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Investitionen und Hightech: Deutschland und Israel als Wirtschaftspartner

Israel ist das einzige Land im Nahen Osten, das mit Deutschland Wirtschaftsbeziehungen auf gleicher Augenhöhe unterhält. Dominierten früher landwirtschaftliche Exporte aus dem Heiligen Land, so sind es jetzt Industriegüter und Spitzentechnologie. Deutschland ist heute Israels wichtigster Wirtschaftspartner in Europa.

Wäre es heute noch nötig, in deutschen Kaufhäusern "Israel-Wochen" zu veranstalten, um für die Produkte aus dem Heiligen Land zu werben, so würden sie längst nicht mehr in den Lebensmittel-, sondern in den Computer- und Elektroabteilungen stattfinden. Denn landwirtschaftliche Erzeugnisse wie Zitrusfrüchte oder Avocados spielen zwar noch eine Rolle - bei den Ausfuhren nach Deutschland stehen Nahrungsmittel immerhin noch an dritter Stelle -, doch haben die früheren israelischen Exportschlager längst ihren Spitzenplatz eingebüßt. 41,5 Millionen Euro haben Obst- und Gemüselieferungen nach Deutschland Israel im Jahr 2003 eingebracht. Das ist gerade mal etwas mehr als ein Drittel der chemischen und die Hälfte der elektrotechnischen Exporte in die Bundesrepublik.

Die Veränderungen im Warenverkehr spiegeln nicht nur den Wandel Israels von einem landwirtschaftlich geprägten Land zur Industrienation wider. Sie haben 40 Jahre nach Aufnahme der diplomatischen Beziehungen auch dem deutsch-israelischen Wirtschaftsverhältnis einen völlig neuen Charakter verliehen. "Heute ist Israel das einzige Land der Region, das nicht Rohstoffe, sondern Spitzentechnologie nach Deutschland ausführt", sagt Jochen Clausnitzer, Referent für den Nahen und Mittleren Osten beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) in Berlin. "Nur mit Israel haben wir Wirtschaftsbeziehungen auf gleicher Augenhöhe."

Qualität und Quantität

Aber nicht nur in der Qualität, auch in der Quantität rangiert Israel mit seinen sechs Millionen Einwohnern als Handelspartner weit oben. Mit einem bilateralen Handelsvolumen von über 3,8 Milliarden Euro im Jahr 2004 ist Israel Deutschlands wichtigster Handelspartner in der gesamten MENA-Region, noch vor Saudi-Arabien und dem Iran. Die Bundesrepublik wiederum ist Israels Handelspartner Nummer eins in Europa und weltweit der zweitwichtigste nach der EU und den USA. Dabei sind die deutschen Exporte doppelt so hoch wie die Importe aus Israel. Israel hat sich also zu einem ernstzunehmenden Absatzmarkt für deutsche Produkte entwickelt.

Zu den großen deutschen Unternehmen, die in Israel Niederlassungen haben, gehören Siemens, DaimlerChrysler, Volkswagen und SAP, auch die Deutsche Telekom, RWE und die Bayer AG haben in größerem Rahmen investiert. Das Engagement der Volkswagen AG gehört zu den bedeutendsten europäischen Investitionen in Israel. In einem Joint Venture mit Dead Sea Works befasst sich das Unternehmen mit der Gewinnung von Magnesium und mit der Entwicklung neuer industrieller Anwendungsmöglichkeiten für diesen Werkstoff. Auch die Siemens AG engagiert sich stark. Über die 1995 gegründete lokale Tochtergesellschaft "Siemens-Israel" hält der deutsche Technologiekonzern Beteiligungen an rund 50 israelischen Unternehmen. Dennoch wäre ein noch größeres Engagement der deutschen Wirtschaft und vor allem des Mittelstands wünschenswert: "Es gibt derzeit nur wenige neue Kontakte über die bestehenden hinaus", sagt Yohanan Bi-Lev, Geschäftsführer der israelisch-deutschen Handelskammer in Tel Aviv. Der bereits mehr als vier Jahre andauernde Palästinenseraufstand ist eine spürbare Belastung für die ökonomischen Beziehungen. Wer in Deutschland nur die Medienberichte verfolgt, kann aus der Ferne den Eindruck gewinnen, dass in Israel der Ausnahmezustand herrscht. Denn die - verglichen mit anderen Konfliktregionen - überdurchschnittlich intensive Berichterstattung über den Nahostkonflikt erzeugt ein Bild, in dem Normalität nur selten vorkommt. "Viele können sich überhaupt nicht vorstellen, dass in den Industriezonen die Produktion ganz normal weiterläuft", so Bi-Lev.

