Vor meinem Hotel in Herzliya bitte ich den Taxifahrer, mich zum Flughafen zu bringen.
Lachend fragt er: „Zum Flughafen Amman?“ Und dann erklärt er mir, dass die Fahrt
dorthin doch nur gut vier Stunden dauern würde.
Unterwegs zum Ben Gurion Airport (wo übrigens eine Maschine auf den Abflug nach
Amman wartet) fällt mir ein, dass jetzt seit einem Jahrzehnt der Friedensvertrag zwischen
Israel und Jordanien besteht. Er hat ein geregeltes Nebeneinander zwischen zwei
Nachbarstaaten geschaffen, die in den 50 Jahren zuvor dreimal Krieg gegeneinander
geführt haben. Dieses großartige Ergebnis des Oslo-Prozesses wird merkwürdigerweise
immer wieder unterschlagen oder verdrängt.
Ich muss daran denken, dass der jordanische König auf der letzten Münchner
Sicherheitskonferenz mit Verve für eine „Zwei-Staaten-Lösung“ eingetreten war (und
damit auf seine Art auf palästinensische Forderungen nach einem „Groß-Palästina“
geantwortet hat). Am Tag zuvor hatte ich in „Ha’aretz“ gelesen, dass ein Vertreter
Jordaniens vor dem Internationalen Gerichtshof in den Haag seine Ablehnung des
israelischen Sicherheitszauns auch damit begründet hatte, dass über einen angeblichen
Flüchtlingsstrom in sein Land dort auch das „ethnische Gleichgewicht“ aus den Fugen
geraten könne. Jeder Geschichtskenner weiß, was damit gemeint ist. Der „Schwarze
September“ ist noch nicht ganz aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden.
In der gleichen Ausgabe hat ein Knesset-Abgeordneter über Gespräche berichtet, die er
in Kairo mit hochrangigen Regierungsvertretern geführt hatte. Er berichtet über die
Sorgen seiner ägyptischen Gesprächspartner, dass nach einer Räumung der israelischen
Siedlungen im Gazastreifen dort der offene Bürgerkrieg ausbrechen könne. Und diese
Sorge ist nicht einmal unberechtigt. Es gibt Informationen darüber, dass die in den
Gazastreifen geschmuggelten Waffen genau für diesen Fall gehortet werden.
Ein offenes Chaos dort aber muss Kairo Sorgen bereiten. Nur allzu rasch könnte
fundamentalistischer Fanatismus an den Nil überschwappen, wenn der israelische
„Sicherheitskordon“ einmal nicht mehr besteht.
Überraschende Erkenntnisse? Nein. Es darf darauf hingewiesen werden, dass diese
beiden Nachbarn Israels in den vergangenen Jahren viel, viel mehr für die Eindämmung
von Hass und Terror hätten tun können. Man kann eben auch über die Maßen taktieren.
Aber – dieser Tag hat mir auch wieder einmal klar gemacht, dass der Nahe Osten nicht in
Ramallah aufhört. Er könnte uns daran erinnern, welche Verhältnisse an der syrischen
und libanesischen Grenze bestehen. Wir dürfen nicht übersehen, dass Beirut im Süden
seines eigenen Landes die Staatsmacht längst an die Hizbollah abgegeben hat, die nicht
nur durch die USA und die EU als Terrororganisation eingestuft worden ist, dass im Osten
des Libanon nach wie vor und gegen jedes Völkerrecht Tausende syrischer Soldaten
stationiert sind.
Die „große“ Nahostpolitik, aber auch unser Blick auf die Region sollte diese
Zusammenhänge ab und zu in den Vordergrund rücken, ehe uns der engere Konflikt mit
den Palästinensern wieder einholt. Sicherheit und Frieden im Nahen Osten, das ist eben
viel mehr als nur die Umsetzung der „road map“ oder der exakte Verlauf des
Sicherheitszauns!
Prof. Manfred Lahnstein, im März 2004