Der Sport kam vor den Diplomaten
Bei festlichen Ereignissen oder historischen Rückblicken wird zu Recht immer wieder darauf verwiesen, dass die positive Entwicklung der deutsch-israelischen Beziehungen nicht nur den Politikern zu verdanken ist, sondern dass dazu auch Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft und Tourismus wichtige Beiträge geleistet haben. Doch ein Feld, auf dem es in besonderem Maße zu Begegnungen junger Menschen aus beiden Ländern gekommen ist, bleibt gewöhnlich unerwähnt: der Sport.
Schon 1957 reiste der Präsident des Deutschen Sportbundes Willi Daume nach Israel, um Kontakt mit führenden Persönlichkeiten des israelischen Sports aufzunehmen und eine Spende zum Aufbau des Makkabi-Dorfes in Ramat Gan zu übergeben. Die „Jüdische Allgemeine“ wies auf ihrer Titelseite darauf hin, dass Daume als erster Deutscher überhaupt zu einem offiziellen Besuch Israels eingeladen wurde.
Schon kurz nach der denkwürdigen Begegnung zwischen David Ben Gurion und Konrad Adenauer 1960 in New York besuchte eine Gruppe des Landessportbundes Nordrhein-Westfalen auf Einladung des Hapoel-Sportverbandes Sport- und Bildungseinrichtungen in Israel. Von besonderer Bedeutung und Nachhaltigkeit waren die Impulse, die von der Deutschen Sporthochschule Köln ausgingen. Auf Initiative von Mati Kranz, der als erster Israeli 1959 ein Studium an der DSHS aufnahm, lud das staatliche Wingate-Institut, das Zentrum der israelischen Sportwissenschaft und Sportlehrerausbildung, im März 1963 eine Gruppe der Kölner Hochschule ein. Ein Wagnis unterhalb der öffentlichen Wahrnehmungsschwelle, das positiven Widerhall in der Presse fand, aber auch kritische Anfragen von Knesset-Abgeordneten auslöste. 1971 schlossen beide Institutionen unter Mitwirkung von NRW-Wissenschaftsminister Johannes Rau die erste deutsch-israelische Hochschulpartnerschaft ab, was zu dieser Zeit an anderen israelischen Universitäten noch undenkbar war. Und als nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Ländern zum ersten Mal in Israel die deutsche Fahne gehisst wurde und die deutsche Hymne erklang, geschah dies 1966 bei einem 12-Nationen-Turnier im Basketball.
Der entscheidende Durchbruch erfolgte nach dem Sechs-Tage-Krieg, als die israelische Regierung die Beschränkungen im Sport- und Kulturaustausch mit Deutschland weitgehend aufhob. Sofort trat der medienwirksame Fußball auf den Plan. Unter dem Eindruck des „Wunders von Bern“ bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 hatten zwischen 1958 und 1965 bereits sieben israelische Trainer an der international angesehenen Fußball-Akademie des DFB in Köln das begehrte Diplom erworben, unter ihnen Emanuel Schaffer, der in Recklinghausen aufgewachsen war. Ihn verband eine enge Freundschaft zu Hennes Weisweiler, dem Coach von Borussia Mönchengladbach. Als frischgebackener israelischer Nationaltrainer fuhr er mit seinem Team, das sich zum ersten und bis heute einzigen Mal für die Fußball-Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko qualifiziert hatte, zu einem mehrwöchigen Vorbereitungslager in die Sportschule Hennef bei Bonn. Während dieser Zeit absolvierte die Mannschaft eine Reihe von Testspielen, darunter am 2. September 1969 im Stadion von Frechen gegen die aus Amateuren bestehende deutsche Olympiaauswahl unter der Leitung von Udo Lattek. Diese Begegnung, die 1 : 1 endete, erfuhr bei Politikern und Diplomaten große Aufmerksamkeit, während sie in der breiten Öffentlichkeit schnell in Vergessenheit geriet. Erst die Spiele der A-Nationalmannschaft mit den bekannten Stars 1987 und 1997 in Ramat Gan und 2002 in Kaiserslautern wurden als „echte“ Länderspiele wahrgenommen.
