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Israel am Neckar: Die Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg

Dass für die Jüdischen Studien die sephardische Diaspora auf Jamaika ebenso bedeutungsvoll sei wie die Geschichte des Staates Israel, ist gewiss eine überspitzte Aussage und provoziert Widerrede, zumal in einem Vortrag vor einer Arbeitsgemeinschaft der DIG. Tatsächlich ist es zunächst aber die Vielfalt von jüdischen Kulturen und Identitäten in Geschichte und Gegenwart, die das Feld der Jüdischen Studien spannungsvoll und fruchtbar macht.

Die Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg kann dieses Feld nach beinahe dreißig Jahren ihrer Arbeit heute in einer Breite ausmessen, die in Europa einzigartig ist. Es gibt in Heidelberg gegenwärtig acht Lehrstühle in sieben Teilfächern: Bibel und Bibelauslegung, Talmud, Geschichte des Jüdischen Volks, Kunstgeschichte, Literatur, Philosophie und Pädagogik, ferner den Ignatz Bubis Lehrstuhl für Geschichte, Religion und Kultur des Europäischen Judentums. Geschichte und Kultur von Eretz Israel und des modernen Staates Israel sind darin auf vielerlei Weise aufgehoben: selbstredend in Lehre und Forschung zur Bibel und zur Entstehung des rabbinischen Judentums, mit der modernen israelischen Literatur und Kunst sowie der Geschichte von Zionismus und Staat Israel im Fach Geschichte. Iwrit und eben nicht nur biblisches und rabbinisches Hebräisch sind fester Bestandteil des obligatorischen Sprachausbildungsprogramms. Und kaum jemand unter den Hauptfachstudierenden kommt ohne ein oder zwei Studiensemester in Israel aus.

Da hatte sich dann auch einiges von der Beunruhigung bei den Zuhörern der DIG-Arbeitsgemeinschaft wieder gelegt.

Eine gewisse Unzufriedenheit war aber auch beim anschließenden Essen noch zu spüren. Israel steht trotz allem an der Hochschule nicht im Zentrum, auch nicht am Rande, aber dieses Themenfeld konkurriert mit einer Vielzahl anderer.

Das wird sich auch künftig nicht grundlegend ändern, und die Ursachen dafür liegen durchaus in der Natur des Gegenstands sowie in Verfassung und Aufgaben der Heidelberger Hochschule. In der Mitte Europas gelegen und gegründet nach der Shoa, die mit Vertreibung und millionenfachem Mord Menschen traf, aber ebenso Institutionen, Traditionen und Identitäten meist unwiederbringlich zerstörte, ist diese staatlich anerkannte Hochschule in Trägerschaft des Zentralrats der Juden in Deutschland heute Vermächtnis und Versprechen zugleich. In ihr fließen die unterschiedlichen Bildungstraditionen des deutschen und europäischen Judentums des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zusammen. In ihrer Praxis mit gegenwärtig bald einem Dutzend nach Zielen differenzierten Studiengängen und eigenem Promotionsrecht hat sie damit sechzig Jahre nach der Shoa Hoffnungen eingelöst und Anerkennung gefunden, die Juden in Europa seit dem Beginn der Emanzipationsprozesse im ausgehenden 18. Jahrhundert gefordert hatten und die ihnen, manchmal subtil, am Ende mit größter Brutalität, bis in jüngste Zeit hinein verweigert worden waren.

Studierende aus gegenwärtig vierzehn Ländern, zu einem Drittel Juden, die anderen Christen, Agnostiker oder ohne Bekenntnis, aber auch einige Muslime, studieren gegenwärtig an der Hochschule. Mittlerweile sind auch die ersten Studierenden aus Israel an der Hochschule immatrikuliert, der Austausch zwischen Israel und Deutschland verläuft in beiden Richtungen.

Das war nicht immer so. Manche Rektoren und viele Lehrende kamen aus Israel, manche für ein Semester, andere für länger; Studierende brachten sie keine mit. Im Gegenzug gingen nicht Heidelberger Lehrende, sondern Studierende nach Israel, meist nach Jerusalem. Auch das hat sich zwischenzeitlich geändert. Seit dem Sommer 2008 besteht ein Kooperationsabkommen der Hochschule mit der Ben Gurion-Universität des Negev in Beer Sheva, das stark gestartet ist und schon 2009 den Rahmen für einen Austausch von Studierenden und Dozierenden bieten wird. Im Unterschied zu den frühen Jahren verfügt die Hochschule heute über einen Lehrkörper, der aus Deutschland gewonnen ist.

Israel wird in den kommenden Jahren auch sonst noch stärker ins Blickfeld der Hochschule rücken. Sechzig Jahre des jüdischen Staates und die Ausbildung einer spezifischen jüdischen Mehrheitskultur, der Israeliut, im Spannungsfeld anderer Identitäten vor Ort, jüdischer wie nichtjüdischer, sind Anlass genug, sich noch weiter mit Israel, seiner Gesellschaft und seinen Kulturen zu befassen.

Da ist aber noch mehr zu sagen: Nicht allein die Tatsache, dass für die Mehrzahl der nichtjüdischen Studierenden der Hochschule eine spezifische Israel-Erfahrung aus Zivildienst, freiwilligem Jahr, Partnerschaftsarbeit und anderem mehr den Anlass zum Studium in Heidelberg geliefert hat, schafft Erwartungen, denen die Hochschule in Zukunft noch stärker Rechnung tragen muss. Auch die Selbstverständlichkeit von politischen, kulturellen, wirtschaftlichen und damit verknüpft insbesondere auch wissenschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland, Europa und Israel, die sich in den vergangenen Jahren ganz pragmatisch und unspektakulär eingestellt hat, bietet Anlass und Potential für eine intensivierte Beschäftigung mit Israel und zur Zusammenarbeit mit Partnern dort. Am Wissenschaftsstandort Heidelberg und in den Unternehmen der Region Rhein-Neckar werden diese Beziehungen auf besonders breiter Basis gepflegt.

Auf der anderen Seite fehlt im gesamten deutschsprachigen Raum noch immer ein Kompetenzzentrum, um Medien und Öffentlichkeit fundiert Auskunft über Israel und den Nahen Osten zu geben.

Die Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg verfügt mit alledem über ein einzigartiges Umfeld, um den Ertrag ihrer Kompetenz außerhalb ihrer bisherigen Fachgrenzen fruchtbar zu machen und transferorientiert die Beschäftigung mit Politik, Gesellschaft und Wirtschaft Israels und des Nahen Ostens auszubauen.

Die Einrichtung einer dem Angedenken David Ben Gurions gewidmeten Gastprofessur für Israel-Studien an der Heidelberger Hochschule, die der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger bei seiner Rede im Konrad-Adenauer-Konferenzzentrum der Jerusalem Foundation Ende Oktober 2008 bekannt gab, ist deshalb mit allergrößter Genugtuung aufgenommen worden.

Im Herbst 2009 wird die Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg zu ihrem 30-jährigen Bestehen ihr neues Gebäude in der Heidelberger Altstadt beziehen und das Zentralarchiv für die Geschichte der Juden in Deutschland unter ihr Dach nehmen. Die Israel-Studien werden dann ebenfalls ihren Platz im neuen Haus einnehmen.

von Johannes Heil

Prof. Dr. Johannes Heil ist Erster Prorektor der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg und Inhaber des Ignatz Bubis-Lehrstuhls für Geschichte, Religion und Kultur des europäischen Judentums. In den Jahren 1993-1995 war er Vorsitzender der DIG Frankfurt am Main.

 


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