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Ilan
Ramon - Ein jüdischer Held im Weltraum
Dr.
Werner Loock
In
Israel ist man Ankündigungen von schlechten Nachrichten
gewohnt. Die Stimme des Radioansagers zu Beginn der stündlichen
Nachrichten ist um Nuancen verändert, so dass man sich
schon vor der eigentlichen Meldung innerlich auf die Katastrophe
einstellt. Nichts aber hatte auf diese Meldung vorbereitet.
Das war unvorstellbar! 16 Tage lang war doch berichtet worden
über den erfolgreichen Flug der Columbia, über Ilan
Ramon. Die Nation fühlte sich familiär verbunden
mit dem ersten israelischen Astronauten. Er repräsentierte
das Land, das ganze Volk, dessen Vergangenheit und Zukunft.
Am
ersten Sabbat im Februar um 16:00 Uhr israelischer Ortszeit
befand sich die Raumfähre im Landeanflug auf Cap Canaveral
in 60 km Höhe mit einer Geschwindigkeit von 20.000 km/h,
als das Kontrollzentrum den Kontakt zu ihr verlor. Die Hoffnungen
und Träume, die dieser Flug geweckt hatte, lösten
sich auf in den tieferen Schichten der Erdatmosphäre
über einem texanischen Ort, der zu allem Unglück
auch noch den Namen Palestine trug. Wissenschaft und Technologie,
eben noch gepriesen als Vehikel auf dem Weg zu einer besseren
und friedlichen Zukunft, erwiesen sich als zerbrechlich. Der
Tod von Ilan Ramon erschütterte Israel bis ins Mark.
Dabei
war die Reise Ramons bis dahin mehr wert gewesen als nur eine
Reihe von Positivmeldungen für ein Land, welches sich
verzweifelt nach guten Nachrichten sehnt. Die Mission war
eine Art Inspiration für die ganze Nation, ja für
die jüdische Weltgemeinschaft insgesamt. Shlomo Gestetner
vom Mayanot Institut für Jüdische Studien in Jerusalem
hatte schon lange vor dem Start Ilan Ramon gepriesen als einen
neuen jüdischen Held, der im wahrsten Sinne des Wortes
emporsteige.
Zahllose
Zeitungsartikel und Fernsehsendungen machten Ramon zu einem
Begriff. Das Jahr 2002 wurde zum "Jahr des Weltraums".
Eine Briefmarke mit den Insignien der bevorstehenden Shuttle-Mission
war im Umlauf. Das Leben und die Familiengeschichte des ersten
israelischen Astronauten waren eng verbunden mit Israels Entstehungsgeschichte
und seinem Überlebenskampf. Er selbst sagte in einem
ABC-News-Interview: "Ich weiß, dass mein Flug sehr
symbolisch für das israelische Volk besonders für
die Überlebenden ist, die Holocaust-Überlebenden."
Ramons
Vater Eliezer Wolferman verließ Hitler-Deutschland 1935.
Als Zionist kämpfte er für Israels Unabhängigkeit.
Ramons Mutter, eine gebürtige Polin, überlebte mit
ihrer Mutter Auschwitz. Von den Russen befreit versuchten
sie, auf einem der zahllosen Schiffe als Illegale nach Palästina
einzuwandern, wurden aber zunächst nach Zypern abgewiesen,
wahrscheinlich dort auch interniert (Anm. d. V.). Erst 1949
nach der Unabhängigkeit Israels gelangten sie in das
Land. Andere Verwandte hatten den Holocaust nicht überlebt.
Ramon
war nach eigenen Angaben nicht besonders religiös. Dennoch
wollte er alle Juden und alle Israelis repräsentieren.
So stellte er sein Reisegepäck mit Bedacht zusammen.
Er wählte die Kopie einer 60 Jahre alten Bleistiftzeichnung
aus. Das Bild zeigt eine Mondlandschaft mit der Erde im Hintergrund,
gezeichnet von dem damals 14-jährigen Petr Ginz. Der
Junge war nicht nur ein Zeichner, sondern auch ein begnadeter
Stückeschreiber und Poet. Er hatte diese Zeichnung in
Theresienstadt angefertigt, wohin er von Warschau deportiert
worden war, bevor er 1944 in Auschwitz ermordet wurde. Für
Ramon zeugte die Zeichnung vom Triumph des Verstandes, der
sich frei bewegt, auch jenseits von Todeszäunen.