Investoren aus Israel

Umgekehrt fällt die Bilanz positiver aus: Inzwischen sei es leichter, israelische Investoren nach Deutschland zu locken, sagt Bi-Lev. Rund hundert israelische Firmen sind heute in Deutschland vertreten, darunter Agrexco, Aladdin und Gilat Spacenet. Der bekannteste israelische Investor in Deutschland aber ist die Federmann-Gruppe. Ihr gehört seit 1995 die Gallium-Arsenid Halbleiterfabrik der Freiberger Compound Materials GmbH (FCM) in Sachsen mit einem Weltmarktanteil in diesem Segment von 25 bis 30 Prozent. Der 2002 verstorbene Firmengründer Yekutiel Federmann stammte aus dem benachbarten Chemnitz, musste 1937 vor den Nazis fliehen, entschloss sich aber nach der Wiedervereinigung Deutschlands als erster israelischer Unternehmer in den neuen Bundesländern zu investieren. Heute leitet sein Sohn Michael FCM.

"Das Interesse auf israelischer Seite ist groß", sagt Bi-Lev. Immer mehr israelische Unternehmen sähen das große Potenzial Deutschlands und wollten nahe am europäischen Markt produzieren. "Die Angst, die man früher vor Deutschland hatte, ist deutlich geringer geworden." Der Holocaust hat die wirtschaftlichen Beziehungen lange überschattet. "Die Wende kam mit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen und dem darauf folgenden Wirtschaftsabkommen", sagt Adin Talbar. Der heute 83-jährige Unternehmer, der als 14-Jähriger aus Berlin geflohen war, stand in den 60er Jahren im Staatsdienst und gehörte zur israelischen Verhandlungsdelegation für das Wirtschaftsabkommen. "Die Gespräche begannen sehr kalt", erinnert er sich. "Wir mussten eine psychologische Barriere durchbrechen. Erst langsam setzte sich das Menschliche durch." Verhielt man sich am Anfang nur korrekt, ging man nach einer Weile auch miteinander essen, der Ton wurde weicher, die Unterhaltungen persönlicher. Die Verhandlungen zogen sich dennoch bis 1966 hin. Ausschlaggebend für eine Einigung war für die israelische Seite schließlich, dass die deutsche Regierung eine zeitlich und in der Höhe nicht begrenzte Anleihe in Aussicht stellte, die allein im ersten Jahr 140 Millionen DM betrug. Wirtschaftlich bedeutend waren allerdings auch bereits die so genannten Wiedergutmachungszahlungen, die in den 50er Jahren begannen. Sie bestanden zu einem Teil in der Lieferung von Maschinen, darunter Lokomotiven, aber auch technische Ausrüstungen für Schulen. Die israelische Wirtschaft musste dagegen in Deutschland erst die Werbetrommel rühren und ihre Produkte bekannt machen. Von Avocados zum Beispiel hatten die deutschen Konsumenten damals noch nie gehört. Deutsche Messen wie die "Grüne Woche" und die "Internationale Tourismus-Börse" waren deshalb für israelische Hersteller von großer Bedeutung.

Wichtiger Kontakt zur EU

Rückblickend war das gute deutsch-israelische Verhältnis, das sich zu entwickeln begann, aber vor allem für einen heute viel entscheidenderen Punkt wichtig: für die Beziehungen zur Europäischen Union (EU), die damals noch Europäische Gemeinschaft (EG) hieß und sich zu der Zeit eher wirtschaftlich als politisch definierte. Mit tatkräftiger Unterstützung der deutschen Regierung konnte Israel als erstes nichteuropäisches Land mit der EG ein Assoziierungsabkommen abschließen, das die Einfuhrzölle für viele Produkte erheblich senkte: die EU war schon vor ihrer Erweiterung auf 25 Staaten im Mai 2004 der größte Handelspartner Israels - und die Deutschen sind bis heute einer der verlässlichsten Bündnispartner Israels in Europa.

Silke Mertins
ist Redakteurin der Financial Times
Deutschland mit Schwerpunkt
Nahost.

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