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Dem Frieden verpflichtet

Am 1. November 2009 verlieh die Geschwister Korn- und Gerstenmann-Stiftung zum vierten Mal ihren in diesem Jahr mit je 40.000 Euro dotierten Friedenspreis an Itamar Rabinovich und Sari Nusseibeh. Der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Dr. h.c. Johannes Gerster, hielt die Laudatio, die wir auszugsweise dokumentieren.

In diesen Tagen jährt sich zum 14. Mal der Todestag des israelischen Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin. Ich war mit Bundespräsident Roman Herzog und Bundeskanzler Helmut Kohl zwei Tage später zur offiziellen Trauerfeier auf dem Herzl-Berg in Jerusalem. Dort würdigten fast alle Staatspräsidenten und Regierungschefs der westlichen Welt, aber auch der russische Ministerpräsident und der jordanische König Hussein Persönlichkeit und Friedenswerk Yitzhak Rabins. Unvergessliche Bilder, die um die Welt gingen, die dennoch verblassten, als die Enkelin Rabins zur Trauergemeinde sprach: Ihr Schmerz über den gewaltsamen Tod des geliebten Großvaters verband sie mit der Hoffnung, dass das Werk Rabins nicht umsonst war. „De profunda ad eventa“ – durch die Tiefen des Lebens zur Höhe, zu neuem Leben, zu Frieden und Gerechtigkeit – eine Hoffnung an diesem ungewöhnlichen Tag, die leider nicht lange anhielt….

Was haben nun diese Ereignisse von damals mit der heutigen Verleihung des Friedenspreises der Geschwister Korn und Gerstenmann-Stiftung zu tun?

Frieden fällt nicht vom Himmel. „Frieden erfordert andauernden Dienst, unentwegt und zäh, er verlangt Ausdauer, er lässt keinen Zweifel zu.“ (Briand)

Frieden setzt Vertrauen voraus! Frieden braucht Persönlichkeiten, die für den Frieden einstehen durch Wort und Tat.

Die Geschwister Korn und Gerstenmann-Stiftung, die heute ihren Friedenspreis zum vierten Mal verleiht und zum ersten Mal gemeinsam an einen Israeli und einen Palästinenser, an Itamar Rabinovich und Sari Nusseibeh, wurde gegründet als ewiges Monitum an Unrecht und Verbrechen – nach der Ermordung Sara Gerstenmanns durch Nationalsozialisten: „De profunda ad eventa.“

Zum ersten Mal sind zwei Wissenschaftler ausgezeichnet worden – nach dem Politiker Shimon Peres 2001, dem Schriftsteller Amos Oz 2003 und den Musikern Daniel Barenboim und Edward Said 2006. Diesmal also zwei Vertreter der Wissenschaft, die freilich nie den Boden der Realitäten verlassen haben.

Ich kenne beide Preisträger aus meiner Arbeit für die Konrad-Adenauer-Stiftung in Jerusalem sehr gut. Ich weiß: beide gehören nicht zur weltweit bekannten Riege der Friedenstheoretiker, sie gehören vielmehr – wiewohl ebenfalls theoretisch versiert – zu den Gras-Roots-Workern für den Frieden; beide waren als Politikberater, Gestalter und Universitätspräsidenten an unterschiedlichen Orten tätig, sind aber verwandt im Geiste der Aussöhnung.

Mit der Ehrung dieser beiden Persönlichkeiten aus unterschiedlichen Lagern zeichnet sich die Korn und Gerstenmann-Stiftung in gewisser Weise zunächst selbst aus. Deshalb Dank und Anerkennung, lieber Herr Korn an ihre Stiftung. Sari Nusseibeh und Itamar Rabinovich sind ohne jeden Zweifel Lichtgestalten, ja, Hoffnungszeichen für einen friedlichen Ausgleich in Nahost. Sie sind das Alternativprogramm zu nationalistischem Egoismus und zu jeder Form von Gewaltstrategien. Sie treten – jeder an seiner Stelle – für Frieden statt Krieg ein.

Sari Nusseibeh, 1949 in Damaskus geboren, aufgewachsen im arabischen Teil von Jerusalem als Sohn einer wohlhabenden Familie, die im Jahr 638 (!) vom Kalifen Omar zum Wächter der Grabeskirche eingesetzt wurde. Noch heute besitzt sie die Schlüsselgewalt über diese Wiege des Christentums in der Jerusalemer Altstadt.

Nusseibeh studierte in Oxford und promovierte an der Harvard University in Islamischer Philosophie – ein Kosmopolit, der sich stets bewusst war, dass nicht nur Christen und Moslems durch die enge Gassen Jerusalems gewandelt sind, sondern auch die Propheten des Judentums.

Nusseibeh lehrte von 1978 bis1990 an der Bir-Zeit Universität im Westjordanland, wo er sich als Direktor der ersten Personalvertretung energisch gegen Einflussnahmen der israelischen Armee auf den Universitätsbetrieb wehrte. Von 1988 bis 1991 gehörte er zur Leitung der PLO, unterstützte die 1. Intifada und arbeitete zugleich mit Peace Now für ein Ende der Angriffe auf Zivilisten. Zusammen mit dem israelischen Professor Mark Heller vertrat er in dem Buch „No Trumpets, No Drums“ die umkämpfte Zwei-Staaten-Lösung. Seit 1995 wirkt er als Präsident der al Quds-Universität. 2003 initiierte er mit Ami Ayalon, dem früheren Leiter des israelischen Geheimdienstes (Shabak), die „Campaign for Peace and Democracy“. Ziel ist:

Nusseibeh hat sich bis heute für eine gewaltfreie Zwei-Staaten-Lösung des Nahostkonflikts eingesetzt. Lesenswert seine biographische Erzählung „Es war einmal ein Land. Ein Leben in Palästina“

Itamar Rabinovich wurde 1942 in Jerusalem geboren. Nach Studien in Jerusalem und Tel Aviv war er Senior Research Fellow am Moshe Dayan-Center for Middle Eastern and African Studies an der Universität Tel Aviv. Er lehrte auch in New York und Harvard.
1992-1995: Chefunterhändler bei den Friedensverhandlungen Israel – Syrien
1993-1996: Israelischer Botschafter in Washington
Beteiligt am Friedensprozess mit Jordanien, baute er an den modernen Beziehungen Israels mit Marokko, Tunesien, Oman und Kuweit. Berater zahlreicher israelischer Regierungen!

Beide also in hohen Positionen. Und beider Wege kreuzten sich u.a. auf der Konferenz „The Camp David Summit“ im Jahr 2005 an der Tel Aviv Universität. Camp David II war leider kein Erfolg beschieden. Der Konferenz in 2005 aber schon. Sie deckte schonungslos auf, woran der Frieden im Jahr 2005 wieder einmal gescheitert war. „What went wrong?“ Was zeichnet beide aus?

Beide haben verinnerlicht: Gewalt löst keine Probleme. Deswegen Frieden auf der Basis von zwei Staaten! Leben und leben lassen!

Itamar Rabinovich und Sari Nusseibeh: Wenn der Frieden in ihrer Hand läge, wäre längst Frieden!

 


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