Ausgewählt
wurden mehrere Mezuzen, darunter eine sehr kostbare Mezuzah
eines Holocaust-Überlebenden. Eine kleine Torah-Rolle
befand sich im Gepäck. Im Konzentrationslager Bergen-Belsen
wurde sie einem damals 13-jährigen Jungen von einem Rabbiner
aus Amsterdam überlassen. Der Rabbi hatte den Jungen
auf seine Bar Mitzva vorbereitet. Der Junge, Yehoyahin Yosef,
überlebte den Holocaust. Er ist heute ein angesehener
Hochschullehrer für planetarische Physik, der die wissenschaftlichen
Experimente der Shuttle-Mission betreute.
Schließlich
nahm Ramon einen Kiddusch-Becher mit auf die Reise, weil er
unterwegs den Sabbat einhalten wollte, ein Ansinnen, das Begeisterung
in der jüdischen Gemeinschaft und lebhafte Diskussionen
unter rabbinischen Gelehrten auslöste. Bekanntlich ist
alle sieben Tage Sabbat vom Sonnenuntergang am Freitagabend
bis zum Aufleuchten von mindestens drei Sternen am darauffolgenden
Abend. Im Orbit gibt es alle 90 Minuten Sonnenauf- und -untergänge.
Sterne sind immer sichtbar auch im Sonnenlicht. Wann also
ist Sabbat dort? Ramon wandte sich an Rabbiner Zvi Konikov
in Florida, der wiederum konsultierte rabbinische Gelehrte
in aller Welt. Man einigte sich darauf, dass die Ortszeit
des Kontrollzentrums maßgeblich sei.
Besonders
bemerkenswert erschien der Wunsch Ramons, an Bord koscher
zu essen.. Keiner vor ihm hatte das verlangt, obwohl es bereits
einige jüdische Astronauten gab wie Judith Resnick, die
beim Challenger-Unglück 1986 ums Leben kam, oder David
Wolf, der der Besatzung der Endeavour angehörte. "Wie
unglaublich," sagte Rabbi Moishe Lipszyc aus Fort Lauderdale.
"Wer hätte sich das selbst in seinen kühnsten
Träumen denken können?" Rabbi Yossie Denburg
vom Congregation Chabad Lubavitch in Coral Springs formulierte
es so: "Das ist ein kleiner Schritt für Oberst Ramon,
aber ein großer Schritt für die Juden in aller
Welt."
Im
Shuttle schließlich während eines halbstündigen
Gespräches mit Ariel Scharon erzählte Ramon die
Geschichte von dem kleinen Jungen in Bergen-Belsen mit der
Thora-Rolle. "Ich denke, dass das israelische Volk und
das jüdische Volk insgesamt ein wunderbares Volk sind.
Es ist sehr wichtig, unsere historische Tradition zu bewahren,
historisch und religiös", sagte er der live zugeschalteten
Nation.
Nicht
nur seine Visionen, sondern auch sein Werdegang waren tugendhaft.
Ramon wurde 1954 in einem Vorort Tel Avivs geboren. Seine
Familie zog nach Beer Shewa, wo er aufwuchs und das Gymnasium
besuchte. Nach dem Schulabschluss 1972 begann er den Wehrdienst.
Erst 20 Jahre alt absolvierte er bereits die Flugschule als
Kampfpilot.
Israelische
Kampfpiloten genießen in der Öffentlichkeit höchstes
Ansehen. Der Traum vieler Jugendlicher, einen Kampfjet zu
fliegen, bleibt unerfüllt, weil das Auswahlverfahren
und die Ausbildung selbst immense Anforderungen stellen. Die
IAF-Flugschule, früher in der Nähe von Petach Tikva,
heute in Hatzerim, seit 2002 mit akademischem Rang, gilt als
Kaderschmiede für Offiziere und Führungspersönlichkeiten.
Nur 10% der Studienanfänger erreichen ihr Ausbildungsziel.
"Hatovim Letaysis" ist der Slogan, nur die besten
werden IAF-Piloten. Von den Studienabgängern war Ilan
Ramon einer der Besten.
