„Die Banalität der Liebe“ – Hannah Arendt und Martin Heidegger
Niels Hansen
I.
Ging es bei der Beziehung des großen Philosophen mit der großen Politikwissenschaftlerin wirklich um eine Allerweltsliebe, wie es der Titel des derzeit in Bonn uraufgeführten Dramas der israelischen Schriftstellerin Savyon Liebrecht unterstellt? Ja, in dem Sinne, dass jeder Liebe etwas Banales anhaftet, auch dann, wenn sie zwischen einem verheirateten Vater von zwei Kindern und einer Achtzehnjährigen beginnt und sich fortentwickelt. Nicht jedoch, wenn man bedenkt, dass diese leidenschaftliche Affäre sich zwischen zwei der bedeutendsten Geister des vergangenen Jahrhunderts abspielte und wenn wir in Rechnung stellen, wie sie die besonderen Zeitumstände, nämlich das Dritte Reich und die Verstrickung Heideggers in den Nationalsozialismus, schließlich überdauerte und die aus Deutschland verjagte Jüdin sich nach dem Krieg dem Geliebten wieder zuwandte.
Die Romanze zwischen Heidegger (1889-1976), der seit 1923 den Lehrstuhl für Philosophie der Universität Marburg innehatte, und Arendt (1906-1975), die dort Philosophie, protestantische Theologie und griechische Philologie studierte, begann im Februar 1925. Sie erzählte Näheres darüber sehr offen einmal Joachim Fest. Dieser stellt eine wichtige Quelle dar, denn er hat Arendt ab 1964 immer wieder befragt, und er widmete ihr in seinem Buch „Begegnungen“ ein anrührendes Kapitel mit der Überschrift „Das Mädchen aus der Fremde“. Sie berichtet dort, wie „Heidegger bei jenem ersten Besuch, während es draußen bereits dämmerte und sie gerade aufbrechen wollte, plötzlich vor ihr auf die Knie gestürzt ... und ihr ohnehin schwaches Widerstreben unter dem Überfall einfach weggeschmolzen“ sei. Und: „Wie und was ich bin, geht auf Heidegger zurück. Ihm verdanke ich alles!“ Aber dann: „Zugleich hat er alles verdorben.“ Weiter (Sentimentalität und Kitschigkeit einräumend): „Nach ungefähr zwei Jahren rettete ich mich durch Flucht. Ich nahm meine Siebensachen und machte mich davon. Nur eines ließ ich in Marburg zurück und habe es nie zurückholen können: die Liebe.“ Hannah Arendt ging zunächst zu Heideggers Lehrer Edmund Husserl nach Freiburg und dann zu Karl Jaspers nach Heidelberg, der sie Ende 1928 mit der Dissertation „Der Liebesbegriff bei Augustin“ promovierte. Kurz darauf heiratete sie den Heidegger-Schüler und Sozialphilosophen Günther Anders.
Als freie Publizistin befasste sich Arendt fortan in zahlreichen Artikeln, Essays und Büchern vornehmlich mit jüdischen Themen. Am bekanntesten wurden das grundlegende, auch ausführlich den Antisemitismus behandelnde Werk „The Origins of Totalitarianism“ (1951), das auf deutsch, mit dem Titel „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ herauskam, sowie „Eichmann in Jerusalem. A Report on the Banality of Evil“ (1962), dem der Titel von Liebrechts Bühnenstück entlehnt ist. Das vielerörterte Buch über den Prozess 1961/62 löste in Israel und in der jüdischen Diaspora einen wahren Skandal aus, der sich in der Substanz daraus erklärt, dass man es als unerträglich kränkend empfand, in der Schoah sozusagen lediglich Opfer der Eichmann bescheinigten puren Mittelmäßigkeit gewesen zu sein. Ihre Kritik an den sogenannten Judenräten und das Plädoyer zugunsten der israelischen Araber tat ein Übriges. Selbst die New Yorker Emigrantenzeitung „Aufbau“, der sie jahrelang als Redakteurin gedient hatte, brach mit ihr. Eine hebräische Ausgabe der umstrittenen Analyse kam erst 2000 heraus, wobei die polemische Diskussion wieder aufflammte.
II.
Zurück nach Deutschland an der Schwelle der Diktatur. Der fatale 30. Januar 1933 änderte alles. Heidegger, weithin bekannt wegen seines 1927 erschienenen Hauptwerks „Sein und Zeit“, ließ sich, wenn auch nur vorübergehend, auf spektakuläre Weise mit dem neuen Regime ein. Er lehrte jetzt als Nachfolger Husserls in Freiburg und wurde im April 1933 zum Rektor der dortigen Universität gewählt. Am 1. Mai trat er im Rahmen einer feierlichen Kundgebung in die NSDAP ein. Vier Wochen später hielt er die berüchtigte Rede zum Thema „Die Selbstbehauptung der Deutschen Universität“, wobei er dem Führerprinzip huldigte und das Absingen des Horst-Wessel-Liedes sowie Sieg-Heil-Rufe anordnete. Aber: Im April 1934 trat Heidegger vom Amt des Rektors zurück, da seine Hochschulpolitik weder in der Universität noch bei den Machthabern Anklang fand, die mit seiner anspruchsvollen Philosophie nichts anzufangen wussten.
