Holocaust – eine amerikanische Fernsehserie
Im Januar 1979 wurde in Deutschland eine amerikanische Fernsehserie ausgestrahlt, die schon vorher für Furore sorgte: “Holocaust”. Erstmals wurden dem deutschen Publikum die Folgen der Judenausrottung an einem konkreten Beispiel vorgeführt. In vier Episoden zu etwa 90 Minuten wurde der Untergang der jüdischen Familie Weiss gezeigt.
Schon die Geschichte des Vierteilers lohnt, erzählt zu werden.
Nach dem Erfolg der Serie “Roots” über die Sklaverei in den USA suchte der amerikanische Fernsehsender NBC nach einer zugkräftigen Geschichte, mit der man Quote und somit Geld machen konnte. Man entschied sich, die Verfolgung und Ausrottung der Juden im „Dritten Reich“ für das Fernsehpublikum in einer fiktionalen Geschichte aufzuarbeiten. Gerald Green schrieb ein Drehbuch. Die Dreharbeiten unter der Regie von Marvin Chomsky fanden in Deutschland und Österreich statt. Als Hauptdarsteller wurden natürlich amerikanische Schauspieler und Schauspielerinnen engagiert, für Nebenrollen griff man auf Deutsche zurück. Der WDR wurde auf die Serie aufmerksam und sicherte sich eine Option.
Im Frühjahr 1978 wurde der Vierteiler in den USA ausgestrahlt und sorgte dort für Diskussionen. Elie Wiesel etwa sprach sich vehement gegen eine „Trivialisierung“ des Judenmordes aus. Zu diesem Zeitpunkt weilte eine Delegation sozialdemokratischer Politiker in den USA. Sie bekamen etwas von der Ausstrahlung und den Reaktionen des Publikums mit. Es war Georg Leber, der eine Ausstrahlung der Serie in Deutschland anregte. Zeitgleich hatte man sich im WDR bereits zum Ankauf entschlossen. Für die Ausstrahlungsrechte zahlte man den Amerikanern eine Million DM.
Doch die geplante Ausstrahlung stieß im Land der Dichter und Täter auf Widerstand. Man mokierte sich über Fehler bei der Darstellung. So fand man einen Hitlerjungen in Sommeruniform unter einem Christbaum störend. Auch mäkelte man an der simplen Charakterisierung der handelnden Personen: die Opfer wurden gut gezeichnet, die Täter bösartig. Es gab erheblichen Widerstand gegen „Holocaust“. Überflüssig zu sagen, dass man sich in Bayern eine Ausstrahlung in der ARD verbat. Auch der „Spiegel“, als eher linkes Politmagazin verschrien, gab den Gegnern der Serie Platz.
Man fand einen Kompromiss. Der Vierteiler wurde nicht in der ARD ausgestrahlt, sondern zeitgleich ab 21 Uhr in allen Dritten Programmen. Die offizielle Begründung war eine Zumutung für denkende Deutsche: die Programmstruktur des Ersten sei zu starr, um an vier Abenden die Serie zügig auszustrahlen.
Worum geht es in “Holocaust”? Im Sommer 1935 feiert die Familie des jüdischen Arztes Josef Weiss Hochzeit. Ihr Sohn Karl heiratet die Nichtjüdin Inga Helms. Die Familie Weiß besteht aus den Eltern Bertha und Josef, den Söhnen Karl und Rudi, der Tochter Anna und den Schwiegereltern Palitz, die ein Buchgeschäft betreiben.
Zu den Patienten von Dr. Weiss gehört der arbeitslose Jurist Erik Dorf; der findet bald eine Anstellung und wird Reinhard Heydrichs persönlicher Referent. Er wird fortan bei allen Entscheidungen über den Mord an den europäischen Juden maßgeblich beteiligt sein.