1980
wurde Ramon in ein Team berufen, das dem Aufbau eines F-16
Geschwaders diente. Nach langem Zögern hatten die USA
seinerzeit eingewilligt, dem Land einige der hochmodernen
Kampfjäger ausschließlich zu Verteidigungszwecken
zu überlassen. Dov Cohen, derzeitiger Leiter der "Space
Systems at Israel Aircraft Industries" und damaliger
Flugingenieur Ramons erinnert sich: "Auf dem Rücksitz
einer F-16 begriff ich, welche Talente Kampfpiloten besitzen
müssen, um ein solches Flugzeug fliegen zu können.
Sie müssen präzise sein, multitalentiert und diszipliniert.
Ramon hatte diese Eigenschaften". 1987 erlangte Ramon
ein Diplom für Elektro- und Computeringenieurswesen.
Mittlerweile war er zum Kommandeur des F-16 Geschwaders im
Rang eines Oberst aufgestiegen, darüber hinaus leitete
er die Abteilung für Waffenentwicklung und -beschaffung.
Die
Öffentlichkeit erfuhr erst einen Tag nach dem Start des
Shuttle, dass Ilan Ramon in jungen Jahren bereits eine historische
Mission für sein Land erfüllt hatte. Er war einer
von den acht F-16 Kampffliegern, die den mit französischer
Hilfe erbauten Atomreaktor Osiraq nahe Bagdads zerstörten.
Die Aktion gilt noch heute als militärische Meisterleistung.
Die Maschinen waren damals stundenlang über arabisches
Territorium geflogen ohne erkannt zu werden: Die Piloten flogen
so dicht nebeneinander, dass sie nur ein einziges Radarsignal
ähnlich dem einer Passagiermaschine abgaben.
Zur
Vorbereitung auf den Weltraumstart wechselte Ramon 1998 mit
seiner Frau Rona und seinen drei Söhnen und einer Tochter
im Alter zwischen 5-14 Jahren nach Houston begleitet von seinem
Reservemann Itzhak Mayo. Ramon war zuständig für
das "Mediterranean Israeli Dust Experiment", einer
Untersuchung des Institutes für atmosphärische Physik
an der Universität Tel Aviv unter der Leitung von Prof.
Zev Levin. Erforscht werden sollte der Einfluss von Wüstenstaub
auf globale Klimaveränderungen. Außerdem war er
noch an 80 weiteren Experimenten beteiligt, einschließlich
spezieller Untersuchungen am eigenen Körper.
Was
bleibt von Ramon in der israelischen Öffentlichkeit,
in einem Land, das jede Woche von einer neuen Katastrophe
erschüttert wird, in dem sich die Nachrichtenlage fast
stündlich ändert? Susan Berman, Musiklehrerin aus
Kfar Yeheskil, beschreibt es so: "Jedes Kind weiß,
wer er ist. Aber das Land braucht nicht nur, es hat viele
Helden. Eine Woche lang ist der Held ein Sicherheitsbeamter,
der sein Leben verlor, eine andere Woche ein Busfahrer, der
geistesgegenwärtig einen Attentäter aussperrte."
Ramons
Auftritt bleibt dennoch unvergessen. Frei nach Y.L. Gordon
war er nicht der Jude zu Hause und der Mann im Rampenlicht.
Freudig bekannte er sich in aller Öffentlichkeit zu seiner
Herkunft. Die jüdischen Pädagogen Dennis Prager
und Joseph Telushkin stellten schon 1975 fest, dass einer
großen Mehrheit von jungen Juden die jüdische Identität
abhanden komme nicht wegen des Judaismus, sondern wegen seines
falschen Bildes im öffentlichen Bewusstsein. Da kam Ramons
feinsinniger Ruf nach fühlbaren Aktionen des Jüdischseins,
das ein jüdisches Bewusstsein neu erwachen ließ.
Die
Öffentlichkeit bereitete Ilan Ramons Familie und seinen
sterblichen Überresten einen Staatsempfang. Bestattet
wurde er auf dem Friedhof des Moshav Nahalal. Bei den Trauerfeierlichkeiten
beschrieb Staatspräsident Moshe Katsav den Ruhm Ramons
so: "Zu einer Zeit, wo das jüdische Volk so zerrissen
ist, kommt ein einzelner Mann, welcher in den letzten Tagen
seines kurzen Lebens wusste, wie alle zusammenfinden, Rechte
oder Linke, Weltliche oder Religiöse."
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