1969 fuhr mit Bayern Hof zum ersten Mal auch eine deutsche Vereinsmannschaft nach Israel. Die vom Kabarettisten und Sportreporter Sami Drechsel begleiteten Franken spielten in Nahariya und Petach Tikva. Im Sommer dieses Jahres fanden nicht nur zahlreiche weitere Fußball-Treffen zwischen deutschen und israelischen Teams statt, es kam auch zur ersten Teilnahme einer Mannschaft der wieder gegründeten jüdischen Sportvereinigung Makkabi Deutschland an der 8. Makkabiah, damals wahrlich keine Selbstverständlichkeit.
vDen Höhepunkt bildete jedoch der Auftritt von Borussia Mönchengladbach am 25. Februar 1970 im Bloomfield-Stadion von Yafo. Die „Fohlen-Elf“, die aufgrund vorangegangener Anschläge in einer zunächst geheim gehaltenen Aktion in einer Maschine der Bundesluftwaffe nach Israel gebracht wurde, besiegte das israelische Team mit 6:0 und wurde von Tausenden mit stehenden Ovationen gefeiert. Schon in der Halbzeit äußerte der deutsche Botschafter Karl Hermann Knoke zu Borussia-Geschäftsführer Helmut Grashoff: „Also ich versteh´ die Welt nicht mehr! Wir mühen uns hier jahrelang in kleinen Schritten um Wiederherstellung des Vertrauens zu uns Deutschen, wohingegen Sie nur 45 Minuten benötigen, um einen Freudentaumel auszulösen!“
10 Jahre in Folge kamen die Borussen zum Jahreswechsel nach Israel, um zu trainieren und Freundschaftsspiele auszutragen. Und mit Shmuel Rosenthal verpflichteten sie den ersten Israeli in der Bundesliga.
Das Nationale Olympische Komitee, der Deutsche Sportbund und fast alle Sportfachverbände knüpften in den 70er und 80er Jahren enge Beziehungen zu ihren israelischen Partnern. Israelische Sportler bereiteten sich auf die Olympischen Spiele 1972 in Deutschland vor, deutsche bezogen Trainingslager in Israel. Dass die tragischen Ereignisse von München, die mit dem Tod von 11 israelischen Athleten endeten, keine negativen Auswirkungen auf die Zusammenarbeit und Freundschaft hatten, zeigt, wie eng die Bande inzwischen waren.
Große Bedeutung gewann ab 1975 der Jugendaustausch zwischen beiden Ländern, der durch Regierungsvereinbarungen geregelt und finanziert wurde. In diesem Rahmen spielten die Deutsche Sportjugend und die Sportjugendorganisationen der Bundesländer eine zentrale Rolle. Aus keinem Land der Welt sind in den vergangen Jahrzehnten soviel Jugendliche nach Israel gekommen wie aus Deutschland.
Die Vertreter Deutschlands in den Gremien des internationalen Sports erwiesen sich auch als die wichtigsten und verlässlichsten Partner im Kampf gegen die sportliche und sportpolitische Isolierung Israels, das seit 1978 aus fast allen asiatischen Sportverbänden ausgeschlossen war. Mit deutscher Hilfe gelang es, in zähem Ringen mit den Funktionären des Ostblocks, die allmähliche Integration Israels in die europäischen Sportstrukturen durchzusetzen und seinen Athletinnen und Athleten wieder die Möglichkeit zu geben, an Europa- und Weltmeisterschaften teilzunehmen.
Auch auf dem Gebiet der Sportwissenschaft kam es zu enger Kooperation. So folgten israelische Sportverbände deutschen Konzeptionen des Breiten- und Leistungssports, deutsche Experten lehrten in Israel, israelische Trainer arbeiteten in Deutschland. Auch eine große Zahl der 110 Städtepartnerschaften zwischen deutschen und israelischen Kommunen entstanden auf dem Sportplatz oder wurden maßgeblich vom Sport mitgetragen. Die Entwicklung der deutsch-israelischen Sportbeziehungen ist eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Mit keinem Land unterhält der jüdische Staat so enge und vielfältige Kontakte auf dem Gebiet des Sports wie mit Deutschland.
In den letzten Jahren stagniert der deutsch-israelische Sportverkehr. Dafür gibt es mehrere Gründe, die der Sport selbst nicht zu verantworten hat. Nun kommt es darauf an, dem Sport- und Jugendaustausch unter den veränderte Bedingungen neue Impulse zu vermitteln. Zeitgemäße Konzepte müssen entwickelt werden, wenn man den Herausforderungen von heute und dem Lebensgefühl der jungen Generationen in beiden Ländern gerecht werden will. Dazu bedarf es auch neuer Formen und multilateraler Vereinbarungen, um israelische, palästinensische und jordanische junge Sportler zu gemeinsamen Aktionen zusammenzuführen. Die erfolgreichen Kampagnen „Football for Peace“, an der die Deutsche Sporthochschule Köln und die Universität Brighton gemeinsam mitwirken, der Friedens-Halbmarathon am Toten Meer sowie ähnliche Veranstaltungen sind Ausdruck dieser neuen Perspektive. Wenn die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in der Woche vor Weihnachten an einem 4-Nationen-Turnier in Israel teilnimmt, wird es bereits zum 40. Mal zu einem Aufeinandertreffen mit einem israelischen Team kommen – eine stolze Bilanz!
Manfred Lämmer
Der Autor ist Professor an der Deutschen Sporthochschule Köln