Home Links Kontakt Impressum  
"Begegnung" - deutsch-jüdisch-arabisches Jugendprojekt ein Rückblick auf ein Bonner Projekt der Deutsch-Israelischen Gesellschaft

Gemessen an 40 Jahren deutsch-israelischer Beziehungen ist die jährliche Begegnung zwischen deutschen Jugendlichen und ihren gleichaltrigen israelischen - jüdischen wie arabischen - Partnern ein noch junges Projekt. In diesem Jahr gab es ein Jubiläum. Zum fünften Mal fand die Begegnung in Bonn und im gleichen Jahr erstmals in Israel statt. In den Osterferien flogen 15 Jugendliche, die in Bonn an den Begegnungen 2002, 2003 und 2004 teilgenommen hatten, zum Gegenbesuch nach Israel.
Für die 10 jüdischen und 11 arabischen Schülerinnen und Schüler aus Israel war der Anlass, schon Ende Mai nach Bonn und Berlin zu reisen, eine Einladung zum Gartenfest des Bundespräsidenten, einer Veranstaltung zum 40-jährigen Jubiläum der offiziellen deutsch-israelischen Beziehungen.
Haben sich unsere Erwartungen erfüllt? Wo ergaben sich Probleme und wie versuchten wir sie zu lösen? Wo müssen wir neue Wege gehen und welche Perspektiven ergeben sich für uns aus der bisherigen Arbeit für die Zukunft?

Zielsetzungen
Mit unserem Austauschprojekt wollen wir zum einen freundschaftliche Beziehungen zwischen deutschen Jugendlichen und ihren jüdischen und arabischen Partnern aus Israel anbahnen, die über die Begegnung hinaus Bestand haben. Zum anderen soll das Projekt dazu beitragen, dass die jüdischen und arabischen Jugendlichen die Kluft der Spannungen, des Misstrauens und der Vorurteile, die zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen bestehen, auf neutralem Boden zu überwinden lernen.

