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Tel Avivs berühmter Fotoladen vor dem Abriss?

von Igal Avidan

Ein junges Paar flaniert an einem Sommertag im Zentrum Tel Avivs. Die Frau trägt ein leichtes, tailliertes Sommerkleid mit einem weißen Kragen und passenden weißen Schuhen. In der Hand hält sie eine schicke Tasche. Der Mann trägt eine elegante, legere Sommerhose, ein kurzes Hemd und weiße Schuhe. In der Hand hält er ein in Papier gewickeltes Präsent. Sie lächelt selbstbewusst in die Kamera, er etwas schüchtern, vielleicht, weil diese Aufnahme erst kurz nach seiner Ankunft in der ersten hebräischen Stadt 1936 entstand, oder, weil die Liebe noch frisch ist, oder, weil der große, schlanke Mann lieber selbst hinter der Kamera stehen würde.

Bald wird der tschechische Immigrant Rudi Weissenstein einer der berühmtesten Fotografen Israels werden. Bis zu seinem Tod 1992 wird er seine neue Heimat und deren Menschen in Schwarz-Weiß in einer Viertelmillion Negative dokumentieren. Seine Frau Miriam bewahrt diesen Schatz in ihrem kleinen Fotoladen „Zalmania Pri-Or“ in der Allenby-Straße nach Themen in Holzschubladen geordnet auf. Täglich trifft man die 96-Jährige bei der Arbeit im Geschäft. Energisch und freundlich zieht die dezent geschminkte, freundliche Dame mit dem wachen Blick hinter der großen Brille viele Kunden in ihren Bann, die von der Schönheit ihres Landes in den Großaufnahmen an den Wänden ebenso wie von ihr fasziniert sind. Aber wie lange noch? Die Behörden in Tel Aviv genehmigten bereits den Abriss des Bauhaus-Gebäudes, in dem sich der Fotoladen seit 1940 befindet – zum 100. Jubiläumsjahr der Stadt.

Rudi Weissenstein und Miriam Arnstein begegneten sich zufällig auf der Allenby-Straße unweit der Zalmania. Heute flanieren hier tagsüber keine Liebespaare mehr. Die 52 Buslinien vertreiben die Flaneure. In den leerstehenden, verfallenen Prachthäusern quartieren Obdachlose. Nachts frequentieren Gastarbeiter und junge Touristen die eher schmuddeligen Kneipen und Stripclubs. Einen Kaffee mit Apfelstrudel könnten Rudi und Miriam heute nur noch im renommierten Bialik-Café bekommen. Aber auch dieses Haus, das der radikalen Siedlerin Daniela Weiss gehört, soll nach 70 Jahren abgerissen werden.

Miriam und Rudi stammen beide aus der Tschechoslowakei und studierten in Wien – sie wurde Gymnastiklehrerin, er Fotograf. „Sie emigrierte mit acht Jahren und er mit 25 – das machte einen großen Unterschied“, sagt ihr Sohn Hanan Netter. „Er war ein höflicher Europäer, sie eine temperamentvolle Sabre, eine echte Israelin.“ Ihre Tochter Ilana Spector sagt, Rudi sei höflich, ordentlich und freundlich gewesen. „Die Verspätungen und die Unordnung der Israelis ärgerten ihn sehr, aber er zeigte seine Aufregung niemals, ganz anders als meine Mutter.“ Eigentlich sollte Rudi Hoteldirektor in der Schweiz werden – das war der Wunsch seines wohlhabenden Vaters. Stattdessen immigrierte er nach Palästina, um das Land zu dokumentieren. Bereits einen Tag nach ihrer ersten Begegnung fuhren Rudi und Miriam nach Galiläa. Rudi fotografierte und Miriam half, die Kameras zu tragen. Die Fotoreisen mit ihrem Vater durch Israel gehören zu den besten Erinnerungen der Kinder.

Das Israel, das man im kleinen Fotoladen in der Allenby-Straße findet, ist ein Land, nach dem sich viele Israelis heute sehnen. Die Israelis wirken arm, aber idealistisch und glücklich, die Landschaften sind unberührt wie in biblischen Zeiten, die Bauhaus-Gebäude der „weißen Stadt“ glänzen. In manchen Fotos erkennt man Gebäude oder Straßenzüge und vergleicht mit Heutigem. Die Straßen sind sauber und leer, man sieht ein oder zwei schwarze Autos, einige Radfahrer und mehrere Passanten. Die Menschen sind eleganter als heute: Die Männer tragen Hut oder Mütze, die Frauen Kleid. Faszinierend sind vor allem die Bilder der längst verschwundenen Stadt, zum Beispiel das eines Zuges, der die Allenby-Straße überquert, eine Strecke, die 1948 stillgelegt wurde.