Als sich im November 1938 massive Gewalt gegen die Juden wendet, wird Dr. Weiss nach Polen ausgewiesen, sein Sohn Karl in ein KZ verschleppt. Die restliche Familie wird aus ihrer Wohnung vertrieben und findet Unterschlupf bei Ingas Familie, die die jüdische Verwandtschaft widerstrebend aufnimmt. Die Schwiegereltern wählen den Freitod. Der junge Rudi Weiss flieht vor weiteren Schikanen und schlägt sich nach Prag durch, wo er sich in eine tschechische Jüdin verliebt. Seine Schwester Anna wird bei einem abendlichen Spaziergang vergewaltigt. Da sie dieses Verbrechen seelisch nicht verkraftet, wird sie nach Hadamar gebracht und ermordet. Inga kann für ihren Mann Karl über Beziehungen zu einem SS-Mann Vergünstigungen erwirken, im Gegenzug muss sie dem Mann sexuell zu Diensten sein. Rudi und seine Freundin fliehen nach Osten, werden Zeugen des Massenmordes in Babi Yar und schließen sich Partisanen an. Bertha Weiss wird nach Warschau ins Ghetto verschleppt, wo sie ihren Mann wieder trifft. Sie ermuntert ihn, mit bescheidenen Mitteln den Nazis Widerstand zu leisten. Bevor 1943 der Aufstand im Warschauer Ghetto ausbricht, werden Bertha und Josef nach Auschwitz verschleppt. Bertha Weiss wird bald nach ihrer Ankunft vergast, ihr Mann wird zunächst im Arbeitseinsatz schikaniert und schließlich auch in die Gaskammer getrieben. Karl Weiss stirbt an Entkräftung im KZ kurz vor der Befreiung. Rudi Weiss heiratet seine Freundin, doch beim Partisanenkampf wird sie erschossen. Als einzigem Mitglied der Familie Weiss gelingt es ihm, zu überleben. Erik Dorf, Heydrichs rechte Hand, begeht Selbstmord.
Nach der Ausstrahlung des Vierteilers war jede ernstzunehmende Kritik an der Serie verstummt. Das Schicksal der Familie Weiss hatte den Deutschen vor Augen geführt, was die Verfolgung und Ausrottung eines Teils der Bevölkerung für den Einzelnen bedeutete. Schauriger Höhepunkt ist der Marsch der Frauen in die Gaskammer, vorbei an einem Orchester. Die Kamera begleitet Bertha Weiss, die Mutter der Familie, bei ihrem letzten Gang. Unter den Blicken der Wachleute müssen sich die Frauen ausziehen, dann werden sie in die Kammern getrieben. Die Türen zur Gaskammer schließen sich. Der Rest ist nicht mehr zeigbar. In dieser Konsequenz, in dieser Brutalität wurde nie zuvor der Massenmord an den Juden visualisiert. Man ging so weit, wie man gehen durfte. Das sahen nun bis zu zwanzig Millionen Deutsche und waren tief erschüttert von dem, was sie auf dem Bildschirm zur besten Sendezeit zu sehen bekamen. Der Mord an mehreren Millionen Juden war keine stumpfe Zahl mehr, die Opfer hatten Gesichter bekommen, die Gesichter der Familie Weiss. Eine Telefon-Hotline wurde geschaltet und intensiv von den Zuschauern genutzt. Das Schweigen über die Shoa in Deutschland, über die Taten der Nazis, hatte ein Ende gefunden. Die Zunft der Historiker, die sich mit Dokumentationen und Strukturen der NS-Herrschaft beschäftigt hatte, war gezwungen, sich den Opfern zuzuwenden. Die Geschichte des Nazi-Regimes wurde neu geschrieben, die Opfer rückten in den Blickpunkt.
“Holocaust” hatte aber auch Auswirkungen in der Politik. Im Frühjahr 1979 musste der Bundestag entscheiden, ob die Verjährung bei Mord aufgehoben werden oder nach dreißig Jahren eintreten sollte. Befürworter und Gegner der Verjährung hatten gute Argumente, aber wenige Wochen nach der Ausstrahlung dieser TV-Serie war es undenkbar, NS-Morde juristisch nicht mehr zu verfolgen. Zu den Gegnern der Verjährung gehörte auch der Bundestagsabgeordnete Erik Blumenfeld. Der Hamburger CDU-Politiker, Kaufmann und amtierende Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, der selbst im KZ Auschwitz gewesen war, brach sein Schweigen über sein Schicksal und appellierte an seine Kollegen im Hohen Haus, den Tätern von einst nicht in der Gegenwart Straffreiheit zu gewähren. Der Bundestag verwarf schließlich die Verjährung von Mord. Wer in Deutschland mordet, kann bis an sein Lebensende von der Justiz belangt werden. Diese Nicht-Verjährung ist übrigens seitdem nicht wieder in Frage gestellt worden.
Drei Jahre später korrigierte die ARD ihre Fehlentscheidung und strahlte “Holocaust” doch im Ersten Programm aus. Seitdem ist der Vierteiler eher selten im deutschen Fernsehen gelaufen. Ihre Wirkung indes hat diese Serie getan.
Norbert Korfmacher