Mit Shimon Peres in Berlin
Shimon Peres ist ganz entspannt und sichtbar gut gelaunt. Er hatte einen schweren Tag hinter sich: Ein kurzes Treffen mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit am Brandenburger Tor, eine historische Rede zur Gedenkstunde des Bundestages zum internationalen Holocausttag, das Entgegennehmen des Walter-Rathenau-Preises und am Abend ein Empfang in der israelischen Botschaft. Dort begrüßte ihn Botschafter Yoram Ben-Zeev mit den passenden Worten: „Wir sind voller Stolz, dass Sie unser Präsident sind“. Nachdem Peres einige prominente Gäste wie die schwedische Botschafterin Ruth Jacoby und Ex-Außenminister Joschka Fischer persönlich begrüßt hat, sitzt er in der Ecke und erzählt eine spannende Geschichte: Der Ausflug nach Massada.
Es war 1942, als Peres an dieser illegalen Reise teilnahm. Als er am Berghang nach oben rannte, löste er eine Sandlawine aus und rutschte immer weiter in Richtung Abgrund. Auch ein Fels, an dem er sich mit seinen letzten Kräften festhielt, löste sich. Er sah seinen Tod vor Augen, schämte sich jedoch, nach Hilfe zu rufen. Seine Gruppe plauderte währenddessen beim Mittagessen. Erst als eine Suchtruppe in seine unmittelbarer Nähe rückte, schrie er endlich. Zwei kräftige Jungen trugen ihn nach unten und retteten sein Leben. Seit jenem Tag leidet Peres an Höhenangst. „Ich habe die Geschichte für Bamaale geschrieben“, sagt er und zweifelt nicht, dass die israelischen Journalisten, die ihm lauschen, das damalige Blatt der sozial-demokratischen Jugendbewegung kennen.
In Berlin ist Peres sicher. Bereits am Hackeschen Markt hält ein Polizist den Bus der israelischen Journalisten an, weitere Polizisten warten auf uns entlang der verkehrsleeren Oranienburger Strasse und winken uns durch. Die Strecke unmittelbar vor dem Centrum Judaicum wurde auch für Passanten gesperrt. „Es ist sehr gespenstisch“, sagte ein Mann, der vor dem Cafe Silberstein steht und auf einen gepanzerten Wagen blickt, auf dessen Dach ein maskierter Scharfschütze ins Visier schaut. Hinter ihm erinnerte das geschlossene Restaurant „Kadima“ (Hebräisch: ‚Vorwärts’) an die Partei, die Peres 2005 mitgründete, um die Räumung der jüdischen Siedler aus Gaza zu ermöglichen.
An seinem ersten Abend in Berlin wirkt Peres im Centrum Judaicum noch müde. Aber mit Höflichkeit und Charme gewinnt er rasch die Herzen der 200 geladenen Gäste der Jüdischen Gemeinde. Das tut er mit dem Satz: „Ich bin unter Angehörigen meines Volkes“. Manche Gäste waren schon gespannt auf seine Rede. Denn im gleichen Saal rief der israelische Staatspräsident Ezer Weizman 1996 die Berliner Juden auf, nach Israel auszuwandern. Aber Peres ist ein Diplomat und kein Pilot, sagt Rabbiner Tovia Ben-Chorin. „Ich hatte noch darauf gewartet“, verriet Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden anschließend. „Aber er hat nicht darüber gesprochen, dass alle Juden nach Israel gehen sollen“. Stattdessen schilderte Peres die Errungenschaften Israels und verriet seine Antwort auf die uralte Frage ‚Wer ist jüdisch?’: „Wer dafür sorgt, dass seine Kinder jüdisch bleiben, ist Jude.“
Es war jedoch die Gastgeberin, Gemeindevorsitzende Lala Süsskind, die für einen kurzen Moment für eine kleine Sensation sorgte, als sie Peres „den Vater des israelischen Atomprogramms“ nannte. Einer seiner Berater reagierte sofort mit den Worten: „nach ausländischen Quellen“. Denn in Israel hätte die Zensur dieses Zitat nicht autorisiert. Und es ist die Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet Peres die „Vernebelungsformel“ erfand, die seitdem Israels offizielle Politik definiert. Bei einem Treffen im Weißen Haus im April 1963 befragte ihn US-Präsident John F. Kennedy über Israels atomares Potential. „Wir werden nicht die ersten sein, die nukleare Waffen in den Nahen Osten einführen“, sagte Peres und schrieb damit Geschichte.
Aus Süsskinds Grußrede lernte Peres, dass er 1982 gegen die Invasion in den Libanon war. Tatsächlich stimmte die Arbeitspartei unter seiner Führung im Parlament für diesen Krieg. Peres reiste sogar zusammen mit dem damaligen Verteidigungsminister Ariel Sharon in den Libanon und ließ sich an der Front informieren. Auch die heftige Verurteilung durch Ex-Bundeskanzler Willy Brandt änderte seine Haltung nicht. Erst nach dem Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila im Oktober 1982, vier Monate nach Kriegsbeginn, forderte Peres den Rückzug aus dem Libanon.
Die Pressetribüne im deutschen Bundestag ermöglicht einen weiten Blick auf die Parlamentarier. Peres hält auf Hebräisch eine glänzende Rede, in der er für die sechs Millionen ermordeten Juden das jüdische Totengebet Kaddisch spricht und von seinem von ihm bewunderten Großvater, Rabbi Zwi Meltzer, der ihn die Thora lehrte. Auch von ihrer letzten Begegnung spricht er, am Bahnsteig vor seiner Reise ins Heilige Land. Zum Abschied sagte Meltzer: „Mein Junge, bleib immer ein Jude!“ Später wurde der Großvater, wie alle Juden in Wiszniewo, in die Synagoge getrieben, die die Nazis anzündeten. Seine Rede beendet Peres mit den Worten der israelischen Nationalhymne Hatikwa. Die deutschen Volksvertreter erheben sich von den Stühlen und applaudieren. Aber nicht alle. Ganz rechts im Saal bleibt Sarah Wagenknecht demonstrativ sitzen. Vielleicht hat sie starke Rückenschmerzen? 30 Minuten später geht es ihr offensichtlich besser: Am Ende der Rede des polnischen Historikers und Schoah-Überlebenden Feliks Tych steht sie auf und applaudiert. Die künftige Vizeparteichefin konnte, so erklärte sie später, „einem Staatsmann, der selbst für Krieg mitverantwortlich ist, einen solchen Respekt nicht zollen.” Auch ihre Fraktionskollegin Sevim Dagdelen blieb sitzen, weil Peres seine Rede als eine „ideologische Vorbereitung auf einen Krieg gegen den Iran genutzt habe und außerdem Iran mit Nazideutschland verglichen hat.“ Das hatte Peres aber nicht gesagt, sondern er hat nur vor einem nuklearen Iran gewarnt. Immerhin haben Peres Ausführungen über die Nazi-Verbrechen Dagdelen „tief bewegt“.
Von Igal Avidan