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Hadassah
- der Lebensrettung verpflichtet
von
Klaus Thürner
11.
Juni, Besuch im größten und fachlich angesehensten
Krankenhaus im Nahen Osten. Sein Name: Hadassah. Es besteht
aus zwei Klinikkomplexen, Hadassah-Mount Scopus in Ostjerusalem
und Hadassah-Ein Kerem am westlichen Rand der Stadt. Das 300
Betten und 30 Abteilungen umfassende Hadassah-Mount Scopus
steht den stark bevölkerten jüdischen und arabischen
Stadtteilen im Norden und Osten Jerusalems zur Verfügung.
Es wurde 1939 als erste moderne medizinische Einrichtung im
britischen Mandatsgebiet Palästina eröffnet. Während
des Unabhängigkeitskrieges 1948 musste es nach einem
palästinensischen Terroranschlag auf einen Ärzte-
und Patientenkonvoi, bei dem 77 Personen ums Leben kamen,
geschlossen werden. Erst 1976 konnte es wiedereröffnet,
renoviert und ausgebaut werden.
Unsere 25-köpfige Reisegruppe (organisiert von der Heinrich-Böll-Stiftung
im Saarland) besucht den zweiten Klinikkomplex, das 1961 eröffnete
Hadassah Ein Kerem-Hospital. Dieses liegt auf einem Hügel
über dem alten Dorf Ein Kerem, etwa 15 Autominuten vom
Zentrum Jerusalems. In 22 Gebäuden verfügt es über
insgesamt 700 Betten. In Israel dient es als Zentrum für
die kompliziertesten medizinischen Fälle. Aber auch viele
Patienten aus dem Gazastreifen, der Westbank und den umliegenden
arabischen Staaten werden hier behandelt. Nicht wenige Patienten
kommen aus Ländern, die den israelischen Staat bis heute
offiziell nicht anerkennen. Der Mitarbeiterstab setzt sich
aus orthodoxen und liberalen Juden, Moslems, Christen und
Atheisten zusammen. Das Personal fühlt sich allein dem
Anspruch verpflichtet, jedes gefährdete Leben zu retten,
gleich welche politische, religiöse oder nationale Überzeugung
die Patienten haben. Diese Zielsetzung geht auf die Zionistische
Frauenorganisation in Amerika "Hadassah" zurück,
auf deren Initiative die medizinische Hilfsorganisation gleichen
Namens 1912 gegründet wurde und die noch heute zu den
Hauptfinanziers gehört. Sie konzentriert ihre Bemühungen
auf die Stärkung des israelischen Staates und die dortige
Weiterentwicklung der medizinischen Behandlung. Das Krankenhaus
bietet Ausbildungs- und Weiterbildungsprogramme für medizinisches
Personal der Palästinensischen Autonomiebehörde
an und bildet Studierende aus Ägypten, Jordanien und
dem Verantwortungsbereich der Palästinensischen Autonomiebehörde
aus. Bisher haben Studierende aus 90 Staaten im Hadassah-Krankenhaus
eine Ausbildung absolviert. Medizinisches Krisenpersonal von
Hadassah war nach terroristischen Attentaten in Kenia und
Argentinien im Einsatz ebenso wie an den Kriegsschauplätzen
Kambodscha, Ruanda und Kosovo. Seit mehr als 40 Jahren entsendet
Hadassah Ärzte und Krankenschwestern zum Aufbau medizinischer
Grundversorgungssysteme in afrikanische Länder. Seit
Beginn der Al-Aqsa-Intifada im September 2000 wurden in den
Notfall- und Traumaabteilungen der beiden Hadassah-Krankenhäuser
mehr als 50% aller verletzten und traumatisierten israelischen
Terroropfer , d.h. 2100 Personen, behandelt. Gleichzeitig
wurden auch verletzte palästinensische Attentäter
in das Krankenhaus aufgenommen.
Die Traumastation von Hadassah war die erste in Israel und
ist bis heute die einzige Traumaabteilung des Levels 1A im
Nahen Osten.
Der junge Anästhesist Dr. Avidan hält seinen Vortrag
für uns in Deutsch. Er ist in der Schweiz geboren. Seine
Großeltern mütterlicherseits emigrierten in den
zwanziger Jahren aus dem Deutschen Reich in die Schweiz. Die
in Deutschland und Polen gebliebenen Familienangehörigen
seiner Eltern wurden in den Konzentrationslagern ermordet.
Alexander Avidan studierte in der Schweiz Medizin. Dann wanderte
er nach Israel aus. Im Hadassah-Krankenhaus absolvierte er
seine Ausbildung als Anästhesist. Heute ist er hier immer
wieder an der Behandlung von Terroropfern beteiligt. Gleichzeitig
fürchtet er Tag für Tag um das Leben seiner Frau
und seiner Kinder. Er sagt: "Jeder hier im Krankenhaus
hat ein getötetes Terroropfer in seiner Familie oder
seinem Bekanntenkreis." Auch ein Arzt von Hadassah-Ein
Kerem ist unter den Ermordeten der Al-Aqsa-Intifada. Avidan
fordert, die internationale Ächtung der Selbstmordattentate
als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Menschenrechtsorganisation
Human Rights Watch strebt an, alle Personen, die für
die Planung und Ausführung von Selbstmordanschlägen
verantwortlich sind, vor internationalen Gerichten anzuklagen
und zu verurteilen. Auch politische oder religiöse Führungspersonen
wie Arafat, die solche Verbrechen anordnen bzw. keine angemessenen
Präventionen ergreifen oder die Strafverfolgung der Täter
unterlassen, sollten - so Human Rights Watch - wegen "Verbrechen
gegen die Menschlichkeit" vor Gericht gestellt und verurteilt
werden. Doch Avidan, der regelmäßig deutsche Zeitungen
liest, vermisst eine klare Verurteilung der Selbstmordattentate
durch die deutschen Medien. Er ist der Überzeugung, dass
deren Israelberichterstattung weiter durch einen unterschwelligen
oder offenen Antisemitismus bestimmt ist.
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