Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft: Für Deutschland sind die Beziehungen zu Israel ein zentrales Element der Außenpolitik und
eine Verpflichtung für morgen. Der deutsche Botschafter Rudolf Dreßler über 40 Jahre diplomatische Beziehungen, die keine
Selbstverständlichkeit sind.
Immer wieder, wenn ich in Israel ein Buch über die Verfolgung von Juden im Dritten Reich lese, wird mir bewusst,
wie weit der Weg ist, den wir in den vergangenen zwei Generationen zurückgelegt haben. Ich bin als Deutscher in
Israel mit einer kaum zu glaubenden Freundlichkeit aufgenommen worden. Gerade von Menschen, die unter den Nazis
gelitten haben, Angehörige und Freunde verloren und aus der Heimat vertrieben wurden. Diese Erfahrung überrascht
viele Deutsche, die Israel besuchen und Kontakt aufnehmen. Obwohl die Vergangenheit immer präsent ist - Deutsche
werden heute in Israel freundlich aufgenommen.
Es kann nicht oft genug wiederholt werden: die deutsch-israelischen Beziehungen sind keine Selbstverständlichkeit.
Sie unterscheiden sich fundamental von diplomatischen Beziehungen, wie sie im Regelfall zwischen souveränen Mitgliedern
der Staatenfamilie existieren. Vor dem Hintergrund der Shoah ist es ein Wunder, dass Deutschland und der jüdische
Staat heute ein derart freundschaftliches Verhältnis pflegen. Das Ende des Zweiten Weltkriegs liegt gerade einmal
sechzig Jahre zurück - ein Wimpernschlag in der Geschichte.
Die bilateralen Beziehungen haben heute eine Breite, eine Dichte und Tiefe, die beeindruckend sind. Der vierzigste
Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen ist Anlass, auf diese einzigartigen Entwicklungen zurückzuschauen.
Gleichzeitig ermutigt uns diese Erfolgsgeschichte. Die Grundlagen wurden gelegt, um in vielen Feldern - Wissenschaft,
Jugendaustausch, Kultur, Wirtschaft, um nur einige zu nennen - den Austausch zu vertiefen.
Für Israel sollte dieses Jubiläum Anlass zum Stolz sein. Es war eine herausragende Leistung von Bürgern
und von Regierungen des jüdischen Staates, zu Deutschen wieder Beziehungen aufzunehmen, wieder mit uns zu sprechen,
uns zu besuchen, deutsche Besucher zu empfangen. Israel hat seine Bereitschaft bewiesen, über unermesslichem Leid
und Schmerz Brücken zu bauen gegenüber einem Volk, dessen Regierung nur wenige Jahre zuvor die völlige Vernichtung
des jüdischen Lebens zum obersten Ziel einer verbrecherischen Ideologie erhoben hatte. Wir Deutschen wissen, was wir
Israel verdanken. Auch die internationale Gemeinschaft muss höchste Achtung vor dieser Leistung des jüdischen Staates
empfinden.
Für Deutschland stellen unsere Beziehungen zu Israel ein zentrales Element unserer Außenpolitik dar. Sie dokumentieren,
dass wir uns unserer Verantwortung vor der Geschichte stellen. Wenn die Lehre aus den Verbrechen Deutschlands ab
1933 eindeutig ist und sie im Imperativ unserer Verfassung, im ersten Artikel, ihren Niederschlag gefunden hat,
ist sie Auftrag zugleich: "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist
Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." Weil wir diese Verantwortung angenommen haben und entsprechend handeln,
ist Deutschland heute ein respektiertes und angesehenes Mitglied der Staatengemeinschaft.
In Israel wird Deutschland heute als einer der engsten Freunde betrachtet. Vielen Israelis gilt Deutschland
als der wichtigste Partner nach den Vereinigten Staaten. Entscheidungsträger in Israel sehen in Deutschland
einen engen Verbündeten in Europa und in den Vereinten Nationen. Mit keinem Land außerhalb der NATO
unterhalten wir im militärischen Bereich vergleichbar enge Beziehungen. Deutschland ist zweitwichtigster
Außenhandelspartner Israels. Die Zusammenarbeit in Wissenschaft und Technologie, der Jugendaustausch, die
Städtepartnerschaften - alles Belege für die engen Bindungen zwischen unseren beiden Ländern.
Dies alles darf uns nicht blenden. Die Sensibilitäten bleiben. Die Pflege der Beziehungen verlangt uns ständig
der historischen Verantwortung bewusst zu bleiben. Es reicht, das Schicksal eines Opfers der Shoah nachgelesen
zu haben, um diese Wahrheit zu verinnerlichen.
Es gehört zu unseren wichtigen Zielen, die Sicherheit des Staates Israel garantiert zu wissen. Das ergibt sich
aus unserer historischen Verantwortung. Mehr als andere definieren wir das Recht der Bürger Israels, in
Sicherheit und Frieden zu leben, als zentrales Ziel unserer Außenpolitik. Die nahezu fünf Jahre, die ich
die Bundesrepublik Deutschland als Botschafter in Israel vertreten habe, waren durch die Intifada und
durch zahllose Selbstmordanschläge geprägt. In einem kleinen Land wie Israel sind sich die Menschen näher,
wenn sie durch den Verlust von Familienangehörigen, Freunden oder Bekannten betroffen werden.
Der außerordentliche Erfolg der ersten vier Jahrzehnte deutsch-israelischer Beziehungen macht Mut.
Die erzielten Fortschritte sind Ansporn, die Zusammenarbeit in den verschiedenen Bereichen auszubauen und
zu vertiefen. Die Bereitschaft vieler Israelis, sich wieder mit uns zusammenzusetzen, ist uns Verpflichtung
für die Zukunft. Unsere israelischen Freunde wissen, dass die deutsch-israelischen Beziehungen weiter einer
der Grundsteine unserer Außenpolitik bleiben werden.
Rudolf Dreßler
vertritt seit 2000 die Bundesrepublik
Deutschland als Botschafter
in Israel.
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