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Starke Frauen, fromme Männer und mehr Fragen als Antworten

Dies ist kein Reisebericht ….

Nein, dies ist keine Reisebeschreibung. Ebenso wenig sind jene Konfrontationen mit immer neuen Themen artverwandt mit dem, was einst „Studienreise“ hieß. Was bleibt, ist die Verwirrung …zehn Tage Fragen und niemals Antworten genug.

Jedem gehört sein Aspekt. Da sind die Militärstrategen ..wir haben ihnen geboten: das grenzzerissene Westjordanland und die auf eher inoffiziellen Wegen beschafften Flugzeuge von Hatzrim, die erstaunlich schmächtigen Kommandanten von Bataillonen und Militärhochschulen. Da sind die Kulinariker: Wir haben sie gelabt mit drusischem Brot und Golanbier und beduinischem Kebab. Das sind die Politischen – PLO und Knesset, das schwache demokratische Pflänzchen Wasatia in den Autonomiegebieten und starke Politiker in der Knesset. Nur die Maritimen hatten Pech: das Mittelmeer mit kalter Schulter und das andere, das Tote Meer umschifft …

Das, was ich nach Hause trage, sind die starken Frauen und die frommen Männer.

Bei Sabha waren wir. Sabha ist schön. Sabha ist Beduinin. Sabha hat sechs Kinder. Oder neun? Sabha bewirtete uns in ihrem Zelt. Und Sabha, Bewohnerin der Beduinenstadt Rahat, erzählte ihre Geschichte. Eine Geschichte, die so märchenhaft ist, dass sie sie selbst nicht zu glauben scheint …der Weg einer abhängigen, unterwürfigen Frau in die innere und äußere Selbständigkeit: als Sprecherin der Organisation der beduinischen Frau. Und dann …wird Sabha beschimpft. Sie, die Beduinen, sagt Professor Sofer zwei Tage später, befleißigten sich, viele Kinder zu bekommen - des Geldes wegen. Sie, die Beduinen, beschränkten sich nicht auf die ihnen vom Staat Israel zugewiesenen Städte, Rahat und weitere, sie siedelten illegal, forderten dennoch Infrastruktur …Ich trage Sabha nach Hause mit ihrer Fähigkeit, Balance zu halten zwischen archaischen Ursprüngen und hoch entwickelter israelischen Gegenwart. Aber Sabha Abu Ramen und Prof. Sofer …wo ist die Antwort? Ich möchte Sabha nach Deutschland holen, sie in die Arbeitsgemeinschaften schicken …

Dass Karnit Goldwasser eine starke Frau ist, haben die Medien weltweit erfahren. Als ihr Mann von der Hisbollah entführt wurde, als er und sein Kollege nur als Tote nach Israel heimgeholt werden konnte, haben wir alle die Stärke dieser jungen Frau erfahren. Aber auch Miki, Ehud’s Mutter hat das Entsetzliche stark gemacht. Sie spricht unüberhörbar leise und gnadenlos ehrlich, auch sich selbst gegenüber. Wie es ihrem zweiten Sohn ging in jenen zwei unbeschreiblichen Jahren, beschreibt sie. Dass sie Angst hatte, als er nicht mehr konnte, nach Asien ging .. ihre Angst, er würde Drogen nehmen, ihre Angst, noch ein Kind zu verlieren .. Ihre israelischen Landsleute möchten Miki nicht mehr aus der Öffentlichkeit entlassen. Sie hat sich engagiert. Sie ist Kommunalpolitikerin geworden. Ich habe sie zweimal gesehen: auch als sie die Eltern des von der Hamas entführten Soldaten Shalit besuchte bei der Mahnwache in Jerusalem. Miki ist die stärkste Frau. Und sie, ja sie vielleicht antwortet.

Manara. Ein Kibbuz, dessen Kargheit, dessen Einsamkeit verstört. Ein kleines, altes, hellwaches Ehepaar. Rachel Yaakov und ihr Mann. Hoch in den 80zigern. Er spricht das Deutsch, dass wir sprechen könnten, wären wir nicht schlampig mit Grammatik und Wortwahl. Sie erinnert sich an alles. Alles. Wie das Anfing in dieser Steinwüste. Die Angst um die Kinder. Der Kampf um das Wasser. Die Beziehungen zu den Arabern. Ein Reisender fragt sie, ob sie noch an den Friedensprozess glaubte, als ihr Bruder Itzchak Rabin ermordet wurde. Ich sitze unmittelbar neben ihr. Sie schließt die Augen und schluckt. Sie sagt, nahezu unhörbar: darüber möchte sie nicht sprechen, das sei zu schwer …Ich trage nach Hause: die Erinnerung an diesen unwirtlichen, unwirklichen Kibbuz und an Rachel. Sie macht traurig, denn vielleicht wird sie nicht mehr da sein, eines Tages, in 120 Jahren aber …ist nicht auch sie: Antwort?

