* * * 60 Jahre Israel * * *
Sergej Tcherniak
Israel: Sechzehnte Republik der UdSSR?
Jemand der versucht, russische Einwanderer in Israel verallgemeinernd zu beschreiben, sieht Israel und vielleicht die ganze Welt durch eine schwarz-weiße Brille oder hat wenig Ahnung von der Buntheit der israelischen Gesellschaft im Allgemeinen und der russischen Immigranten im Besonderen. Wir sind ein Volk von Paradoxen. Wir sind abgesondert aber geschlossen. Stachelig aber verwundbar. Militant aber friedliebend. Wir sind ein Volk der Extremfälle. Wir geben dem Fremden keine Chance zu überlegen. Wir erwarten entweder eine kompromisslose Liebe oder bezeichnen den Fremden als Hasser. Wir sind manchmal nicht bereit zu akzeptieren, dass diese Welt auch andere Interessen außer Israel, Juden und Judentum haben darf.
Wie die Bruchstücke einer, noch in uralten Zeiten zerbrochenen, antiken Vase werden seit dem Ende des 19. Jahrhunderts Bruchstücke von unserem antiken Volk Stück für Stück zusammengeklebt, bis diese Zusammensetzung der Bruchstücke langsam Form annimmt. Jeder neue Einwanderer und jeder in Israel Geborene füllt Lücken im bunten Mosaik der modernen israelischen Gesellschaft.
Israel ist ein Land der Minderheiten ohne klare Mehrheit. Neben Juden und Arabern lassen sich die Israelis in endlose weitere Untergruppen teilen. Religiöse neben Säkularen. In Israel Geborene neben Einwanderern. Linke neben Rechten. Aus Mittel- und Osteuropa Stammende neben aus Südeuropa und dem Orient Entstammenden. Einwanderer aus einem Land neben Einwanderern aus einem anderen. Im Gegensatz zu einigen westlichen Staaten, die selbst verschiedene Einwanderungswellen erlebt haben, sind die israelischen Einwanderer wirklich gleichberechtigt mit den im Lande Geborenen. (Hier muss ich aber sagen, dass auch arabische Mitbürger in Israel gleichberechtigt sind, im Gegensatz zu weltbekannten Gerüchten über die Diskriminierung der Araber in Israel. Dafür spricht die Teilhabe der arabischen Mitbürger in allen Sektoren der israelischen Gesellschaft von unten bis nach oben.)
Israel ist ein Land der Einwanderer, somit eines von Minderheiten. Die größte Minderheit im heutigen Staat Israel sind die russisch sprechenden Einwanderer, die seit 1988 bis zum heutigen Tage aus der UdSSR und ihren Nachfolgestaaten nach Israel kamen. Die israelische Bevölkerung zählt heute ca. 7 Millionen Menschen, ca. 5 Millionen davon sind Juden. Über 1 Million davon sind neue Einwanderer, die im Laufe der letzten 20 Jahre in Israel eingebürgert wurden. Was bedeutet das für einen Staat mit 7 Millionen Staatsbürgern, eine Million Einwanderer zu empfangen? In deutschen Maßstäben bedeutete dies, fast 12 Millionen Einwanderer in 20 Jahren aufzunehmen und zu integrieren.
Dieser Artikel ist der größten Mehrheit in der israelischen Gesellschaft; den russischen Einwanderern; gewidmet. Man sieht russisch sprechenden Einwanderer in jedem Sektor israelischer Gesellschaft. Es gibt in Israel russisch sprechende Minister und Parlamentarier, Professoren und Lehrer, Ärzte und Ingenieure, Millionäre und Generäle, Soldaten und Studenten, Rechte und Linke, Journalisten und Sänger, Schauspieler und Automechaniker, Schuhmacher und Sportler, Siedler und Siedlergegner, Polizisten und Kriminelle.... russische Presse, russisches Fernsehen, russische Lebensmittelgeschäfte, russische Firmen, russisch sprechende Mitarbeiter in jedem Ministerium, der Krankenkasse oder in großen Firmen. Werbung und Beschilderung auf Russisch sieht man an allen Ecken und Enden. Neben zwei offiziellen Staatsprachen Hebräisch und Arabisch hat Russisch die Englische Sprache eingeholt und zur zweiten nicht offiziellen Sprache Israels gemacht.