In der Zalmania lebt noch das 1930 schräg gegenüber eröffnete Art-Deco-Lichtspielhaus „Mograbi“, seit 20 Jahren ein offener Parkplatz. Kein Schild weist darauf hin, dass im ersten Stock der Kinosaal mit dem Dach war, der im Sommer geöffnet wurde, und im Erdgeschoss Theaterensembles gastierten. In Weissensteins Bild kommt ein Pferdewagen einem schwarzen LKW entgegen. Zwei große Fässer bilden den Mittelstreifen. Gebannt schaut man auf ein Bild, das den arabischen Stadtteil Manshiye intakt zeigt. Nur die Moschee und ein Privathaus zeugen davon, dass hier bis 1948 Tausende Menschen wohnten, die meisten Araber. Man blickt auf das Herzliya-Hymnasium, nach dem Gründer des Zionismus Theodor Herzl benannt, das geistiges und physisches Zentrum der Stadt war. Der 1909 entstandene große Bau mit den orientalischen Dachornamenten und dem Vorgarten mit Zypressen und Palmen sah wie ein Palast in Andalusien aus. Der Abriss dieses „Tempels der hebräischen Kultur“ 1959 war auch die Geburtsstunde der Nostalgie für „das kleine Tel-Aviv“, wie Maoz Azaryahu in seinem Buch „Tel Aviv: Mythography of a City“ feststellt.

Diese Nostalgie finden Israelis in Weissensteins Schwarz-Weiß-Imperium zuhauf. „Jeder dritte Fußgänger hält vor dem Schaufenster an und viele kommen hinein, vor allem wenn die Eingangstür offen ist“, beobachtete Ben Peter, Rudis Enkelsohn. „Wer zum ersten Mal kommt, ist von Miriam sofort fasziniert, vor allem von ihren 96 Jahren, ihrem Humor und klarem Denken. Sie ist zwar schwerhörig, aber neugierig und geduldig.“ Ben hilft ihr mit dem Hörgerät und ihre philippinische Pflegerin Leti holt einen Bildband von Rudi, denn „eine Reportage über mich ohne Bilder – das ist nichts!“, wie sie in fließendem Deutsch verkündet. Nun kann die Zeitreise mit der Dame beginnen, die genauso alt ist wie die Allenby-Straße.

Im April 1913 wurden die ersten zweistöckigen Häuser in der neuen Seestraße, Rehov Hayam, errichtet, die damals nicht zu Tel Aviv gehörte. Die Unterdrückung der Juden im ersten Weltkrieg durch die osmanischen Herrscher gipfelte 1917 mit der Vertreibung der 3.000 Bewohner Tel Avivs. Nur 12 Wächter bewachten die leeren Häuser. Umso mehr feierten die Rückkehrer die siegreichen britischen Truppen und veranstalteten ein großes Fest für deren General Edmund Allenby. Am 22. November 1918 empfingen ihn Tel Avivs Honoratioren am Stadttor, das mit der Aufschrift „Ehre für den Befreier unseres Landes“ auf Hebräisch und Englisch dekoriert wurde. Aus Dankbarkeit beschloss der Stadtrat, die Seestraße, die längste von allen, nach Allenby umzubenennen.

Tel Aviv war damals eine Wohnsiedlung der Großstadt Jaffa, wo 1921 etwa 16.000 Juden und 26.000 Araber lebten und alle Tel Aviver arbeiteten. Infolge der Pogrome im Mai 1921, bei denen Araber in Jaffa 47 Juden ermordeten, flohen Tausende Juden von Jaffa nach Tel Aviv, das von den britischen Herrschern zur autonomen jüdischen Gemeinde deklariert wurde. Ab 1922 gewann die Allenby an Bedeutung, vor allem am Shabbat, weil die Bewohner den Strand entdeckten und diese war die einzige Hauptstraße, die dorthin führte. An ihrem Ende wurde im gleichen Jahr das Kasino Galei-Aviv eröffnet. In diesem eleganten, orientalisch anmutenden dreistöckigen Gebäude mit großen Terrassen fanden keinerlei Glücksspiele statt. Künstler, Schriftsteller und Politiker besuchten das Restaurant, Café und den Tanzsaal mit Orchester, die mit ihrer „modernen europäischen Ordnung und gesunder Meeresluft“ warben. Dennoch fiel das Kasino den Winterstürmen, hohen Steuern und der Weltwirtschaftskrise zum Opfer und wurde 1939 von der Stadtverwaltung gesprengt.