„Meshi“ ist morgens der erste im bescheidenen Büro gleich hinter dem Busbahnhof in Jerusalem. Sogar der „Spiegel“ hat ihn nur Meshi genannt, als er vor ein paar Jahren über Zak’a schrieb. Und sogar der Spiegel ist respektvoll mit Meshi umgegangen: Yehuda Meshi Zahav, Gründer und Leiter einer Organisation, die die Antwort auf die schlimmste Frage gibt: wer birgt das Blut, die abgerissenen Gliedmaßen, die Leichenteile, die toten Kinder .. wenn ein Anschlag stattgefunden hat, ein Selbstmordattentat …wer sorgt dafür, und mittlerweile in der ganzen Welt, dass jenen, die überleben, etwas bleibt, das sie bestatten können? Meshi und seine Männer und Frauen, die alles, was sie tun, freiwillig machen und nur kurze Zeit. Denn das hälst Du nicht aus. Meshi ist einen inneren Weg gegangen vom orthodoxen Ablehner des Staates Israel zu jemanden, ohne den dieser Staat nicht mehr auskommt. Meshi hat sicher eine Antwort, Meshi, der Gläubige. Aber möchte man die Frage dazu hören?

Er ist sanft und herzlich, und Sie werden es nicht glauben, er ist ein Freund unseres Präsidenten Gerster. Er trägt eine Kutte, und als er mich umarmt, weil ich ihm die gewünschten Ostereier - nichts derartiges findet sich in Jerusalem vor dem Osterfest – übergebe, umarmt er mich und ich denke, wie schade .. dass er ein Mönch ist. Pater Jonas ist der Prior der Benediktiner Abtei Dortmitio auf dem Zionsberg. Und ja, ich, ausgewiesener Atheist, kann verstehen, dass der Präsident Ruhe gefunden hat im lauten Alltag der Stadt Jerusalem in diesen hohen, kühlen Räumen, bei diesem friedvollen und frommen Mann. Friedvoll? Nein, Pater Jonas hat durchaus Antworten! Williamson und die Holocaust-Leugnung? Das Pius-Bild in Yad Vashem? Kardinal Martino und der Gaza-Ausschwitz-Vergleich? Pater Jonas hält überhaupt nichts davon, dass der Papst nach Israel reist. Sagt’s. Und das ist ein klare Antwort. Mir selbst hat Pater Jonas Fragen aufgegeben. Und ich möchte zurückkehren in die Abtei.

Fromm ist auch Ben Ammi Ben Israel. Er war Stahlarbeiter im Mittleren Westen der USA, als er eine nächtliche Erscheinung hatte, die ihm befahl, in das Land der Väter zu ziehen. Seitdem, seit den 60zigern, sind sie da, die „Schwarzen Hebräer“, eine Sekte, die wunderbare Sänger hat, veganische Ernährung, Sport und Massagen vorschreibt und Vielweiberei betreibt. Unser Führer hat 20 Kinder mit vier Frauen. Dass das keine Antwort ist, begreife ich einige Tage später am Shabbatabend bei meinen Freunden Michelle und Ami Teer. Ami ist Fernsehregisseur und hat vor zehn Jahren einen Film über die Schwarzen Hebräer gedreht. Ami zeigt das Gesicht der ersten Ehefrau, die sieht, wie glücklich ihr Mann ist bei der zweiten? bei der dritten? Hochzeit. Amis Schlußbild: die erste, die zweite Frau geht, begleitet von kleinen Kindern, allein nach Hause. Ihr Mann ist schließlich verhindert: Hochzeitsnacht. Und hier ist es Ami., der die Antwort gibt von Einsamkeit und Kränkung.

Welche Fragen wir im nächsten Jahr unbeantwortet lassen wollen? Ich weiß es noch nicht: eigentlich müssten wir mal schauen, wie das mit dem israelisch-jordanischen Tourismus funktioniert und nach Petra fahren. Auf diese Weise kämen wir auch mal nach Eilat. Ach so. Für Tourismus bin ich ja nicht zuständig.

Claudia Korenke

 


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