Auswahl der Teilnehmer und ihre Vorbereitung
Seit unser Projekt Gestalt annahm und 2001 die erste jüdische und arabische Gruppe aus Israel für zwei Wochen nach Bonn kam, machten wir viele wichtige und manchmal überraschende Erfahrungen. Die Begegnungen verlaufen umso erfolgreicher je sorgfältiger die Auswahl der Teilnehmer vorgenommen wird und je besser beide Gruppen inhaltlich auf das Treffen vorbereitet werden und sich kennen.
Die kulturellen Unterschiede spielen eine größere Rolle als wir gedacht hatten. Für die arabisch-muslimischen Jugendlichen aus den dörflichen Großfamilien, die bisher nicht die Möglichkeit eines Auslandsaufenthaltes hatten, war die Begegnung mit der deutschen Kultur und das Eingewöhnen in die Gastfamilie anfangs ein Schock. Viele hatten in den ersten Tagen Heimweh. Ein Mädchen meinte, sie sei nicht in einer richtigen Familie, weil die Mutter arbeitete. Eine andere wollte die Familie wechseln, weil deren Mitglieder sich ohne Hemmungen in der Wohnung auch im Nachthemd oder nicht vollständig angezogen zeigten. Essen und Trinken war für fast alle Israelis ungewohnt, ebenso das kohlensäurehaltige Wasser. Schon diese für uns äußerlichen Kleinigkeiten verdeutlichen, wie entscheidend eine gründliche Vorbereitung im weitesten Sinne und die richtige Auswahl der Teilnehmer für das Gelingen des Projekts sind. Doch damit ist der Erfolg noch nicht garantiert. In Stresssituationen der Begegnung reagieren die Jugendlichen oft unerwartet und anders, als man meint, sie kennen gelernt zu haben. Es hat sich eingespielt, dass sich die Zahl der israelischen Gäste auf 10 jüdische der Amakim-Tavor-Highschool im Kibbuz Mizra und 10 arabische der Highschool in Iksal beschränkt. Sie sind Schüler der 10. Klasse. In Iksal gibt es inzwischen die doppelte, ja dreifache Anzahl von Anmeldungen für die Begegnung. Eine Rolle dabei mag bei den Jugendlichen die Möglichkeit zu einem Auslandsaufenthalt spielen, die sie viel weniger haben als ihre jüdischen Nachbarn.
Kriterien für die Auswahl sind neben der Persönlichkeit ausreichende Sprachkenntnisse in Englisch, gute Schulleistungen, weil die Maßnahme während der Schulzeit stattfinden muss, vor allem aber Offenheit für eine gemeinsame Begegnung mit Juden und Deutschen.
Auf der jüdischen Seite war der Wunsch an einer Teilnahme anfangs zahlenmäßig nicht so stark. Inzwischen ist auch hier der Andrang so groß, dass eine Auswahl nach ähnlichen Kriterien wie bei den Arabern vorgenommen werden kann. In den vier Bonner Schulen - Gesamtschule Bonn-Beuel, August-Macke-Hauptschule, Friedrich-Ebert-Gymnasium und Otto-Kühne-Schule - war es zunächst auch nicht einfach, genug Familien zu finden, die bereit waren, einen arabischen oder jüdischen Gast für zwei Wochen aufzunehmen. Inzwischen haben die an dem Projekt beteiligten Pädagogen eine gute Auswahl an Jugendlichen und Gastfamilien. Ein Wochenendseminar entscheidet über die Teilnahme. Dabei sind das Interesse an dem Projekt und die Bereitschaft, sich für seine Ziele zu engagieren, wichtige Kriterien. Für die Vorbereitungen zahlt es sich aus, dass wir Dank Gaby Knoll einen intensiven Kontakt mit der israelischen Seite pflegen können. So wird die inhaltliche Thematik mit der unsrigen abgestimmt und vergleichbar, z.B. Informationen über die drei Religionen und die unterschiedlichen Kulturen, über den Holocaust oder den Nahostkonflikt. Für das Gelingen ist es vor allem wichtig, dass sich die jüdischen und arabischen Teilnehmer schon vorher kennen lernen und sich gemeinsam vorbereiten. Dazu gehören auch frühzeitige E-mail-Kontakte zwischen den Austauschpartnern. Je früher sich diese ergeben, um so besser klappt die Verteilung auf die Gastfamilien. An dieser Stelle möchte ich den am Projekt beteiligten Lehrerinnen und Lehrern eine besonderes Kompliment für die gute Vorarbeit an ihren Schulen machen, die wesentlich zum Erfolg der Begegnungen beiträgt.

Zum Verhältnis zwischen Juden und Arabern
Viel deutlicher als bei den Begegnungen in Bonn wurde uns in Israel bewusst, wie sensibel sich das Verhältnis zwischen Juden und Arabern gestaltet, wie schwierig es ist, Vertrauen zwischen ihnen zu entwickeln und Vorurteile abzubauen. So fürchtete z.B. eine jüdische Lehrerin, ihr Auto in Iksal abzustellen. Man merkte auch die Spannungen, die hinter den Kulissen bei der Programmgestaltung entstanden waren.
Bei diesem Aufenthalt gab es aber auch viele ermutigende Ansätze. So wurde es möglich, dass z.B. eine arabische und jüdische Familie einen Tagesausflug mit einem deutschen Gast gemeinsam planten und durchführten - für uns eine Selbstverständlichkeit, aber nicht zwischen Juden und Arabern. Das verdeutlichten auch die Begrüßungsworte, die ein Mitglied aus dem Kibbuz Mizra an unsere Gruppe richtete:
"Ich freue mich über die deutschen Gäste, aber noch viel mehr über die Jugendlichen aus Iksal. Sie wohnen so nah bei uns und sind uns doch so fern und fremd." So war es auch ein hoffnungsvolles Zeichen, dass alle arabischen Gasteltern zum Abschiedsabend in die jüdische Schule nach Mizra kamen.

