Im Zweifel für die Freiheit des Andersdenkenden
von Dr. h.c. Johannes Gerster
Ärgern Sie sich genauso wie ich über die Sorte Israelis, die auf ihren Vortragsreisen durch Deutschland die Politik ihres Landes in Bausch und Bogen verurteilen, kein Wort über die Probleme mit den arabischen Nachbarn verlieren, Israel für den israelisch-palästinensischen Konflikt alleinverantwortlich machen und dafür den Beifall einer bestimmten Klientel einheimsen? Solche Redner gibt es, auch solche, die längst in Deutschland leben und ein absolutes Deutungsrecht für sich in Sachen Israel in Anspruch nehmen.
Da gibt sich unsereiner redlich Mühe, die Politik eines noch immer angefeindeten und gefährdeten Israel zu verteidigen – obwohl man gerade unter dem Gazakrieg gelitten hat – und bekommt dann als Kronzeugen dafür die Meinung eines ach so wichtigen und sachkundigen Professors aus Israel entgegengehalten, nach dessen Auffassung die Verteidigung Israels grundfalsch ist. Sollte man ein unkritischer Philosemit oder denkunfähiger Trottel sein? Jedenfalls ist man ziemlich allein gelassen.
Ich verstehe diejenigen, die am liebsten den berufsmäßigen Dauerkritikern Israels, manchen „Nestbeschmutzern“ ein Auftritts- und Raumverbot verordnen wollen, rate aber dringend zur Differenzierung:
Menschen, die der Vernichtung Israels das Wort reden, Holocaustleugner, Antisemiten werden wir, wo immer wir können, am öffentlichen Reden hindern.
Die allseits bekannten, einseitigen Dauerkritiker der Politik Israels müssen in der DIG nicht unbedingt öffentliche Foren bekommen. Allzu einseitigen Positionen müssen wir nicht noch den Stempel der Seriosität aufdrücken.
Die Frage ist, was tun wir, wenn solche Israelis auf öffentlichen Foren, in Universitäten, Rathäusern, Kirchen angekündigt sind? Ich rate zur Gelassenheit. Solange sie sich im Rahmen unserer Gesetze bewegen, genießen sie das Recht der Meinungs- und Redefreiheit. Wir sollten nicht ansatzweise in den Verdacht geraten, diese Grundrechte in Frage stellen zu wollen, weil uns bestimmte Meinungen nicht passen. Auch machen wir solche Leute mit Forderungen, sie nicht reden zu lassen, interessanter und wichtiger als sie sind. Wir sollten sie mit Argumenten widerlegen und nicht mit Verboten.
„Die Freiheit ist die Freiheit des Andersdenkenden“ (Rosa Luxemburg) – auch wenn es manchmal schwer fällt.
Bitte schreiben Sie mir, wenn Sie anderer Meinung sind.