Der Beitrag zum 65. Geburtstag von Daniel Barenboim von Michael Jenne ist in der jüngsten Ausgabe des DIG- Magazins infolge eines bedauerlichen technischen Missgeschicks durch eine Biografie ersetzt worden, er ist jedoch auch erschienen in: MUSIK FORUM, Das Magazin des Deutschen Musikrats, 6.Jg., Heft 6, Jan.-März 2008.
„Leidenschaft gepaart mit Disziplin. Das ist Musik. Das ist Leben.“
Zum 65. Geburtstag des phänomenalen Musikers und großen Humanisten
Daniel Barenboim
„...Barenboim ist ein Phänomen“, schrieb Wilhelm Furtwängler 1954 in einem Empfehlungsschreiben über den elfjährigen Daniel, als er ihn in Salzburg kennen gelernt und der Junge ihm vorgespielt hatte. Seine spontan ausgesprochene Einladung nach Berlin zu den Philharmonikern jedoch lehnte der Vater im Hinblick auf die damals sehr nahe deutsche NS-Vergangenheit ab. Furtwängler starb noch im selben Jahr, und Barenboims Debüt bei den Berliner Philharmonikern fand erst zehn Jahre später statt, nachdem Intendant Wolfgang Stresemann zuvor den gerade Zwanzigjährigen bei dessen erstem Berliner Auftritt in der Reihe „RIAS stellt vor“ mit dem Radio-Symphonie-Orchester gehört hatte.
© Barenboim-Said Fundation - Foto: Monika Rittershaus
Daniel Barenboim ist mit zahlreichen Preisen und Ehrungen ausgezeichnet worden, sowohl für sein künstlerisches Schaffen – u.a. Grammy, Wilhelm-Furtwängler-Preis, Kulturgroschen des Deutschen Kulturrats, Ernst von Siemens Musikpreis – als auch für sein humanitäres Engagement – darunter mehrere Friedenspreise, die Buber-Rosenzweig-Medaille und zuletzt das Praemium Imperiale des Japanischen Kaiserhauses. Im Mai 2004 erhielt er den von der israelischen Wolf Foundation gestifteten Preis für die Künste in der Knesset in Jerusalem.
Es war ein ausgesprochen sperriges Werk, rhythmisch vertrackt und großen Kraftaufwand fordernd, auf das sich der damals eher schmächtige Pianist für sein philharmonisches Entree einließ, ohne es bis dahin auch nur gehört zu haben: Bartoks 1. Klavierkonzert. Das aber führte auch zur ersten Begegnung mit Pierre Boulez als Dirigenten, Beginn einer lebenslangen Freundschaft, als deren jüngste Frucht der zwischen beiden geteilte Mahler-Zyklus der Berliner Staatskapelle bei den österlichen „Festtagen“ 2007 gelten kann. Das Bartok-Konzert wiederum bewältigte der Pianist Barenboim erst kürzlich wieder auf dem Podium der Philharmonie, nunmehr den jungen, steil aufstrebenden Venezulaner Gustavo Dudamel am Pult „seiner“ Staatskapelle ebenso fordernd wie fördernd. So schließen sich bemerkenswerte Kreise in der bislang 65 Jahre umfassenden Biografie des Daniel Barenboim.
1969, fünf Jahre nach seinem Solisten-Debüt bei den Berliner Philharmonikern, stand Barenboim erstmals als Dirigent vor diesem Orchester, nun mit einem klassischen Programm in einer Abonnements-Reihe, in der zuvor William Steinberg, Eugen Jochum und John Barbirolli aufgetreten waren. Auch neben diesen Altmeistern behauptete sich der inzwischen 26-Jährige nicht nur, bald zählte er hier zum Stamm der Gastdirigenten wie der Solisten, nicht selten in Doppelfunktion. Tatsächlich hat es Barenboim wie kein anderer vermocht, als Pianist und als Dirigent Weltrang zu erobern und bereits über Jahrzehnte zu halten. Dabei hat er sich am Klavier, auch durch Liedbegleitung und Kammermusik, als Konzertdirigent und schließlich als Opernkapellmeister ein Repertoire erarbeitet, das an Umfang und Vielfalt für einen einzelnen Künstler unübertroffen sein dürfte, das ihm zudem dank seinem immensen Gedächtnis und intensiver Lernfähigkeit fast beliebig zur Verfügung zu stehen scheint und das er zudem ständig noch erweitert.