Empathie - ein wesentlicher Faktor des Projekts Bei Jugendlichen im Alter von 15/16 Jahren spielt Empathie in den zwischenmenschlichen Beziehungen erfahrungsgemäß die entscheidende Rolle. In unserem Projekt bewahrheitet sich dieser Satz in besonderem Maße. Es zeigt sich z.B. immer wieder, dass die kulturellen Unterschiede zwischen deutschen und jüdischen Jugendlichen nicht sehr ins Gewicht fallen. Der viel freiere und offenere Ton und Umgang der jüdischen Gäste wirkt auf die Deutschen zumeist befreiend und entspannend. Jüdische Israelis äußern freimütig ihre Meinung, sind extrovertiert in ihrer Begeisterung oder Kritik. Das löst bei den vielen eher zurückhaltenden deutschen Jugendlichen die Zunge und erleichtert die Kontakte.
Der Zugang zu den arabischen Teilnehmern erschließt sich nicht immer leicht. Sie werden strenger gehalten, auch was den Umgang zwischen Mädchen und Jungen angeht. Die Traditionen ihrer Kultur und Religion empfinden Außenstehende als einengend und unfrei. Vieles ist ihnen unverständlich und fremd. So fühlen sich die deutschen Jugendlichen in der Regel mehr zu den jüdischen als zu den arabischen Gästen hingezogen. Hinzu kommt, dass in unserer Zeit der Terror als Bedrohung ganz allgemein mit Muslimen in Verbindung gebracht wird. Er steht auch - bei allem Verständnis für die palästinensische Seite im Nahostkonflikt - als Schatten über der Begegnung und dem Bemühen der arabischen Seite, Unterstützung für ihre Anliegen zu finden.
Die Empathie deutscher Jugendlicher zu ihren jüdischen Gästen wird verstärkt durch die Kenntnisse über den Holocaust und seine Folgen, die im Schulunterricht oder in den Familien vermittelt werden. Zu jeder Begegnung gehört ein gemeinsamer Besuch einer NS-Gedenkstätte. Keiner, der die bewegende Zeremonie des Gedenkens in allen drei Sprachen miterlebt, kann sich den Gefühlen entziehen, die die um ihre ermordeten Familienangehörigen trauernden jüdischen Mädchen und Jungen auslösen. Die deutschen Jugendlichen empfinden fast ein persönliches Schuldgefühl gegenüber ihren jüdischen Freunden. Sie umarmen sie und weinen mit ihnen. Sie bezeichneten diese Zeremonie jedes Mal als ein unvergessliches Erlebnis, das sie auf keinen Fall missen möchten und das ihre Beziehungen zu den jüdischen Gästen vertieft hat. Die arabischen Jugendlichen erkennen deutlicher die universelle Bedeutung des verbrecherischen NS-Regimes. Doch einige vergleichen sie auch mit der Situation der Palästinenser in den Gebieten. In den nachfolgenden Gesprächen haben wir uns deshalb eingehend mit dieser Thematik beschäftigt. Es zeigte sich zunächst, dass sich nach dem Ende der Begegnungen die Kontakte zu den jüdischen Freunden stärker entwickelten als zu den arabischen.
Gelöst hat sich dieses Problem erst bei unserem Gegenbesuch in Israel. Dort hatten wir den Aufenthalt so gestaltet, dass alle Teilnehmer in der ersten Hälfte der Zeit bei arabischen, in der zweiten bei jüdischen Gastfamilien wohnten. Die deutschen Jugendlichen waren nicht nur von der Gastfreundschaft der arabischen Familien beeindruckt, sondern auch von ihrem familiären Zusammenhalt. Sie begannen Verständnis für die arabische Kultur aufzubringen, in der sie sich wohlfühlten. Jetzt entwickelten sich freundschaftliche Beziehungen wie selbstverständlich und haben Bestand.

Sensibilitäten
Obwohl sich unser Projekt so erfolgreich entwickelt, erfahren wir bei unseren Gästen immer wieder Verletzlichkeit und Empfindlichkeiten, auf die wir nicht vorbereitet sind. Sie können, auch wenn sie uns manchmal unerheblich erscheinen, aus ihrer Sicht ein großes Gewicht haben. So weckte z.B. eine fehlende Erwähnung der arabischen Teilnehmer in einem Zeitungsbericht über das Projekt ein Gefühl der Benachteiligung und weckte Assoziationen mit ihrer Stellung als Minderheit in Israel. Ähnliches bewirkte ihre versehentliche Zuordnung zu der jüdischen Schule.
In der Gedenkstätte der Wannsee-Villa bezeichnete ein arabischer Schüler in der gemeinsame Abschlussdiskussion die Ermordung der Juden als ein "mistake" Hitlers. Die jüdischen Jugendlichen reagierten sehr erregt auf diese Wortwahl.
Für die Deutschen waren die vielen Waffen tragenden Israelis ein unerwarteter Anblick. Ein Jugendlicher war empört, als er sah, dass Soldaten mit Gewehren das neue Museum in Yad Vashem besuchten. Über diese Reaktion hatten wir eine lange Aussprache.
Wir haben uns gefragt, wie es dazu kommt, dass nach so vielen Begegnungen und trotz aller positiven Erfahrungen Empfindlichkeiten so deutlich zutage treten? Ich bin der Ansicht, je besser man einander kennt und je mehr eine gemeinsame Vertrauensbasis gewachsen ist, um so ehrlicher sagt man seine Meinung und spricht offen über Schwierigkeiten und Probleme. Darum werte ich gerade diese Seite der Erfahrungen als eine positive Entwicklung unseres Projekts.

