„Das Bild der Juden in den ägyptischen Schulbüchern“
Nürnberg – Mittelfranken Das Bild der Juden in den ägyptischen Schulbüchern zeichnete der ägyptische Historiker und Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad im Thalia Buchhaus Campe in Nürnberg auf Einladung der regionalen AG. Das Thema lockte bei freiem Eintritt fast einhundert Zuhörer.
Der Autor von „Der Untergang der islamischen Welt“ kam schnell zum nicht überraschenden Ergebnis seiner Untersuchung. Das Bild der Juden ist negativ. Wie ist es entstanden?
In der islamischen Welt gab es lange Zeit keinen Europa vergleichbaren Antisemitismus. Aber Normalität im Sinne von Gleichberechtigung zwischen Juden und Arabern herrschte nie. Auch nicht während des von jüdischen Intellektuellen romantisierten Goldenen Zeitalters in Andalusien. Die Verehrung als Prophet von Stammvater Moses durch die Moslems ist bekannt. Ihre Hoffnung auf Bekehrung der Juden zum Islam in Mekka blieb unerfüllt und als diese - das Friedens- und Schutzangebot Mohameds ignorierend - sich bei einer Auseinandersetzung auch noch gegen den Propheten auf die Seite der Mekkaner stellten, flüchtete Mohamed und änderte seine Einstellung, was in den späten judenfeindlichen Suren zum Ausdruck kommt. Fazit: Den Juden kann man nicht trauen, sie sind Verräter und müssen bestraft werden!
So steht es in den Einheitsschulbüchern der 4. Klasse. Das Thema „Juden“ erfährt immer eine Behandlung aus der Sicht von Betroffenen. Historische Analysen gibt es nicht. Es sind Erzählungen einzelner unkommentierter Beispiele, die mit der Frage enden: Was lernen wir daraus? Die Antwort lautet dann immer: „Die“ Juden brechen Verträge, sie sind übel. Das ist die frühe politische Botschaft an die noch formbaren Hirne junger Menschen.
Nach dem Friedensvertrag zwischen den Regierungen Israels und Ägyptens wurde diese Art von Passagen weder von Präsident Sadat noch von Mubarak entfernt. Sie blieben Mittel der diktatorischen Herrschaft, zu deren Festigung im Innern äußere Feindbilder und das Sündenbockprinzip gehören. Zudem galt Mubarak trotz seiner Hetze gegen den Westen in den dortigen Medien als Stabilitätsfaktor.
Schulbücher vermitteln das gesammelte Wissen einer Gesellschaft in vereinfachter Form. Im Land am Nil nehmen darin subjektive mündliche Erzählungen einen großen Raum ein. Die ausgewählten Autoren schreiben vor allem das, was der Herrscher hören will. Die Geschichte beginnt mit den herrlichen Pharaonen. Es folgt eine kurze Koptische Phase unter dem Titel „Die Sonne des Islam (sic) scheint über Ägypten“. Danach kein Wort mehr über die Kopten. Auch werden die Perser mit ihrem großen kulturellen Einfluss ignoriert. Es folgt das Goldene Zeitalter der Abbasiden, dann die Kreuzritter mit unmittelbarem Übergang zu den Kolonialmächten, die verantwortlich für die danach einsetzende gesamtarabische Misere verantwortlich gemacht werden. Und mit der Gründung des Staates Israel setzt sich dieses „Übel von außen“ fort. Wo die islamische Welt dazwischen, während der 500 Jahre Osmanischer Herrschaft war, wird ebenso unterschlagen wie alle negativen Seiten dieses Reiches, zum Beispiel die Unterdrückung der Frauen. Die osmanische Welt war eben keine Eroberung, sondern Islamisierung. So finden sich anti-osmanische Texte nur in jordanischen Schulbüchern. Juden werden nicht erwähnt, Quellenangaben in historischen Büchern fehlen. Nach dem 11. September 2001 wurden die offensichtlichen antijüdischen Passagen im vorhandenen Lehrstoff in Ägypten, Jordanien und dem Gebiet der Palästinensischen Autonomie entfernt, um westlichem Druck zu entgehen. Aber nur in den nichtreligiösen Büchern; religiöse Schriften blieben unangetastet! Die Grundlage für Hass blieb, der naive Westen war zufrieden. Die Gelder konnten weiter fließen.
Abdel-Samad - Augenzeuge der Ereignisse am Tahrir-Platz - schloss den Vortrag mit dem Appell, nicht nur den beiderseitigen (?) Hass zu überwinden, sondern die Denkweise zu ändern, alles kritisch zu hinterfragen und gab so der Hoffnung Ausdruck auf eine nachgeholte „Aufklärung“ und dass die arabischen Revolutionen doch noch zu einer besseren Welt führen werden. Jedenfalls werden die Bücher für das neue Schuljahr von Mubarak-Huldigungen befreit sein. Ob auch von juden- und israelfeindlichen Texten, ist noch ungewiss.
Heribert Schmitz
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