* * * 60 Jahre Israel * * *
Marieluise Beck
Israel und Deutschland: Vom Schweigen zum Dialog
Es war ein langer Weg, bis uns Nachgeborenen offenbar wurde, welcher Schrecken von deutschem Boden ausgegangen war. Nur zögerlich nahm die Generation unserer Eltern die Auseinandersetzung mit dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte auf – die Nürnberger Prozesse zwangen von außen zu dem ersten Blick auf das unbegreifliche Böse, bevor in den 60er Jahren die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen durch die westdeutsche Justiz begann. Angestoßen durch den Eichmann-Prozess in Jerusalem und den Frankfurter Auschwitz-Prozess setzte zögerlich ein eigenständiger Prozess des Nachforschens und Suchens, das Ringen um bittere Wahrheiten und die Übernahme von Verantwortung ein.
In vielen Familien wurde geschwiegen – über Verstrickungen, Schuld, die Blicke in den Abgrund, aber auch über eigene Leiden an den Fronten und in den Bombennächten des Krieges. Und dennoch hat sich etwas mitgeteilt – eine dunkle Ahnung hat die sechziger Jahre in vielen Familien geprägt. Wer über Schuld und Scham nicht spricht, gibt sie an seine Kinder weiter. Die Ausmerzung der jüdischen Schtetl, die Vernichtung der hoch gebildeten deutsch-jüdischen Eliten, der erzwungene Exodus der Musiker, Literaten, Wissenschaftler und vieler anderer Hochbegabter – sofern sie denn Aufnahme und Schutz fanden - hat eine Wunde in Europa und Deutschland aufgerissen, die nie ganz wird verheilen können. Mit der Vernichtung des europäischen Judentums hat Europa selbst einen Verlust an Kultur, Vielfalt und Reichtum erlebt, der spürbar bleibt.
Israel ist ein Staat, der im Konflikt um das Land geboren wurde. Das „gelobte Land“, in dem der jüdische Staat errichtet wurde, war weder ein bequemer noch ein sicherer Ort. Nicht, als die ersten Siedler den vertrockneten Böden und den Sümpfen Stück um Stück ein wenig Fruchtbarkeit abrangen. Nicht, als die Vereinten Nationen in der denkwürdigen Nacht vom 14. Mai 1948 den Staat Israel anerkannten und auch nicht in den Jahren danach, bedrängt durch Kriege, Bedrohungen und feindliche Nachbarschaft. Erst durch die Aufbauarbeit und die Wehrbereitschaft seiner Bürger wurde Israel zur neuen Heimat der aus Europa vertriebenen Juden.
Es hätte den Staat Israel wohl ohne die Shoah nicht gegeben. Dass es ihn gibt, ist gnädig nicht nur für die Opfer, sondern auch für die Täter. So war es mutig und großzügig zugleich, dass David Ben Gurion dem ersten Kanzler des demokratischen Nachkriegsdeutschland, Konrad Adenauer, die Zahlung von Entschädigungsleistungen möglich machte. Es muss uns dankbar machen, dass 20 Jahre nach Gründung des Staates Israel die Aufnahme diplomatischer Beziehungen möglich wurde und es einen deutschen und einen israelischen Botschafter in Jerusalem und Bonn gab. Und es kommt fast einem kleinen Wunder gleich, dass deutsche junge Menschen von Aktion Sühnezeichen in Israel willkommen sind, lebendige Städtepartnerschaften bestehen, der Austausch von Kultur und Wissenschaften wieder stattfindet und Freundschaften bestehen. Das ist die Liebe und Dankbarkeit für diesen kleinen, fragilen Staat.
Doch da ist auch der andere Blick auf das Land: der Zweifel an der Klugheit und Gerechtigkeit der Besatzungspolitik gegenüber den palästinensischen Nachbarn, an Checkpoints, die zu Orten von Willkür werden, an einem Schutzzaun, dessen Verlauf Härten mit sich bringt, die so nicht zwingend notwendig scheinen, an einem Siedlungsbau, der die Lebensfähigkeit eines palästinensischen Staates mehr und mehr in Frage stellt. Sympathie für Israel und das Eintreten für das Recht der Palästinenser, in Selbstbestimmung und Würde zu leben, schließen sich nicht aus, sondern sind zwei Seiten einer Medaille.
All das wird in Israel mit großer Vehemenz diskutiert, wie es sich für eine Demokratie gehört. Auch in Deutschland kann man Israel innerlich verbunden sein und gerade deshalb bestimmte Seiten seiner Politik kritisieren. Wo verläuft die Grenze zwischen notwendigen Fragen, legitimer Kritik und Ressentiment? An welchem Punkt wird die Kritik an der israelischen Politik zur bequemen Selbstentlastung oder gar zur Camouflage für den Antisemitismus, der zu jeder Zeit und an fast jedem Ort dieser Welt das jüdische Volk begleitet hat? Schwierige Fragen: ein Geschenk, wenn wir, Israelis und Deutsche, sie miteinander besprechen können.