Jede Einwanderungswelle hat die israelische Gesellschaft verändert, bereichert. Die letzte große, die russische Einwanderungswelle war keine Ausnahme. Die letzten 20 Jahre haben den Staat Israel vielleicht mehr als andere Staaten verändert. Jedermann hat Träume. Die Zukunft ist aber der Rechtfertigung dieser Träume nicht verpflichtet. Was passiert aber, wenn eine kritische Masse der Träumer in das neue Land kommt? Die Realität fängt langsam an, sich diesen Träumen anzupassen.
Es wäre falsch zu sagen, dass die russischen Einwanderer eine homogene Masse sind. Aber jeder Traum von diesem gigantischen Lego wurde zu einer kritischen Masse in der jeweiligen Richtung. Viele russische Einwanderer waren säkular. Deswegen ist Israel heute säkularer, als es vor 20 Jahren anzunehmen war. Ein gewisser Prozentsatz der russischen Einwanderer war religiös. Deswegen werden religiöse Vororte von Jerusalem oder Tel Aviv zunehmend größer und frommer. Da die Synagogen nicht nur Gebetshäuser, sondern auch Gemeindezentren für die Familienmitglieder ihrer Gemeinden sind, ist die russische Sprache in den Synagogen immer öfter zu hören.
Nicht nur die Synagogen allein nehmen jetzt in Israel ihren Aufschwung. Auch manche orthodoxe Kirchen in Israel erleben heute ein wachsendes Interesse an ihrer Tätigkeit. Warum? Laut dem Rückkehrgesetz dürfen sich auch Enkelkinder der Juden mit den eigenen Kindern und Ehepartnern um Einreise nach Israel bewerben. Bis über die Hälfte aller Einwanderer aus der ehemaligen UdSSR sind keine Juden nach strenger religiöser Definition. Oft assoziieren sich solche Einwanderer eher mit dem Christentum als mit dem Judentum.
Bei den Einwanderern besteht immer eine ähnliche Tendenz, seien es russische Juden in Israel, Türken in Deutschland oder Mexikaner in den USA. Sie versuchen nebeneinander zu wohnen. So entstanden in Israel von russischen Einwanderern geprägte Stadtviertel und sogar Städte mit über 30% aus der ehemaligen UdSSR stammender Bevölkerung.
Es gab immer genug Einwanderer, die Integrationsschwierigkeiten gehabt haben. In Israel muss aber ein russisch sprechender Einwanderer nicht unbedingt seine Integrationsschwierigkeiten als Problem ansehen. Im heutigen Israel kann man auf russisch arbeiten, im russischen Geschäft russisch bedient werden, Anweisungen zu jedem Produkt auf russisch lesen, vom russisch sprechendem Arzt untersucht werden, Telefonauskünfte, Bankbedienung, Formulare vieler staatlicher Institutionen usw. auf Russisch erhalten.
Russische Einwandere sagen manchmal unter sich, Israel sei die sechzehnte Republik der Sowjetunion (falls es jemand vergessen hat: es gab nur 15) da das hiesige Leben so stark von russischer Sprache und russischen Einwanderern geprägt ist. Das stimmt nur bedingt. Wir kamen nicht nach Israel, um dort Russen zu sein. In Israel geborene Kinder der russischen Juden sprechen schon heute schlecht (und immer öfter gar kein) russisch, ab und zu geht wegen sinkender Nachfrage eine weitere russische Zeitung bankrott. Die dritte und letzte russische Partei trifft gerade die Vorbereitungen, um am israelischen politischen Horizont zu verschwinden. Also, früher oder später kommt auch die russische Renaissance in Israel zu ihrem Ende.
Sergej Tcherniak
geb. 1974 in Minsk, Weißrussland (UdSSR)
seit 1995 in Israel
1999 - B.A. Hebräische Universität von Jerusalem, Diplomvolkswirt
2004 - M.A. Tel-Aviv Universität, Diplomverwalter
seit 2000 Projektassistent bei der Konrad Adenauer Stiftung in Jerusalem