1921, kurz bevor Miriam mit ihren Eltern kam, wurde der Platz schräg gegenüber dem Fotoladen, wo die Allenby gen Westen in Richtung Meer biegt, in „Platz des 2. November“ benannt. An dem historischen Tag 1917 versprach Großbritannien in der „Balfour-Deklaration“ die Gründung einer Heimstätte für die Juden in Palästina. Das Volk nannte ihn aber „Mograbi-Platz“ und traf sich dort neben der Straßenlaterne, die in einigen Schlagern verewigt wurde. Oder bei einem aus Wien eingewanderten Opernsänger, der vor der Kinokasse aus einem Kessel Wienerwürste mit Semmeln und Senf verkaufte. Rudi und Miriam saßen oft im „Café Opera“, denn er war mit dem Besitzer, dem Berliner Wirtschaftsprofessor Dr. Rudolph Kaufmann, befreundet. Deutsch sprach er auch mit dessen aus Wien stammenden Frau Uli, für deren Werbeagentur er fotografierte.

Über den Andrang in der Allenby liest man in Haaretz von 1934. Als die Stadtverwaltung die Eröffnung von zwei weiteren Kinos zuließ, protestierte das Blatt gegen den bevorstehenden Stau und Lärm, „da man bereits jetzt seinen Weg durch den Heizkessel Allenby durchbrechen muss: Die Restaurants und Cafés erobern die Hälfte des Trottoirs, die Kiosks ‚züchten’ lange Menschenschlangen und ab Mittag donnern die Radios aus allen Häusern, Läden und Lokalen und konkurrieren mit dem Gesang der Motorräder und Busse, dem Brüllen der Esel und Wiehern der Pferde. Die Stadtverwaltung muss den Lärm abbauen und nicht die Nerven der Bewohner noch mehr strapazieren.“

Als Rudi Weissenstein 1940 im Fotoladen einstieg, tobte in Tel Aviv der Zweite Weltkrieg. Italienische Flugzeuge bombardierten die Stadt und töteten 137 Menschen. „Wir mussten zu meiner Mutter nach Herzliya übersiedeln“, sagt Miriam. Zu den zahlreichen Kunden in Tel Aviv fuhr Rudi täglich mit seinem Motorrad. „Die britischen, australischen und kanadischen Soldaten wurden von der Sarafand-Kaserne für einen Urlaubstag nach Tel Aviv gefahren und übernachteten in den preiswerten Hotels am Ende der Allenby“, erinnert sich Gideon Bachmann, der dort aufwuchs. „Dies war auch das Rotlichtviertel, unweit vom exklusiven Offiziersklub.“ Die Soldaten brauchten Fotos für ihre Freundinnen und Familien und kamen deshalb zu Rudi und zu den zahlreichen Fotoläden, die in diesem Straßenzug aus dem Boden schossen.

Auch die historischen Fotos machte er in diesem Stadtteil: Am 29. November 1947 hat Rudi als einziger Fotograf die Massen, die die UN-Resolution zur Gründung eines jüdischen Staats feierten, festgehalten. Ebenso dokumentierte er die Staatsgründung am 15. Mai 1948. Durch seine guten Kontakte erhielt er die begehrte Einladung, an jenem Freitagnachmittag elegant im Tel-Aviv-Museum zu erscheinen, musste den Anlass aber geheim halten. Sein berühmtestes Foto zeigt Ben Gurion, der in Anzug und Krawatte vor einer an der Wand hängenden Flagge den Staat Israel proklamiert. Von der Treppe des Museums aus fotografierte Rudi die Zuschauer vor dem Gebäude, darunter die zahlreichen frustrierten Kollegen, als historischen Beweis. Am Ende des kurzen Festaktes stellten sich die Teilnehmer an die Seite und begannen, die Nationalhymne Hatikwa zu singen. „Da hat er aufgehört zu fotografieren und hat mit ihnen gesungen“, so Miriam. Am nächsten Tag fragte ihn sein Auftraggeber nach diesem Motiv. „Da sagte mein Mann: ,Da war ich kein Fotograf. Ich habe mitgesungen und geweint, weil das der größter Tag im meinem Leben war.’“

