bei der Suche nach der so unendlich komplizierten Konfliktregelung gebraucht, und seine immensen Erfahrungen gerade im Umgang mit Palästinensern können ihm dabei hilfreich sein.

II.

Peres vereinbarte im Auftrag Ben Gurions als Generaldirektor des Verteidigungsministeriums in einem legendären Gespräch mit Verteidigungsminister Franz Josef Strauß Ende 1957 in Rott am Inn (bei dem auch Israels späterer erster Botschafter in Bonn, Asher Ben Natan anwesend war) die israelisch-deutsche Rüstungszusammenarbeit, welche für die Beziehungen der beiden Länder, die damals noch nicht formalisiert waren, wesentliche Relevanz besaß. Sie hatte zwei Seiten: einmal unentgeltliche Waffenlieferungen an Israel, zum anderen die Ausfuhr von Material für die Bundeswehr, die der israelischen Handels- und Zahlungsbilanz zugute kam. Die von Konrad Adenauer gebilligte Kooperation war in weiten Teilen der israelischen Politik und Öffentlichkeit, die Deutschland gegenüber nach wie vor starke Vorbehalte hatte, sehr unpopulär, und Ben Gurion musste deshalb sogar einmal als Regierungschef zurücktreten. Man bemühte sich darum, die Aktion geheim zu halten, was besonders auch im Hinblick auf die Araber erforderlich schien. Es galt aber ebenfalls für die Bundesrepublik, wo keine Neigung bestand, nach dem Krieg als Waffenexporteur hervorzutreten; selbst der große Israelfreund Franz Böhm trug Bedenken. Felix Shinnar, der langjährige Leiter der Kölner Israel-Mission, nannte die Unternehmung zutreffend „eine eindrucksvolle Bekundung seitens des Deutschland nach Hitler für moralisches Verantwortungsbewusstsein.“ Die komplexe Operation, die beim Zusammentreffen Adenauers mit Ben Gurion in New York 1960 formal abgesegnet wurde, lief hinsichtlich der Ausstattung Israels mit Verteidigungsgütern nach deren Bekanntwerden im Zug der formalen Beziehungsaufnahme 1965 aus, und Peres verhandelte dann in Jerusalem mit Kurt Birrenbach zäh und erfolgreich über ihre Ablöse.

Im Verlauf der „Aktion Frank/Kol“, wie der Codename hieß, traf er am 8.6.1963 mit Adenauer zusammen, und die beiden Männer verstanden sich ausgezeichnet. Über das eingehende Gespräch im Garten des Palais Schaumburg sind wir aus dem Erinnerungsbuch „David’s Sling“ gut unterrichtet, wo Peres notiert, des Bundeskanzlers „Gefühl, dass Deutschland nach allem, was zwischen den beiden Völkern geschehen war, zu Israel enge Beziehungen eingehen sollte, hatte etwas fast Religiöses an sich.“ Seine frühe positive Einstellung zur Bundesrepublik gründete natürlich auf der Wahrung israelischer Interessen, denn die Waffen wurden damals, nachdem Frankreich sich zurückgezogen hatte, angesichts der Aufrüstung Ägyptens durch die Sowjetunion dringend gebraucht. Insofern liegen die Parallelen zu Peres’ Engagement bei der nahöstlichen Friedenssuche nahe. Das mindert indes nicht den Stellenwert der seitherigen Deutschfreundlichkeit in seinem Lebensbild. Umso weniger als auch er enge Verwandte in der Schoah verloren hatte, worüber er aber in Deutschland nie sprach.

Er hat in dieser Zeit (z.B. 1960 bei Strauß, auf dessen Bitte zusammen mit Landwirtschaftsminister Moshe Dayan) und danach, auch als Außenminister und Ministerpräsident, unser Land immer wieder besucht. Im März 1969 gehörte er der ersten Knesset-Delegation an, die in die Bundesrepublik fuhr. Kein anderer prominenter israelischer Politiker war – absolut und relativ – so oft in Deutschland wie er, mit allen Bundeskanzlern und (seit Richard von Weizsäcker) -präsidenten pflog er Kontakt. Er und Helmut Kohl begründeten 1986 die Deutsch-Israelische Stiftung für wissenschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung mit ihren gemeinsamen Forschungsvorhaben, deren Bedeutung für das bilaterale Verhältnis nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Die deutsche Wiedervereinigung sah er positiv, und in Sachen jüdische Zuwanderung nach Deutschland, die ja zeitweise in Israel Sorgen bereitete, gab er sich betont gelassen. Im Mai 2001 pflanzte er bei der Einweihung der neuen israelischen Botschaft in Berlin einen Apfelbaum. Er trägt schon Früchte.

 


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