Adenauer und Ben Gurion
Die beiden alten Herren mochten sich, der weißschopfige und der hoch gewachsene mit dem asketischen Gesicht. Es war bald – über alle kataklystischen Tiefen hinweg – mehr als nur gegenseitiger Respekt, den sie für einander hegten: der 73-jährige israelische Ministerpräsident David Ben Gurion und der 84-jährige Deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer. Ihre Hinwendung zueinander wie im altvertraulichen Gespräch am 14. März 1960 im New Yorker „Waldorf-Astoria“ wurde nicht nur in Fotos festgehalten – einzigartigen Dokumenten. Diese relativ kurze Szenerie leitete eine Wende zwischen Israel und Deutschland ein, wie sie nach dem Verbrechen der Weltgeschichte undenkbar schien.
Es begegneten sich damals zwei durch das Leben gehärtete Persönlichkeiten, die – wiewohl zwischenzeitlich selber Spielball skrupelloser Mächte – sich ihre Werte erhalten hatten. Nichts konnte Adenauer von den christlichen Grundlagen des Abendlandes abbringen; nichts Ben Gurion von seiner Auffassung eines jüdischen Staates. Und beider Interessen berührten sich nicht nur, waren sie doch durch die deutsche Schuld unentrinnbar miteinander verwoben: Adenauer ging es um Wiedergutmachung (soweit das überhaupt möglich war; das war ihm immer klar), damit auch um die Wiedereingliederung Deutschlands in die zivilisierte Staatengemeinschaft. Ben Gurion, der den Widerstand in Israel gegen jegliche deutsche Hilfe kannte, war Praktiker genug, Einwände wie diese zu ignorieren – auch darin Adenauer seelenverwandt.
Ihr Treffen in New York sollte geheim gehalten werden. Die Voraussetzungen schienen günstig. Der deutsche Regierungschef befand sich in jenen Tagen auf einer Goodwill-Tour durch die USA, die über Japan abgerundet werden sollte. Ben Gurion befand sich – von deutschen Medien unbeachtet – auf einer Rundreise durch jüdisch-amerikanische Organisationen. Der Moloch New York schien als Ort geeignet, selbst Sensationen wie diese einfach untergehen zu lassen. Der Fehler waren die beiden Flaggen, die israelische wie die deutsche, die sich an der Frontseite des Luxushotels im Märzwind bauschten. Das konnte nicht übersehen werden. Und wurde nicht. Bald war das Foyer mit Journalisten übersät. Ben Gurion, immerhin auch schon reichlich im Rentenalter, nutzte die Feuertreppe, um vom 37. (!) Stockwerk seiner Suite in den zwei Stockwerke tiefer gelegenen Konferenzraum herabzusteigen, um neugierigen Blicken zu entgehen. Es half nichts. Nach ihrem zweistündigen Gespräch stellten sich die beiden Staatsmänner der internationalen Presse. Dort entstanden auch die legendären Fotos, die sichtbar die politisch-moralische Wende zwischen den beiden Ländern dokumentierten. Ein Glücksfall der Geschichte nach der Katastrophe schlechthin.
Die Beziehungen zwischen Israel und Deutschland hatten allerdings schon einige Jahre früher begonnen – mit dem Luxemburger Abkommen, in dem sich die Bundesrepublik Deutschland verpflichtet hatte, an Israel, stellvertretend für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus, Wiedergutmachungszahlungen zu leisten und zwar individuell.
Bis zur diplomatischen Anerkennung dauerte es dann freilich weitere fünf Jahre. Deutschland zögerte, gefesselt durch die sich selbst auferlegte Hallstein-Doktrin, die den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu den Ländern vorsah, die die DDR (damals noch als „DDR“ in Anführungsstrichen geführt) anerkannten. Das, so die Angst der Bonner Regierung, könnte das Ende der Beziehungen zu den arabischen Staaten bedeuten, falls diese sich der DDR zuwendeten, sollte Bonn Israel anerkennen. So krass wurde es nicht. Die arabischen Länder wussten schlicht den Wert der stabilen wirtschaftlichen Beziehungen zu Westdeutschland einzustufen.
Es war Bundeskanzler Ludwig Erhard, der 1965 die diplomatischen Beziehungen zu Israel durchsetzte. Es hieß, es sei seine einsame Entscheidung gewesen. Es war eine gebotene.
Von Knut Teske