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Gedankenlosigkeiten

Wie viel Antisemitismus es in Deutschland gibt, kann ich nicht beurteilen. Ich hoffe, dass er am Ende nur aus dem Kreis der Unverbesserlichen stammt, die wohl jede Gesellschaft zu ertragen hat. Neben dem offenen oder verdeckten Antisemitismus fällt aber leider ein als fahrlässig zu bezeichnender Umgang mit unserer Geschichte auf. In der Alltagssprache und ebenfalls im veröffentlichten Wort tauchen Wendungen auf, die objektiv verletzend sind. Sprache spiegelt den Umgang mit unserer Geschichte. Ein deutsches Versicherungsunternehmen titelte jüngst auf der Titelseite eines in Millionauflage gedruckten Kundenmagazins: "Jedem das Seine". Gemeint waren hier die passenden Versicherungsangebote, die das Unternehmen für jeden Versicherungsfall zu bieten versprach. "Jedem das Seine" hatten aber auch die nach Buchenwald verschleppten Juden im Zweiten Weltkrieg zu lesen, wenn sie durch das Eingangstor dieses Konzentrationslagers getrieben wurden. Von jungen Menschen habe ich schon Äußerungen mit anhören müssten, dass sie beispielsweise bestimmte berufliche Aufgaben "bis zur Vergasung" zu erledigen hätten. Bei solchen Ausdrucksweisen ist nicht auf einen versteckten Antisemitismus zu schließen. Sie zeugen aber in jedem Fall von einer erschreckenden Gedankenlosigkeit. Der Respekt der Nachgeborenen vor sechs Millionen ermordeten Juden drückt sich eben auch durch eine angemessene Sprache aus. Da solche Redewendungen in erster Linie mit Ahnungslosigkeit zusammenhängen dürften, bedarf es offensichtlich vieler Anstrengungen in unserem Land, um für sprachliche Sensibilität zu sorgen. Außerdem wird so verhindert, dass irgendwann einmal aus einer gedankenlosen Sprache gedankenloses und gefährliches Handeln folgt.

Dr. Thomas Veitschegger

 


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