von Meggie Jahn
Unter dem Titel „Breaking the Ice“ erregte in den vergangenen Monaten ein Projekt
Aufmerksamkeit in den Medien, das bisher einmalig ist. Es führte Anfang des Jahres
2004 vier Israelis und vier Palästinenser (zwei Frauen und sechs Männer) im
Rahmen einer 30-tägigen Expedition in die Antarktis. Initiator und Inspirator war und
ist der Israeli Heskel Nathaniel, der vor dem Hintergrund des scheinbar unlösbaren
Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern damit eine Reihe von "Extreme Peace
Missions" eröffnen will. Am 1. Januar startete das Expeditionsteam in Begleitung des
französischen Bergsteigers Denis Ducroz aus Chamonix und Skip Novak aus den
USA mit der Segelyacht „Pelagic Australis“ von Puerto Williams an der
südchilenischen Küste aus in Richtung Südpol. Es galt, die gefährliche Drake
Passage zu durchqueren - eine 1000 km lange Meeresstraße zwischen Südamerika
und den Süd-Shetland-Inseln - , um 13 000 km fern der Heimat ein besonderes
Abenteuer zu bestehen.
Unter dem Motto "Nothing connects people better than the shared experience of
facing and overcoming a challenge" machte sich das Team auf, nahe Prospect Point
einen bisher unbestiegenen Berg (eisbedeckten Berg) zu erklimmen und diesem
gemeinsam einen Namen zu geben. Sinn und Zweck dieser symbolischen Geste:
Der Welt zu demonstrieren, dass Israelis und Palästinenser mit vereinten Kräften
außerordentliche Herausforderungen bestehen können, wenn sie es denn wirklich
wollen.
Am 15. Januar war es so weit: Trotz Schneesturms und schlechter Sichtverhältnisse
erreichten die Bergsteiger den 1.000 m über dem Meeresspiegel gelegenen Gipfel
des Berges, der fortan „The Mountain of Israeli-Palestinian Friendship" heißen soll.
Die israelische und palästinensische Fahne fest in der Hand, verlasen sie bei
eiskalten Temperaturen ihr Credo: “Wir, die Mitglieder von ‚Breaking the Ice’, Israelis
und Palästinenser, stehen - nachdem wir das Ziel unserer langen Reise von der
nahöstlichen Heimat über den Land- und Seeweg bis hin zum südlichsten Zipfel der
Erde erreicht haben - auf dem Gipfel eines namenlosen Berges. Mit dem Erreichen
des Gipfels haben wir bewiesen, dass Palästinenser und Israelis in gegenseitigem
Respekt und Vertrauen miteinander kooperieren können. Trotz der tiefen
Differenzen, die zwischen uns bestehen, haben wir gezeigt, dass ein ernsthafter und
engagierter Dialog zwischen uns möglich ist. Wir haben uns zusammen gefunden in
der festen Überzeugung, dass Gewalt keine Lösung unserer Probleme bringen kann,
und erklären hiermit, dass unsere Völker nicht nur in Frieden und Freundschaft
miteinander leben können, sondern dass sie diese auch verdient haben. Um unseren
festen Glauben an und unseren Wunsch nach Frieden zum Ausdruck zu bringen,
geben wir dir den Namen ‚The Mountain of Israeli-Palestinian Friendship’”.
„Dieser Name mag für die an reißerische Titel gewohnten Medien nicht spektakulär
genug sein", so der Initiator von “Breaking the Ice” beim Neumitgliedertreffen der DIG
Berlin am 9. Februar kurz nach seiner Rückkehr. "Doch für mich spiegelt dieser
Name am ehesten die Erfahrung aller Expeditionsmitglieder wider: Am Anfang waren
wir einander fremd, dann lebten, arbeiteten, ja lachten wir miteinander und
schließlich entschieden wir uns, die entmutigende gescheiterte Suche nach einer
politischen Friedensvereinbarung zwischen Israelis und Palästinensern beiseite zu
schieben und auf sehr persönliche und direkte Art miteinander Frieden zu schließen."
Natürlich habe es während der Expedition auch Auseinandersetzungen gegeben, so
Nathaniel, z.B. um die Frage, wer mehr im Recht sei oder wem Jerusalem gehöre.
Man habe tagelang darüber gestritten, wie der Berg denn nun heißen solle –
„Mountain of Forgiveness" oder lieber „Jerusalem“? Vielleicht sei die Expedition nur
deshalb nicht abgebrochen worden, weil niemand allein habe umkehren können und
letztlich alle „in einem Boot“ saßen, so der Initiator von „Breaking the Ice“.
Zwei Momente seien für ihn am bewegendsten gewesen: Der Augenblick, in dem sie
ihr Ziel - den Gipfel des „Eisbergs“ - erreicht hatten, und der Empfang in Chile, den
der palästinensische Journalist Pato Abusleme unter dem Titel "The Ice was broken
in Santiago“ folgendermaßen beschrieben hatte: „Es war aufregend, die
Teammitglieder bei ihrer Ankunft in Santiago zu sehen und zu beobachten, welch
enge Verbundenheit sie untereinander entwickelt hatten. Es war wirklich ein ‚Privileg’,
sie alle zu treffen ... Es war großartig, Mitglieder unserer örtlichen palästinensischen
Gemeinde mit Angehörigen der jüdischen Gemeinden am gleichen Tisch sitzen zu
sehen. Dies war einer der ersten Verdienste von ,Breaking the Ice’: Juden und
Palästinenser hier in Chile einander etwas näher gebracht zu haben. Ich hoffe, dass
wir nicht die einzigen bleiben werden, vielmehr wünsche ich mir, dass das Beispiel
von Herrn Nathaniel und seiner einzigartigen Crew Millionen von Palästinensern und
Juden auf der ganzen Welt dazu bringen möge, auf dem selben Boot - wie hier
geschehen - dem gemeinsamen Ziel Frieden entgegen zu segeln.“ Dieses Bild vor
Augen, so der "Eisbrecher" Nathaniel, habe ihn überzeugt, dass es richtig war, was
sie getan hatten und dass er ein zweites “Breaking the Ice” wagen wolle.
