Die Wirtschaft Israels
Die Ausgangsposition der israelischen Wirtschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts war denkbar günstig. Von einem vorwiegend landwirtschaftlich geprägten Entwicklungsland mit stark interventionistischer Wirtschaftspolitik wurde der jüdische Staat zu einer wissensbasierten Industrienation westlicher Prägung und einem der führenden Hochtechnologie-Zentren weltweit. Seine Wirtschaftsleistung hat ihn unter die 30 reichsten Staaten gebracht und zu einem integralen Teil der globalisierten Weltwirtschaft werden lassen.
Vier Faktoren haben diese Entwicklung ermöglicht: die militärische Notlage brachte eigene Rüstungsentwicklungen mit sich, die durch einen erfolgreichen Konversionsprozess Ausdruck in zivilen Anwendungen fanden.
Mit der Ende der 80er Jahre einsetzenden Einwanderungswelle aus der ehemaligen Sowjetunion kamen 40 Prozent akademisch Ausgebildete, darunter zahlreiche Wissenschaftler von Weltrang, ins Land. So erhielt die Hightech-Industrie einen immensen Auftrieb.
Die erklärte Politik der Regierung war die Förderung von Hightech-Firmengründungen, ausländischen Investitionen, die Schaffung günstiger Rahmenbedingungen für die Entstehung einer erfolgreichen Venture Capital-Industrie und die Erreichung der Weltspitze bei Ausgaben für zivile Forschung und Entwicklung (F&E) als Anteil des Bruttoinlandsprodukts (BIP).
Bildung wird in Israel groß geschrieben. Mit einem Akademikeranteil von 29% an der Gesamtbevölkerung gehört Israel zur Weltspitze. Eine enge Kooperation zwischen Militär, Politik, Forschung und Industrie sorgt noch während der Studienzeit für erste Kontakte zwischen Studenten und Hightech-Unternehmen.
Mit einem Bruttosozialprodukt (BSP) pro Kopf von rund € 20.000 liegt Israel heute im oberen europäischen Mittelfeld. Im vergangenen Jahrzehnt gehörte es zu den Wachstumsführern unter den Industrienationen.
Viele Global Player wie Daimler, Deutsche Telekom, IBM, Intel, Microsoft, Motorola, SAP, Siemens u.a. haben in Israel Technologien zugekauft, haben Niederlassungen, F&E-Zentren und Produktionsstätten gegründet, um von Israels Hightechboom zu profitieren. Während ihre Investitionen 1992 bei nur 340 Millionen Euro lagen, erreichten sie 2006 mit 11 Milliarden USD das 32Fache. Über 70% der israelischen Industrieexporte entstammen heute den Hochtechnologiebranchen, das „Silicon-Wadi“ gilt als innovativster Standort nach den USA.
Betrachten wir jedoch die immer noch immensen direkten wie indirekten Verteidigungsausgaben, die Kosten des arabischen Wirtschaftsboykotts und die mangelnde Zusammenarbeit in regionalen Projekten, wird die Bedeutung einer Friedensfindung in der Region für die Nachhaltigkeit der beschriebenen Entwicklung deutlich. Erst wenn es zu einem stabilen und dauerhaften Einvernehmen mit den Palästinensern gekommen und die arabische Feindseligkeit gegenüber Israel einer ehrlichen Kooperationsbereitschaft gewichen ist, werden die Staaten und Völker der Region ihr wahres Wirtschaftspotenzial entfalten können. Bis dahin wird Israel seinen Liberalisierungskurs sozialverträglich fortsetzen, eine allen Bevölkerungsgruppen gerechte Verteilung der Ressourcen vornehmen und eine verantwortungsvolle, nicht bevormundende Rolle bei der regionalen Entwicklung übernehmen müssen.
von Grisha Alroi-Arloser