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Die Histadrut und der DGB – mehr als eine normale Partnerschaft

Im dichten deutsch-israelischen Kooperationsgeflecht nimmt die Partnerschaft zwischen DGB und Histadrut eine ganz besondere Stellung ein. Bereits in den 50er Jahren, als es so gut wie noch keine Kontakte zwischen deutschen und israelischen Organisationen gab, fanden die ersten Begegnungen statt. Im Jahre 1957 besuchte die erste offizielle Delegation des DGB-Bundesvorstandes auf Einladung des israelischen Gewerkschaftsbundes Histadrut Israel. Zu diesem Zeitpunkt dominierte auf der israelischen Seite noch Zurückhaltung gegenüber der ausgestreckten Hand der deutschen Kollegen. Wie nicht anders zu erwarten, stand die Begegnung ganz im Zeichen der offenen Wunden der Vergangenheit. Einer der israelischen Teilnehmer an diesem Treffen beschrieb die Atmosphäre mit folgenden Worten: „Es war eine äußerst belastende Erfahrung ... wir konnten unsere Tränen nicht verbergen, aber die ausgestreckte Hand haben wir nicht verweigert." Aber nicht immer fand man eine gemeinsame Sprache. Ein deutscher Teilnehmer an einer 1961 stattfindenden Begegnung in der Histadrut-Zentrale in Tel Aviv schrieb über das Treffen: „Die Information dort verlief in frostiger, sehr distanzierter Atmosphäre, und wir waren schon etwas enttäuscht."

In den ersten Jahren besuchten ausschließlich deutsche Gewerkschaftsdelegationen Israel. Zur ersten israelischen Delegationsreise nach Deutschland kam es erst 1967. Seit Anfang der 70er Jahre besteht ein regelmäßiger und reger Austausch, dessen Intensität ständig zunahm und immer vielschichtiger wurde.

Am 3. September 1975 wurde ein Partnerschaftsabkommen zwischen Histadrut und DGB geschlossen, das für beide bis heute einen einzigartigen Stellenwert einnimmt. Weder Histadrut noch DGB unterhalten eine derart institutionalisierte Kooperation mit anderen Gewerkschaften auf der Welt. Ab diesem Zeitpunkt wurden nicht nur die bisherigen Kontakte zahlreicher DGB-Kreise sowie der DGB-Landesbezirke nachhaltig intensiviert, sondern eine Reihe neuer Partnerschaften auf regionaler Ebene, auf der Ebene der Einzelgewerkschaften sowie auch zwischen Jugend- und Frauenorganisationen geknüpft. Der Höhepunkt der Beziehungen war das fast jährlich stattfindende Gipfeltreffen der Vorsitzenden der beiden Dachorganisationen.

Die deutsche Vereinigung stellte die Partnerschaft der Gewerkschaften vor neue Herausforderungen, förderte doch die DDR unter dem Deckmantel des „Antizionismus“ einen unterschwelligen Antisemitismus. Beiden Seiten lag es also daran, den Prozess des Aufbaus direkter Partnerschaften mit ostdeutschen Landesbezirken zu fördern.

Anfang der 90er Jahre erreichte die Partnerschaft ihre intensivste Phase: auf deutscher Seite gab es kaum einen DGB-Landesbezirk oder eine Branchengewerkschaft ohne israelischen Partner.

Zugleich gab es weiterhin Irritationen und Missverständnisse, vor allem im Bereich der Jugendbewegungen. So etwa 1991 während des Golfkrieges, als Israel in der „unbedingten Friedenshaltung“ der deutschen Gewerkschaften seine akute Existenzbedrohung zu wenig berücksichtigt sah. Andererseits fand die Tatsache, dass DGB-Bundesvorstandsmitglieder während der Bombardierung Tel Avivs durch irakische Raketen demonstrativ Israel besuchten, um an der Seite ihrer israelischen Kollegen zu stehen, höchste Anerkennung in der Histadrut.

Einen echten Rückschlag in den Kooperationsbeziehungen gab es Mitte der 90er Jahre. Dieser wurde durch die damals katastrophale finanzielle Situation der Histadrut ausgelöst, die auf Grund eines radikalen internen Reformprozesses vor dem Bankrott stand. Der Histadrut war es nicht mehr möglich, die Begegnungen vor allem auf Jugendebene mit zu tragen. Durch die Unterstützung der Friedrich-Ebert-Stiftung gelang es, die Auswirkungen dieser finanziellen Krise abzufedern und eine Reihe gemeinsamer Projekte aufrecht zu erhalten. Die Situation hat sich inzwischen konsolidiert und es finden wieder zunehmend regelmäßige Begegnungen zwischen Gewerkschaftern beider Seiten statt.

Im Juni dieses Jahres besuchte Histadrutchef Ofer Eini den DGB-Vorsitzenden Michael Sommer. Die Begegnung war mehr als ein bloßer Höflichkeitsbesuch, wie schon in den 60er und 70er Jahren ging es auch diesmal um hoch politische Themen, etwa den skandalösen Versuch britischer Gewerkschaften, zu einem Boykott des Kaufs israelischer Waren aufzurufen. Die eindeutige Haltung des DGB und seiner Einzelgewerkschaften gegen solche Maßnahmen ist ein weiteres Zeugnis konkreter Solidarität.

Auffallend bei der Betrachtung der gegenseitigen Gewerkschaftsbeziehungen ist der Jugendbereich. Sowohl auf deutscher als auch auf israelischer Seite ist deutlich erkennbar, dass auf diese Kontakte nach wie vor besonderer Wert gelegt wird. Der Gewerkschaftsjugend fällt die nicht leichte Aufgabe zu, unter stetiger Beachtung der Fehler und Versäumnisse der Vergangenheit eigene Beziehungen aufzubauen und zu gestalten. Inzwischen gibt es auf allen gewerkschaftlichen Ebenen eine große Anzahl von Kontakten und gemeinsamen Projekten. Ob es nun gemeinsame Fachtagungen, Informationsbesuche oder Seminare sind: den Jugendlichen aus Deutschland und Israel ist es gelungen, neue Beziehungen zu entwickeln. In unzähligen Fällen sind aus den „gesprächsbereiten Partnern“ echte Freundschaften hervorgegangen, die inzwischen selbst großen politischen Meinungsverschiedenheiten standhalten.

Ähnlich wie zwischen den Regierungen beider Länder, gab es auch zwischen Histadrut und DGB im Laufe der Jahre einen Prozess der Versachlichung. Im Vergleich zum Beginn der Partnerschaft, in der die israelische Gewerkschaftsbewegung noch für ein sozialistisches Lebens- und Gesellschaftsmodell stand, sind die Positionen heute weit nüchterner und pragmatischer. Die Histadrut hat ihren 1994 begonnenen Transformationsprozess von einem multifunktionalen Arbeitnehmerverband zu einer gewerkschaftlichen Interessensvertretung im engeren Sinne längst abgeschlossen und vom sozialistischen Traum der zionistischen Pioniere ist nicht mehr viel übrig geblieben. Diese veränderten Rahmenbedingungen schmälern zwar nicht den besonderen Charakter dieser einzigartigen Partnerschaft, stellen sie jedoch vor neue Bewährungsproben. Die erste Generation hat ein gutes Fundament gelegt, das sich nun in neuen Herausforderungen bewähren muss.

von Micky Drill
 
Micky Drill ist wissenschaftlicher Mitarbeiter
und Gewerkschaftsreferent des Büros der
Friedrich-Ebert-Stiftung in Israel

 


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