Das Projekt sei im In- und Ausland auf ein breites Medienecho gestoßen, so
Nathaniel bei der DIG Berlin. Zeitungen in 21 verschiedenen Sprachen hätten
darüber berichtet und laut CNN verfolgten 800 Mio. Menschen weltweit die
Expedition. Das gebe ihnen eine große Verantwortung. Trotz zweier hochkarätiger
Sponsoren wie Willy Bogner und Dr. Claus Löwe, früherer Vorstandsvorsitzender der
großen amerikanischen Firma JP Morgan, habe er selbst den größten Teil der
insgesamt 250 000 € für das Projekt aufgebracht, so der Inspirator von „Breaking the
Ice“. Bei der Sponsorensuche geholfen habe ihm aber sicher, dass sich Shimon
Peres und auch Bundestagspräsident Wolfgang Thierse bereit gefunden hätten, als
Schirmherren zu fungieren und das Projekt darüber hinaus u.a. vom Dalai Lama, von
UN-Generalsekretär Kofi Annan und Michael Gorbatschow unterstützt wurde. Zur
Zeit seien sie dabei, das Video-, Film- und Fotomaterial auszuwerten. Geplant sei
nicht nur ein Film, sondern vielleicht auch ein Buch, sofern die Finanzierung dafür
gesichert werden könne. Auf lange Sicht hin wolle man mit weiteren spektakulären
„Extreme Peace Missions“ das Fund-Raising für Verständigungsprojekte
insbesondere zwischen israelischen und palästinensischen Jugendlichen am Peres
-Peace-Center in Israel ermöglichen.
Am fernen Südpol - auf exterritorialem Gebiet - gibt es jetzt einen Berg mit dem
schönen Namen „The Mountain of Israeli-Palestinian Friendship“ - Möge seine
Botschaft vor allem die Menschen im Nahen Osten erreichen!
Das Team:
Heskel Nathaniel, Initiator des Projekts, 1962 in Haifa geboren, früher Elitesoldat im
israelischen Militär, Wirtschaftsstudium in Großbritannien, lebt und arbeitet seit zehn
Jahren in Deutschland.
Doron Erel, Leiter der Expedition, von Beruf Bergsteiger, gehört zum elitären Club
der rund hundert Alpinisten, die die "Seven Summits", die höchsten Gipfel der sieben
Kontinente, bezwungen haben. Erels Eltern stammen aus Polen.
Ziad Darwish, 52, stammt aus Jerusalem. Sein Bruder, der wie er Journalist war,
wurde 1982 während eines israelischen Luftangriffs auf Beirut getötet. Sein Cousin
ist der bekannteste palästinensische Dichter, Mahmud Darwish, Verfasser der
palästinensischen Unabhängigkeitserklärung.
Suleiman al-Khatib, 1972 in der West Bank geboren, wurde im Alter von 14 Jahren
als Mitglied der Fatah wegen Aktionen gegen die israelischen Truppen zu zehn
Jahren Gefängnis verurteilt. Im Gefängnis studierte er Hebräisch, Englisch, Literatur
und Geschichte. Seit seiner Entlassung engagiert sich al-Khatib für palästinensische
Jugendliche.
Yarden Fanta, geboren in Äthiopien, emigrierte mit 14 Jahren mit ihrer Familie nach
Israel, verlor auf der ein halbes Jahr dauernden Flucht durch die sudanesische
Wüste die meisten ihrer Verwandten. Fanta macht gerade ihren Doktor in Pädagogik
und fährt mit Vorliebe Jeep-Rennen.
Olfat Haider, Sportlehrerin, 1970 in Haifa geboren. Olfat war die erste Palästinenserin
im Team der israelischen Volleyball-Nationalmannschaft und ist aktive
Umweltschützerin.
Nasser Quass, 36, der Palästinenser aus der Jerusalemer Altstadt, hat drei Jahre im
Gefängnis gesessen, weil er Brandbomben auf israelische Soldaten geworfen hatte.
Heute trainiert er eine gemischte palästinensisch-israelische Fußballmannschaft.
Avihu Shoshani ist Rechtsanwalt in Tel Aviv. 1959 in Jerusalem geboren, diente er
vier Jahre in einer Eliteeinheit des israelischen Militärs. Er gehört zum rechten Flügel
der politischen Szene Israels.
| Das Projekt - Ergebnisse, Film, künftige Arbeit - stellt Heskel Nathaniel gerne im Rahmen
einer Veranstaltung vor. Zu weiteren Details kann die Geschäftsstelle der Arbeitsgemeinschaft Berlin mit
„Breaking the Ice“ Auskunft geben. Mehr Infos finden Sie auf den Websites www.digberlin.de oder
www.breaking-the-ice.de. Dort können Sie auch nachlesen, was unser Präsident, Prof. Manfred Lahnstein,
dem Team mit auf den Weg gegeben hat.
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