Arendt wurde – so zu Joachim Fest – von jeder Nachricht über die Hinwendung des Freundes zu den jetzigen Gebietern wie durch einen „Keulenschlag“ getroffen: „Heidegger wusste doch, dass wir keineswegs los voneinander waren. Mindestens die Erinnerung war noch da, und ich fragte mich, ob er den Verrat, den er an jedem Tag an uns und schließlich auch an sich beging, überhaupt bemerkte.“ Den Kontakt zu ihm brach sie ab. Sie lebte damals mit ihrem Mann in Berlin und war nicht gesonnen, passiv zu bleiben. Nun engagierte sie sich politisch für den Zionismus, recherchierte über die Judenverfolgungen und beherbergte in ihrer Wohnung Flüchtlinge. Im Juli wurde sie zusammen mit ihrer Mutter verhaftet und kam für acht Tage ins Gefängnis. Den sie stundenlang verhörenden Gestapobeamten, so zu Fest, „beflirtete“ sie „nach allen Regeln der Kunst“, und im August vermochte sie sich nach Paris abzusetzen. Hier gehörte sie zum engsten Freundeskreis Walter Benjamins. Als Generalsekretärin der französischen „Jugend-Alijah“ verhalf sie jungen Juden zur Ausreise ins Mandatsgebiet Palästina. 1935 hielt sie sich selbst für drei Monate dort auf. 1937 erkannte man ihr die deutsche Staatsangehörigkeit ab. Von Anders wurde sie im gleichen Jahr geschieden und Anfang 1940 heiratete sie Heinrich Blücher, der 1933 als (nichtjüdischer) Kommunist aus Deutschland geflohen war. Mit Blücher und ihrer Mutter, deren Ausreise aus Königsberg sie vor Kriegsbeginn noch hatte arrangieren können, wurde sie von den Franzosen im Dezember 1939 im Internierungslager Gurs inhaftiert, doch gelang es den dreien, 1941 über Spanien und Lissabon nach New York zu entkommen. Dort war sie weiterhin publizistisch tätig, u.a. als Redakteurin und Kolumnistin des renommierten „Aufbau“. Ein Vertriebenenschicksal wie viele andere, bei dem indes insbesondere der – lediglich – vorübergehende Aufenthalt in Palästina hervorsticht. 1951 erhielt sie die amerikanische Staatsbürgerschaft.
III.
1949/50 reiste Arendt als Geschäftsführerin der Organisation zur Rettung und Pflege jüdischen Kulturguts zum ersten Mal wieder nach Europa und im Spätherbst 1949 kam sie dabei nach Deutschland. Zu Fest: „‚Unbeschreiblichstes, herrlichstes Wiedersehen’“. Aber auch: Ihre „ungezählten Vorbehalte“ hätten sich bestätigt und „erst in der Wiederbegegnung mit dem hoffnungslos zerstörten Berlin schmolzen ihre Reserven dahin: Die Bewohner der Stadt seien unverändert, großartig, menschlich, humorvoll, klug, blitzklug sogar: Dies zum ersten Mal wie nach Hause kommen.“ Wenig später gestand sie nach langen Skrupeln Jaspers ihre Liebesbeziehung mit Heidegger und sie erfuhr dabei weitere Einzelheiten über dessen wenig schmeichelhaftes Verhalten im Dritten Reich. Nichtsdestotrotz traf sie mit dem alten Vertrauten wenig später in Freiburg zusammen. Aus Fests Erinnerungsbuch, das sich vorwiegend auf die Schilderung ihrer besten Freundin, der New Yorker Schriftstellerin Mary McCarthy, beruft, sind wir über die näheren Umstände des Wiedersehens am 7. Februar 1950 recht genau unterrichtet, wenn es darüber auch unterschiedliche Deutungen gibt. Es ist von „schulmädchenhafter Verlegenheit“, vom „Versteckspiel vergangener Zeiten, vor allem mit sich selber“ und vom „emotionalen Durcheinander jener Tage“ die Rede. Als Heidegger ihr Hotelzimmer betrat, stand er wie „ein begossener Pudel“ da, half sich jedoch bald über die Befangenheit hinweg. Sie empfand es als „heimlichen Triumph“, dem Geliebten erstmals ohne die „alte Kinderangst“ gegenüberzutreten.
