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Verschnaufpause für den Nahost-Tiger

Israel wird mit der Wirtschaftskrise besser fertig als viele andere Länder
Dennoch stellt die Schwächephase einen empfindlichen Rückschlag dar

Viereinhalb Jahre lang konnte es Israels Wirtschaft mit den Fernost-Tigern aufnehmen. Von 2004 bis Mitte 2008 wuchs die Wirtschaftsleistung des Landes um jahresdurchschnittlich 5,3 Prozent beziehungsweise 3,4 Prozent je Einwohner. Der Außenhandel – Ausfuhr wie Einfuhr – boomte, der Lebensstandard schnellte in die Höhe, der Staatshaushalt war weitgehend ausgeglichen, gegenüber dem Ausland wurde der in früheren Jahrzehnten hoch verschuldete jüdische Staat zum Nettogläubiger und noch im Vorjahr war der Neue Schekel die wahrscheinlich stärkste Währung der Welt.

Dann aber ging dem Nahost-Tiger die Puste aus. Im letzten Quartal 2008 schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) auf Jahresbasis um 1,6 Prozent; im ersten Quartal dieses Jahres um weitere 3,9 Prozent. Die exportorientierte Volkswirtschaft geriet in den Sog der globalen Flaute.

Die Industrie – sie ist für neun Zehntel der israelischen Warenausfuhr verantwortlich – erleidet in diesem Jahr schmerzhafte Umsatzeinbußen auf dem Weltmarkt. In der ersten Jahreshälfte brach das Auslandsgeschäft des verarbeitenden Gewerbes um nahezu ein Drittel ein, ein Großteil der Betriebe musste Mitarbeiter entlassen oder Kurzarbeit einführen. Die Arbeitslosigkeit, 2008 auf einem Tiefstand von 6,1 Prozent, hat inzwischen die Achtprozentmarke überschritten.

Für das Gesamtjahr 2009 prognostiziert die Organisation für Wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit, OECD, für Israel einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um zwei Prozent. Bei einem Bevölkerungswachstum von 1,8 Prozent bedeutet es, dass der Durchschnittsisraeli 3,7 Prozent weniger als im Vorjahr erwirtschaftet. Das ist, vor allem nach dem langen Boom der vorangegangenen Jahre, eine kalte Dusche.

Wirtschaftsentwicklung 2005 - 2010 (reale Veränderung in Prozent gegenüber Vorjahr)

 

Kennziffer

2006

2007

2008

2009*

2010*

Bruttoinlandsprodukt

5,2

5,4

4,0

-2,0

0,2

Bruttoanlageinvestitionen

9,9

15,3

5,2

-13,1

0,0

Privatkonsum

4,0

6,9

3,9

-7,1

1,3

Inflation**

-0,1

3,4

3,8

2,6

1,1

Arbeitslosigkeit

8,4

7,3

6,1

8,5

9,3

Haushaltssaldo als % des BIP ***

-0,9

0,2

-2,1

-5,8

-5,5

 

* Prognose
** Lebenshaltungskosten, Jahresende gegenüber Ende des Vorjahres
*** Minuswerte: Haushaltsdefizit, Pluswerte: Haushaltsüberschuss
Quelle: OECD

Und dennoch: Im Verhältnis zu anderen Industrieländern geht es Israel auch in der Krise so schlecht nicht. So etwa erwartet die OECD für Deutschland einen Rückgang des BIP um 6,1 Prozent, für die Eurozone um 4,8 Prozent. Großbritanniens Wirtschaft schrumpft nach der Prognose um 4,3 Prozent, während die USA mit einem Minus von 2,8 Prozent relativ gut, aber noch immer schlechter als das kleine Israel abschneiden. Die israelische Flaute ist nicht nur flacher als anderswo, sondern dürfte von nicht allzu langer Dauer sein. Die Krise sei zwar nicht überwunden, erklärte im Juli der weltweit angesehene Gouverneur der Bank von Israel, Stanley Fischer, fügte aber auch einen Hoffungsschimmer hinzu: „Das Schlimmste ist ausgestanden“. Das geht auch aus der Amtsstatistik hervor, derzufolge die Schrumpfung der Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal 2009 ausgebremst wurde. Im nächsten Jahr wird das Wachstum wohl nur bescheiden wachsen, doch geht es Prognosen zufolge ab 2011 mit real vier Prozent wieder rasch aufwärts. In der Vorfreude über das Ende der Durststrecke legte die Tel Aviver Börse schon einmal einen Sommer-Boom hin, der die Aktienkurse auf das Vorkrisenniveau klettern ließ.

Einer der Gründe für den verhältnismäßig milden Verlauf der ökonomischen Malaise ist die hohe Stabilität des israelischen Finanzwesens. Strenge Aufsicht durch die Zentralbank und ein von den Kontrolleuren vorgeschriebenes, vorsichtiges Risikomanagement schwächten den globalen Finanzhurrikan in Israel zu einer bloßen Turbulenz ab. Die finanzielle Umsicht, die Israels Geldmarkt jetzt zugute kommt, ist eine Lehre aus der schlimmsten Finanzkrise der israelischen Geschichte, die vor zweieinhalb Jahrzehnten zu einem Börsen- und Bankenkollaps führte. Daraus hat Israel gelernt. Die heutigen Probleme auf dem israelischen Finanzmarkt sind, so die OECD, „relativ mild“. Dadurch konnten durch Kreditknappheit bedingte Firmenzusammenbrüche vermieden werden. Wenn das Kreditvolumen unter dem Vorjahresniveau liege, konstatierte die Bank von Israel, so sei die Ursache dafür nicht im fehlenden Kreditangebot zu suchen.

Allerdings glauben Experten, die Krise habe nicht nur die starke, sondern auch die unausgeglichene Struktur der israelischen Wirtschaft ins Rampenlicht gerückt. Sein Wachstum verdankt das Land weitgehend einem einzigen Sektor: der Elektronikindustrie. Dort entwickeln die begnadeten israelischen Erfinder bahnbrechende Produkte. Nicht umsonst unterhalten führende internationale Elektronikkonzerne in Israel Forschungs- und Entwicklungszentren. Indessen, warnen Kritiker, macht solche Monokultur das Land krisenanfälliger. Deshalb dürfe die wissensintensive Industrie nicht übermäßig auf elektronikorientierte Branchen konzentriert sein. Im Grundsatz stimmt auch die Regierung der Forderung nach einer größeren Diversifizierung der Industriebasis zu und fördert in den letzten Jahren in verstärktem Umfang Bereiche wie Bio- und Nanotechnologie oder auch die Wasser- und Umwelttechnik. Die Modernisierung traditioneller Industriebranchen gilt ebenfalls als vordringlich. Indessen, so die Industrie, müsse die Vielfalt entschlossener und großzügiger als bisher gefördert werden. Wenn die gegenwärtige Krise diesen Prozess beschleunigt, hat sie zumindest eine positive Nebenwirkung ausgelöst.

 


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