Deutsch-Israelische Jugendkontakte – Partnerschaften im Wandel?
„‚Am Abend des Holocaustgedenktages war ich im Haus meiner Gastfamilie und der Fernseher lief. Wir schauten uns die Gedenkzeremonie zu Ehren der im Holocaust getöteten Juden an. Es war keine gewöhnliche Gedenkfeier. Für mich war es mehr. Es war ein Teil meiner deutsch-israelischen Geschichte. Ich saß einfach nur auf dem Sofa. All die Bilder, Kerzen, Lieder, Menschen und Geschichten. (…) Irgendwann konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Ich war so leer. Meine israelische Austauschpartnerin und ihre Mutter kamen zu mir und nahmen mich in ihre Arme. Sie sagten nichts. Es war unbeschreiblich.‘“ [1]
Dieser Text einer jungen Deutschen, verfasst im Oktober 2009, legt die Vermutung nahe, es sei alles wie schon oft gehört und gelesen: Die intensive Erfahrung der Auseinandersetzung mit der deutsch-jüdischen Geschichte, mit der Shoah und ihrer Gegenwartsbedeutung sei für junge Menschen in Deutschland und Israel nach wie vor die maßgebliche Erfahrung in der Begegnung deutscher und israelischer Jugendlicher. Diese Vermutung stimmt. Und das ist verständlich.
Und doch ist vieles im Wandel im Feld der deutsch-israelischen Jugendkontakte. Wo einst vorsichtige Annäherungen über einzelne persönliche Kontakte junge Menschen aus beiden Ländern zusammen brachten, besteht heute ein immer dichter werdendes, sich kontinuierlich veränderndes Netz von mehr als 250 festen Partnerschaften – zwischen Jugendverbänden in Deutschland und Jugendbewegungen in Israel, zwischen Sportverbänden, Jugendbildungseinrichtungen, kommunalen und kirchlichen Trägern, zwischen ausgewählten Initiativen aus beiden Ländern. Die Tendenz ist steigend: Seit dem Jahr 2003 konnte ConAct – Koordinierungszentrum Deutsch-Israelischer Jugendaustausch rund 45 neue Partnerschaften im außerschulischen Jugendaustausch ins Leben rufen. Mit mehr als 350 Anträgen auf Förderung von Jugendaustauschprojekten und mit mehr als 240 umgesetzten Programmen im Jahr 2009 übersteigen diese Zahlen die jemals zuvor aus Bundesmitteln geförderten Jugend- und Fachkräfteprogramme mit Israel.
Doch nicht nur die Anzahl ist erfreulich wachsend, auch die Qualität der Kooperationen hat sich verändert. Immer mehr wächst der Geist eines nachhaltigen Interesses aneinander, an neuen Entwicklungen in der Jugendarbeit beider Länder und an der gemeinsamen Gestaltung von Austauschprogrammen – weg von den langjährigen Besuchsprogrammen hin zu gemeinsamer Projektarbeit und geteilten Aktivitäten der Jugendlichen.
Immer mehr wächst auch das Bedürfnis bei Verantwortlichen aus beiden Ländern, den Erfahrungsaustausch zur partnerschaftlichen Planung von Austauschprogrammen zu suchen und nachhaltig zu nutzen. Beispielhaft hierfür ist etwa das jährliche bilaterale Seminar des Bayerischen Jugendrings und der Stadtverwaltung Jerusalem, bei dem sich die 25-30 bayerisch-israelischen Austauschpartner treffen, sich gemeinsam weiterbilden und ihre Kooperationen im Zuge der kontinuierlichen Zusammenarbeit weiterentwickeln. Ein Ergebnis dieser nachhaltigen Partnerschaften war die aufwändige Erarbeitung einer deutsch-hebräischen Handreichung zur Gestaltung eines gemeinsamen Gedenkens an die Shoah im Rahmen von Begegnungsprogrammen. ‚Gemeinsam Erinnern – Brücken Bauen‘: Anstelle des vielfach hilflosen Nebeneinanders junger Menschen aus Deutschland und Israel in der Konfrontation mit der Geschichte regt diese Handreichung die Initiierung eines gemeinsamen Prozesses der Auseinandersetzung in der bilateralen Gruppe an, der für alle Beteiligten auch individuell bedeutungsvoll wird – ein neuer Schritt, für den es der bewussten partnerschaftlichen Zusammenarbeit bedarf.
Die unterdessen vielfach selbstreflexive und authentische Zusammenarbeit in deutsch-israelischen Projektpartnerschaften bringt die Öffnung für neue Themen mit sich: Im November 2009 kamen 80 deutsche und israelische Fachkräfte in Berlin zusammen, um die Öffnung deutsch-israelischer Begegnungen für junge Menschen unterschiedlich kultureller Herkunft zu diskutieren: Wie sehen deutsch-israelische Begegnungskonzepte aus, wenn deutsche Jugendliche türkischer, italienischer oder russischer Herkunft daran teilnehmen? Was ist zu tun, um auf israelischer Seite Jugendliche russischer oder äthiopischer Herkunft einzubeziehen und der Teilnahme arabischer Jugendlicher mehr Aufmerksamkeit zu widmen? Welche Herausforderungen birgt das gemeinsame Erinnern an die Shoah mit jungen Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft? Die Diskussionen zeigten vorsichtiges und doch entschlossenes Interesse, eigene Strukturen, Konzepte und Programme in dieser Hinsicht zu hinterfragen.
Neu und bemerkenswert ist auch, was sich im Feld der Freiwilligenarbeit tut: Über ein Jahr lang haben deutsche und israelische Organisationen gemeinsam ein Rahmenkonzept für einen Freiwilligendienst junger Israelis in Deutschland erarbeitet. Im Jahr 2010 wird das neue Programm starten: Was sich vor dem Hintergrund der Geschichte bisher in eine Richtung bewegte – junge Deutsche unterstützen zivilgesellschaftliche Arbeit in Israel – wird nun auch in die andere, kaum vorstellbare Richtung Realität – junge Israelis werden als Freiwillige in sozialen, pflegerischen und Bildungsprojekten in Deutschland mitarbeiten.
Und tatsächlich sind viele dieser neuen Entwicklungen Ausdruck einer intensiven partnerschaftliche Zusammenarbeit, mit den Worten junger Menschen gesprochen: ‚Wir sind diejenigen, die die deutsch-israelische Geschichte weiterführen können, auf unsere eigene Weise, auf eine neue Weise.‘ [2]
[1] Textausschnitt von Fabienne B., deutsche Teilnehmerin des Projekts ‚Israel in Worte fassen – Buchprojekt...‘ Oktober 2009 in Berlin.
[2] Ebd.
Christine Mähler
Die Autorin ist Leiterin von ConAct – Koordinierungszentrum Deutsch-Israelischer Jugendaustausch
ConAct – Koordinierungszentrum Deutsch-Israelischer Jugendaustausch unterstützt,
berät und fördert außerschulische Träger bei der Planung, Durchführung und
Weiterentwicklung von Austauschprogrammen mit Israel.
www.ConAct-org.de