Hannahs Anläufe, ihn zu ein paar entschuldigenden Worten über sein Verhalten 1933 zu veranlassen, blieben vergeblich. McCarthy: Die Bereitwilligkeit, mit der sie sich „abfertigen“ ließ, beweise, dass der einstige Zauber schon zu dieser Stunde wieder zu wirken begann. Sie werde gleichwohl nicht preisgeben, „wie nahe die beiden sich in dieser ‚evening-night’ ihrer Wiederbegegnung gekommen seien.“ Und Arendt brieflich: „Dieser Abend und dieser Morgen sind die Bestätigung eines ganzen Lebens.“
Man traf sich dann mehrfach erneut, wobei Heideggers Ehefrau Elfride mit von der Partie war. Der Briefwechsel, der zahlreiche Gedichte Heideggers umfasst, unterstreicht die Intensität dieser zweiten „Hoch“-Zeit. Fest behauptet, das Wiedersehen habe sich für Heidegger, der nach dem Krieg seines Lehrstuhls enthoben worden war, als „lebensverändernde Wende“ erwiesen. Er sei, anstatt wie bisher die Angriffe gegen ihn bloß erleidend abzuwehren, nunmehr „gleichsam in die Offensive“ gegangen. „Denn Hannah Arendt war die Lossprechung“. Jetzt stilisierte er sich sogar als Widerständler und ausgerechnet Jaspers, der es ja besser wusste, schrieb er zwei Monate nach dem Wiedersehen: „Keiner (hat) das gewagt, was ich wagte“. Fest dazu: „Heideggers Dreistigkeit bezeugt, wie hoch er die Bedeutung seiner einstigen Schülerin veranschlagte.“
IV.
Liebrecht gelingt es, in ihrer Theaterversion wesentliche Aspekte der so gar nicht banalen Liebe auf spannende Weise anschaulich zu machen. Sie lässt die beiden Protagonisten in zweierlei Form mit jeweils anderen Schauspielern auftreten – als junge Liebende und als Ältere nach dem Krieg. Und sie führt als dritten Akteur einen israelischen Journalisten ein, der – Sohn eines fiktiven Verehrers von Hannah in der Marburger Studentenzeit – die nunmehr berühmte Frau zu ihrer wieder aufgenommenen Beziehung mit dem in das Tyrannenregime verstrickten Philosophen kritisch befragt und damit deren Komplexität aus jüdischer Sicht erhellt. Er unterstellt ihr sogar, was israelischerseits in der Tat behauptet worden war, sie habe mit ihrem Eichmann-Buch Heidegger indirekt in Schutz nehmen wollen. Der Titel des Dramas reflektiert diese kritische Einstellung zu Arendt im Widerspiegel mit dem beanstandeten Werk. Mit diesen Vorbehalten hat es wohl zu tun, dass die hebräische Originalfassung in Israel erst Ende 2008 auf die Bretter kommen soll, so dass die Bonner Aufführung, die durch Inszenierung, Schauspieler und Bühnenbild besticht, Weltpremiere ist. Heidegger wird darin, wie auch im Beitrag von Joachim Fest, menschlich durchaus ungünstig dargestellt. Bei Arendt, der Fest mit besonderer Sympathie begegnet, imponiert ihre geistige Unabhängigkeit, nicht zuletzt die Unbefangenheit, mit der sie den belasteten Freund, der jederlei Abbitte verweigert, immer wieder verteidigt. Was für eine Frau!
Zwischen 1952 und 1967 setzten die Begegnungen aus und über dem Jahrzehnt 1955 bis 1965 liegt Dunkel. Die Gründe für die Pause sind vielfältig, aber offenbar in erster Linie Heidegger zuzuschreiben. Indes kam es dann bezeichnenderweise zu einer dritten Phase mit erneuten Briefen und Treffen. Der Vorspann von Arendts gedankenreicher Würdigung des Philosophen zu seinem 80. Geburtstag lautet: „Für Martin Heidegger. Für Dich zum 26. September 1969 nach fünfundvierzig Jahren wie seit eh und je, Hannah“. Dort wird auch sein Verhalten nach der „Machtergreifung“ angesprochen: Er habe nur „einmal der Versuchung nachgegeben ... , seinen Wohnsitz zu ändern und sich in die Welt der menschlichen Angelegenheiten ‚einzuschalten’. ... Und was die Welt betrifft, so ist es ihm noch um einiges schlechter bekommen als Plato, weil der Tyrann und seine Opfer sich nicht jenseits der Meere, sondern im eigenen Land befanden.“ Aber auch: „Wir (... ) können schwerlich umhin, es auffallend und vielleicht ärgerlich zu finden, dass Plato wie Heidegger, als sie sich auf die menschlichen Angelegenheiten einließen, ihre Zuflucht zu Tyrannen und Führern nahmen.“