Fruchtbar für Barenboims steile Entwicklung und Karriere waren seine Begegnungen mit den bedeutendsten Interpreten des 20. Jahrhunderts, von denen er gelernt und mit denen er bereits in jungen Jahren konzertiert hat, so Otto Klemperer, Artur Rubinstein, Pablo Casals, Claudio Arrau, John Barbirolli, Dietrich Fischer-Dieskau oder Sergiu Celibidache. Ebenso mit den Besten seiner Generation, darunter Pinkas Zukerman, Itzhak Perlman und besonders Zubin Mehta, verbinden ihn viele Jahre enger Zusammenarbeit und Freundschaft. Das frühe Ende der Ehe und künstlerischen Partnerschaft mit Jacqueline du Pré durch deren Krankheit und Tod war allerdings eine herausragende Tragödie.
In seinem Buch mit autobiographischen Zügen, „A Life in Music“, das 1991 auf Englisch und unter dem Titel „Musik – Mein Leben“ im folgenden Jahr in deutscher Übersetzung erschienen ist, hat Daniel Barenboim zum Ausdruck gebracht, dass er Musik nie als ein in sich geschlossenes System von Klängen versteht: „Es ist in der Musik ebenso wichtig, die Details in Bezug zum Gesamten zu sehen, wie für den Menschen, sich in Bezug zur Natur oder zum Universum zu sehen. Eine musikalische Darbietung, die nicht von diesem Bewusstsein getragen ist, ist nicht mehr als eine Ansammlung schöner Momente.“ Dieser Satz könnte auch von seinem frühen Mentor Wilhelm Furtwängler stammen, doch führt er in der Konsequenz des Denkens und Handelns zu einem entscheidenden Unterschied zwischen den beiden: Furtwängler meinte das Humanum der Musik in der Kunst bewahren und lebendig erhalten zu können, selbst in einem ganz und gar inhumanen gesellschaftlichen Umfeld; er wollte an das glauben, was es nach Th. W. Adorno eben nicht gibt, „das richtige Leben im falschen“, und ist daran letztlich gescheitert, wohl ohne es sich einzugestehen. Für Barenboim hingegen weist Musik zwingend über sich selbst hinaus und verpflichtet den Musiker, ihrem Bezug zum sozialen Universum dauernd nachzuspüren, durch Musik notfalls auch Widerstand zu leisten gegen Irrtümer und Katastrophen des falschen Lebens.
Diese künstlerisch-ethische Grundhaltung hat sich in Barenboims Schaffen und in seinem gesellschaftlichen, auch eindeutig politischen Engagement seit langem ausgewirkt und bereits eine ganze Reihe von „historischen“ Auftritten dieses jüdischen Welt- und israelischen Staatsbürgers zur Folge gehabt, die freilich nicht immer im Konzertsaal stattfanden. So spielte er in Kriegszeiten – 1967, 1973 und auch während des Golfkrieges 1991, als Israel unter irakischem Raketenbeschuss stand – wann und wo immer es möglich war, für die Truppen, vor allem aber für die bedrohte und verängstigte Zivilbevölkerung. Bei dem auch nach Jahrzehnten unvergesslichen ersten Gastspiel des Israel Philharmonic Orchestra in Deutschland, 1971 in der Berliner Philharmonie, wirkte er als Solist mit, ebenso wie 1990 dann auf der ersten Israel-Reise der Berliner Philharmoniker. Am 12. November 1989, unmittelbar nach der Maueröffnung, war er zur Stelle für ein spontanes Begrüßungskonzert der Berliner Philharmoniker für Besucher aus Ost-Berlin, und als am 8. November 1992, nach fremdenfeindlich-terroristischen Aktionen in Deutschland, in Berlin-Mitte eine Kundgebung für die Unverletzlichkeit der Würde des Menschen stattfand, schritt Daniel Barenboim, zu dieser Zeit bereits Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden, gemeinsam mit dem Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, an der Spitze eines Demonstrationszuges.