Programm
Bei der Programmgestaltung in Deutschland versuchen wir, darauf zu achten, dass in religiöser, historischer und kultureller Beziehung die drei beteiligten Gruppen möglichst gleichmäßig berücksichtigt werden. Alle besuchen gemeinsam eine christliche Kirche, eine Moschee und nehmen, wenn möglich, an einem Freitagabend-Gottesdienst in einer Synagoge teil. Schwieriger ist es mit historischen Plätzen, da eine muslimische Geschichte in Deutschland erst mit der wirtschaftlichen Entwicklung der Nachkriegszeit beginnt. Einen Einblick in die arabische Kultur vermittelte in z.B. in Berlin ein Abend in einem Restaurant, dessen Inhaber und Angestellte aus Iksal, dem Heimatdorf unserer arabischen Gäste, stammten.
Ein wesentliches Anliegen bilden bei den Begegnungen die gemeinsamen Seminare. In Deutschland wurden in gemischten Gruppen die Themen vertieft, die uns schon in der Vorbereitungszeit beschäftigt hatten, z.B. Fragen nach den Wurzeln der eigenen Identität oder zur unterschiedlichen Darstellung von geschichtlichen Ereignissen. Um eine Verständigung nicht zu gefährden, haben wir uns anfangs gescheut, den Nahostkonflikt zum Thema eines Seminars zu machen. Wir haben aber die Erfahrung gemacht, dass der umgekehrte Weg richtig ist. Die israelischen Jugendlichen, vor allem die arabischen, haben sich gewünscht, dass die politischen Fragen in den Seminaren stärker im Vordergrund stehen sollen. Ich bin überzeugt, dass die Erörterung dieser Thematik in einer respektvollen und toleranten Form zu mehr Verständnis füreinander und zu engeren Beziehungen beiträgt.
Die Seminare bei unserem Israelbesuch hatten Landschaft und Natur im weitesten Sinne zum Gegenstand. Sie wurden von erfahrenen Lehrern der beiden Schulen geleitet, die es verstanden, Theorie und Praxis zu verbinden. Bei der Wanderung im Carmel-Gebirge wurden den Jugendlichen die Augen für die vielseitige Pflanzenwelt geöffnet. Bei Wanderungen in der Wüste erlebten sie die Schönheiten dieser Landschaft und lernten ihre Geologie und Geschichte kennen. Was erhoffen wir uns für unser Projekt in der Zukunft ?
" Die Entwicklung nachhaltiger freundschaftlicher Beziehungen zwischen jungen Israelis und Deutschen.
" Das Wachsen einer praktizierenden nachbarschaftlichen Beziehung zwischen jüdischen und arabischen Jugendlichen im Alltag.
" Viele Nachahmer unseres Projekts.
Zum Schluss möchte ich allen danken, die das Projekt in den fünf Jahren mit ihrem ehrenamtlichen Engagement oder finanziell unterstützt haben. Mein Dank gilt vor allem den Lehrerinnen und Lehrern der beteiligten Schulen. Ohne die finanzielle Hilfe von ConAct, der Stadt Bonn, der Robert Bosch Stiftung, der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft sowie der Jugendstiftung der Sparkasse Köln-Bonn und dem politischen Arbeitskreis Schulen hätten wir die Begegnungen nicht durchführen können.

Magdalene Krumpholz

 


Zu den Editorials

Zum Seitenanfang