Auf der Straße wurde weiterhin Geschichte geschrieben. Das Parlament tagte im ersten Jahr im Kino „Kessem“ am Parlamentsplatz am Ende der Allenby, am Unabhängigkeitstag fanden bis in die 60er Jahre Militärparaden statt. Am Mograbi-Platz drehte 1969 Ephraim Kishon seinen „Blaumilchkanal“, die Geschichte eines aus der Irrenanstalt entflohenen Geisteskranken, der prompt beginnt, die Allenby mit einem Presslufthammer aufzureißen. Von der Wand hinter der Theke des Lädchens blicken Israels Regierungschefs herunter: David Ben Gurion, Golda Meir, Menachem Begin, Yitzhak Rabin als junger Offizier und Shimon Peres. Mit seiner entspannten, freundlichen und höflichen Art wurde Rudi zum Promi-Fotografen, so bekannt, dass er die Umbenennung in den hebräischen Nachnamen Netter, die er selbst initiiert hatte, zurückzog. Daher heißt nur sein Sohn Netter. Bald hieß es, wer in Rudis Schaufenster stehe, gewinne die Wahlen. Also posierten sie alle im angrenzenden Studio, Miriam schminkte sie und half ihnen, ordentlich auszusehen. Weissensteins Fotos schmücken nicht nur einige israelische Briefmarken. Er selbst ist wohl der einzige Fotograf, der auf einem Geldschein posiert – als Wissenschafter. Außerdem dokumentierte er Landschaft, Pioniere, Einwanderer, aber auch neue Fabriken. „Mein Vater hatte inzwischen Quadrataugen“, scherzt Netter.

Oft verband Rudi Arbeit mit Vergnügen. Der leidenschaftliche Liebhaber klassischer Musik war 40 Jahre auch Hausfotograf der Israelischen Philharmonie. Auch in der Oper, die viele Jahre am Parlamentsplatz residierte, waren die Weissensteins oft. Rudis Idole waren Dietrich Fischer-Dieskau, aber auch Goethe und Thomas Mann. Auch an seinem letzten Tag fotografierte der 82-Jährige, bevor er mit Atemnot ins Krankenhaus eingeliefert wurde, wo er nach wenigen Stunden starb. „Im Morgengrauen fuhr ich zu meinem Elternhaus und schaute sofort auf die Wanduhr, weil sie mich mit Vater verbunden hat“, erinnert sich Ilana Spector. „Diese Uhr war 300 Jahre im Familienbesitz, überstand zwei Weltkriege und kam ins Land mit meinem Großvater, der als einziger in seiner Familie den Holocaust überlebt hatte. Jeden Abend zog Vater sie auf – es war eine Zeremonie. Die Uhr blieb um 2:22 stehen, genau die Zeit, zu der mein Vater starb. Seitdem ließ Mama sie nicht mehr aufziehen.“ Auf seinem Grab ließ er ein Zitat aus Goethes Faust auf Hebräisch eingravieren:

„Ihr glücklichen Augen,
Was Ihr je gesehen,
Es sei, wie es wolle,
Es war doch so schön!"

Diese Schönheit wollte Miriam in Bildbänder veröffentlichen. Daher bat sie 2003 ihren Enkelsohn Ben, im Fotogeschäft mitzuhelfen. Zwei Fotoalben liegen inzwischen vor. Hunderttausende besuchten die beiden Fotoausstellungen, in denen die Zeit stehen geblieben ist. Seit anderthalb Jahren ist Ben Mitinhaber und hat die 42 Quadratmeter renoviert, „um das Alte zu bewahren und das Schöne hervorzuheben.“ Seine „lebendige Authentizität“ zieht die Menschen an, darunter viele Touristen, die sich am nahe gelegenen Strand sonnen und in den preiswerten Hotels und Pensionen in der Umgebung übernachten. Dienstags und freitags ziehen sie eilig zu den Künstlerbasaren in der abzweigenden Fußgängerzone. Auch Einheimische sind überrascht, an dieser ungemütlichen Stelle der Allenby, die manche „Löwe im Ruß“ nennen, den historischen Fotoladen zu finden. Wenn Sie gemeinsam mit Miriam den drohenden Abriss verhindern wollen, unterschreiben sie den entsprechenden Protestbrief.

1991 wurde in Tel Aviv eine Denkmalschutzbehörde gegründet, die 1.500 Häuser in der Altstadt unter Denkmalschutz stellte. Das Bauhaus-Gebäude in der Allenby-Straße 30 ist nicht dabei. Und das, obwohl hier der einzige Fotoladen in Israel ist, der auch ein für jeden zugängliches Archiv betreibt. Die Stadtverwaltung hatte jedoch den Abriss des bestehenden Hauses und Bau eines neuen sechsstöckigen Hauses mit Ferienwohnungen bereits genehmigt. Miriam und Ben geben sich nicht geschlagen. Sie sammelten bisher 3.000 Unterschriften und werden von manchen Stadtratsverordneten unterstützt. Im Mai soll der Denkmalausschuss Tel Avivs über die Zukunft der Zalmania erneut debattieren, die die Vergangenheit der Stadt aufbewahrt.

 


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