Kibbuzeinsatz mit Langzeitwirkung
Schon als Schüler war ich von Israel fasziniert. Ich hatte viel gelesen, belletristische Bücher mit historischem Hintergrund von Leon Uris und die Satiren von Ephraim Kishon, aber auch Bücher über die alte Geschichte der Juden, den Unabhängigkeitskrieg und die Staatsgründung nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Kibbuz wurde als landwirtschaftliche Siedlung mit einer Selbstverwaltung nach demokratischen Prinzipien beschrieben. Später erweiterte sich das Profil der Kibbuzim um Industrie und Dienstleistungen. Vieles gehört der Gemeinschaft und die Mitglieder werden von der Gemeinschaft versorgt. Jeder soll nach seinen Fähigkeiten arbeiten und Verantwortung übernehmen. Das hat mich interessiert. Die Kibbuzmitglieder haben einen großen Beitrag zur Entwicklung Israels als Staat geleistet.
1982 war ich zum ersten Mal im Kibbuz Kfar Giladi an der Nordgrenze zum Libanon, unmittelbar vor Beginn und während des ersten Libanonkriegs. Damals habe ich in der Apfelplantage und im Guest House gearbeitet. Ich habe dabei einen Einblick in die jüdische Religion wie die Schabbatfeier bekommen und interessante Menschen kennen gelernt. Ein Jahr später, mit 19 Jahren, habe ich die Schule verlassen und bin nach Kfar Giladi gegangen. Das war nach der Fachhochschulreife, aber unmittelbar vor dem Abitur. Ich wollte damals in Jerusalem studieren. Diesen Plan musste ich aber fallen lassen, weil ich vor meinem Studienbeginn die Einberufung zur Bundeswehr bekam. Als Zeitsoldat und Fallschirmjäger verpflichtete ich mich und danach absolvierte ich ein Verwaltungsstudium.
Im Kibbuz ist mir eine Hündin zugelaufen. Sie hieß Motek, das ist Ivrith und bedeutet „süß, lieb“. Sie war sehr anhänglich und hat mich 16 Jahre lang als lebendige Erinnerung begleitet. Mit meiner „Zieh-Oma“ Margot Kupferberg habe ich noch sehr lange Kontakt gehabt und sie auch noch mehrmals besucht. Sie war vor den Nazis geflohen und über Lateinamerika nach Israel ausgewandert. Sie war für mich ein Stück Familie und ist 2005 mit über 90 Jahren gestorben.
1992 haben meine Frau und ich unsere um zwei Jahre verspätete Hochzeitsreise nach Israel gemacht, und wir waren auch einige Tage im Kibbuz Kfar Giladi. Drei Wochen aus dem Rucksack leben ist für uns heute aber nicht mehr vorstellbar. Unsere Verbundenheit zeigt sich darin, dass unsere drei Söhne Namen mit Bezug zu Israel bekommen haben. Im letzten Jahr sind wir bei einem Kurzurlaub in Jerusalem an den wichtigsten Stätten gewesen. Ich wäre gern mit ihnen nach Kfar Giladi gefahren, um es ihnen zu zeigen.
Als ich 1998 in den Deutschen Bundestag kam, bin ich gleich in die Deutsch-Israelische Parlamentariergruppe eingetreten und wurde stellvertretender Vorsitzender. Bei den gegenseitigen Besuchen habe ich Politiker aus allen Parteien in der Knesset und Regierungsmitglieder zum Gedankenaustausch getroffen, um persönliche Kontakte zu intensivieren. Im Mai 2001 war ich als Abgeordneter noch einmal in Kfar Giladi, da waren die wirtschaftlichen Auswirkungen der Intifada deutlich zu spüren.
Die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel werden immer etwas Besonderes sein. Als Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung will ich die Expertise von anderen Ländern stärker für die Entwicklungszusammenarbeit nutzen. Anlässlich der deutsch-israelischen Regierungskonsultationen im Januar haben wir den Ausbau von Dreieckskooperationen beschlossen. Die israelischen Kompetenzen im Bereich Wasser, Bewässerungswirtschaft sowie Landwirtschaft und Gesundheit sind Anknüpfungspunkte zu deutschen bilateralen Aktivitäten. Wir haben dazu den Austausch über relevante Projekte und Programme vereinbart und wollen zügig konkrete Kooperationen in Initiativen und Programmen identifizieren.
Dirk Niebel MdB, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung