In Memoriam Ernst Cramer
Mit dem Tod von Ernst Cramer in dessen 97. Lebensjahr verliert Deutschland den wahrscheinlich wichtigsten und prägendsten Mentor und Motor des jüdisch-christlichen Dialoges in Deutschland und der deutsch-israelischen Aussöhnung nach der Schoah.
Ernst Cramer wurde am 28. Januar 1913 als Sohn einer Kaufmannsfamilie in Augsburg geboren. Im Jahre 1933 gründete er mit Freunden den nichtzionistischen Bund Deutsch-Jüdischer Jugend (BDJJ).
Nach der Reichspogromnacht wurde er in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt, das er gegen die Zusage auszuwandern nach sechs Wochen wieder verlassen hat. Er emigrierte in die USA. Auch seine Schwester Helene verließ Deutschland, während seine Eltern und sein Bruder Erwin im April 1942 deportiert wurden. Ernst Cramer hat ein Leben lang erfolglos versucht, zu erfahren, wo und wann Eltern und Bruder ermordet wurden.
Im Mai 1945, nach Kriegsende, kehrte Cramer als amerikanischer Staatsbürger und Soldat nach Deutschland zurück, wo er 1948 Marianne Untermayer heiratete, die 2008 verstarb.
Von 1958 bis zu seinem Tod arbeitete Ernst Cramer für die Axel Springer AG, seit 1981 als Vorsitzender der Axel Springer Stiftung. Für Axel Springer war er wichtiger Ratgeber und Freund zugleich.
Ernst Cramer hat die grauenvolle Unmenschlichkeit des NS-Regimes erfahren und sich dennoch für Deutschland entschieden. Er widmete seine ganze Kraft als Journalist und Publizist der Aussöhnung zwischen Juden und Christen, zwischen Deutschen und Israelis. Als Antwort auf den Rassenwahn der Nationalsozialisten entwickelte er sein Weltbild der Humanität. Toleranz und Respekt, Aussöhnung und Frieden bestimmten sein Reden, Schreiben und Handeln, wodurch er in Deutschland die Kultur des Erinnerns und Vergebens positiv beeinflusste (oder prägte?).
Am Holocaustgedenktag 2006 sagte er im Deutschen Bundestag:
„Als deutscher Jude, der ich trotz der vielen Wechselfälle meines Lebens immer geblieben bin, gehöre ich zu beiden Gruppen: zu den Juden und den Deutschen. Zweifach spüre ich deshalb das Leid und die Tragik.“
Vor wenigen Wochen saß ich auf einem Treffen der Jerusalem Foundation in Berlin mehrere Stunden neben ihm. Er war voller Tatendrang. Sorgen machten ihm nicht die deutsche Demokratie, die er gegenüber extremen Gruppen als stark einschätzte, auch nicht die deutsch-israelischen Beziehungen, die nie besser waren und zu deren Brückenbauern er unzweifelhaft zu zählen ist. Seine Sorge galt einer allzu oft einseitigen und unfairen Berichterstattung über Israel und den Nahostkonflikt. Ich stimmte ihm zu.
Ernst Cramer hinterlässt eine Lücke, die wohl niemand schließen kann. Deutschland ist ein Stück ärmer geworden. Die Deutsch-Israelische Gesellschaft bewahrt Ernst Cramer ein dankbares und ehrendes Andenken.
Dr. h.c. Johannes Gerster