In seinem zu jener Zeit erschienenen Buch mahnt Barenboim in einem Kapitel über „Israel nach 1967“ sehr nachdrücklich zur Toleranz als Leitmotiv jüdischen Denkens und israelischer Politik; seine „sehr persönliche Meinung als Jude“ lautet, „dass diese Toleranz für das tatsächliche Überleben des jüdischen Staates entscheidend ist“. In jüngster Zeit hat er Toleranz ausdrücklich ersetzt durch Akzeptanz, verstanden als bewusste „Anerkennung der Freiheit und der Würde des Anderen“. Die Freundschaft mit dem palästinensischen Literaturwissenschaftler Edward Said hat ihn zweifellos in dieser Haltung bestärkt, und miteinander haben sie daraus ein zunächst utopisch anmutendes Projekt entwickelt, das unter dem Titel „West-Östlicher Divan Orchester“ seit 1999 junge Musiker aus Israel, Palästina sowie weiteren arabischen Ländern mit Instrumentalisten anderer Herkunft zusammenführt. Dazu Barenboim: „Man hat immer gesagt, das ist toll, weil es junge Menschen zusammenbringt, Pult an Pult. Nein! Es ist toll, weil diese jungen Menschen lernen, aufeinander zu hören.“ Musik müsse verstanden werden als „etwas, das uns auffordert zuzuhören oder nachzudenken, weil uns hier etwas über unsere Welt erklärt“ wird. Weiterhin kann man, so lautet sein Credo, fürs Leben lernen, „dass es ohne Leidenschaft in der Musik wie im Leben nicht geht ... Leidenschaft gepaart mit Disziplin. Das ist Musik. Das ist Leben.“
© Barenboim-Said Fundation - Foto: Luis Castilla
Daniel Barenboim und das Orchester West-Östlicher Divan wurden bei ihrem Abschlusskonzert 2007 in der überfüllten Berliner Philharmonie bejubelt; die Ovationen galten der hervorragenden Aufführung des anspruchsvollen Programms ebenso wie dem Beispiel „harmonischer“ israelisch-arabischer Kooperation, die das Orchester verkörpert.
Mit derartiger Leidenschaft, bewundernswerter Hartnäckigkeit und unermüdlichem Einsatz hat Daniel Barenboim das Projekt – seit Saids Tod 2003 ohne den Partner – neben allen anderen Verpflichtungen in Berlin, Chicago, Buenos Aires und an vielen anderen Orten, auch gegen Widerstände zu höchst eindrucksvollen Erfolgen geführt. Wer im Sommer 2005 die Konzertübertragung aus dem palästinensischen Ramallah auf ARTE verfolgt hat oder am 26. August dieses Jahres in der Berliner Philharmonie miterleben konnte, wie sich Barenboim nach dem diesjährigen triumphalen Abschlusskonzert während lange andauernden standing ovations von allen hundert Musikerinnen und Musikern einzeln mit Dank verabschiedete, dem teilte sich mit, dass dem Maestro dieses „West-Eastern Divan Orchestra“ tatsächlich „Herzensangelegenheit und Inspirationsquelle zugleich“ ist, und er dadurch weiß, „besser als je zuvor, was es bedeutet, von der moralischen Verantwortung unserer Ohren zu sprechen“.
Bei alledem, was der Ausnahmemusiker und große Humanist Daniel Barenboim in seinem Leben nicht allein für die Musikwelt geleistet hat, besonders auch in und für Berlin, ist es beruhigend zu wissen: Er ist gerade erst 65 geworden!
Michael Jenne
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