Vor fast 37 Jahren bin ich zum ersten Mal nach Israel gereist. Seither habe ich das mehr als 60-mal getan. Ich
bin Mitglied der DIG seit 1967, Schatzmeister seit Anfang der neunziger Jahre und Präsident seit 1994. Seit 1996
bin ich Governor der Universität Haifa und seit 2001 dort Chairman of the Board of Governors.
Ich liebe Israel und seine Menschen.
Ihnen und den Juden in aller Welt fühle ich mich in tiefer Solidarität verbunden.
Daran wird sich auch für den Rest meines Lebens nichts ändern.
Ich habe das vorausgeschickt, um die große Besorgnis, die mich seit einiger Zeit beherrscht, vielleicht noch
plausibler zu machen. Ich weiß sehr wohl, dass ich als Präsident der DIG zu einiger Zurückhaltung verpflichtet
bin. Ich weiß, dass unter unseren 5.000 Mitgliedern die Meinungen über israelische Politik und die Zukunft des
Landes weit auseinandergehen. Alles andere wäre auch verwunderlich.Heute Abend aber muss ich Ihnen sagen,
dass die an sich gefragte „political correctness“ sich bereits seit längerer Zeit mit meinen großen
Sorgen streitet.
Deshalb habe ich mich, auch nach vielen Gesprächen mit israelischen Freunden, dazu entschlossen, diese
Besorgnisse zu formulieren. Wohlgemerkt – es handelt sich hier um meine persönliche Meinung, um sonst nichts!
„Israel am Scheidewege“ – diesen Titel habe ich bewusst gewählt. Damit will ich deutlich machen: Ein Fortdauern
der augenblicklichen Lage, aber auch ein Beharren auf den gegenwärtigen politischen Positionen kann auf längere,
vielleicht schon auf mittlere Sicht das zerstören, was der Traum der zionistischen Väter des Staates Israel
gewesen ist: Eine friedliche, tolerante, demokratische, international akzeptierte und sich gesellschaftlich
entwickelnde Heimstatt für alle Juden.
Wenn Israel als „jüdischer Staat“ überleben, blühen und gedeihen will, und das ist wohl für uns alle ein
brennender Herzenswunsch, wird sich diese Lage deutlich ändern müssen, was auch schwierige politische
Entscheidungen impliziert.
Zunächst will ich meine Befürchtungen mit einigen, wenigen Fakten unterlegen:
- Seit dem Beginn der so genannten „Al Aqsa Intifada“ 2000 ist das israelische Bruttosozialprodukt pro
Kopf um mehr als 5 % gesunken. Und die Arbeitslosigkeit hat sich zu einem ernsten Problem
ausgewachsen.
- Der Rückgang der internationalen Investitionen ist beachtlich, zumal eine ganze Gruppe amerikanischer
und anderer Juden aus der Diaspora ihr Kapital nach Hause holt.
- Über den Einbruch des Tourismus und der mit ihm verbundenen Wirtschaftszweige ist schon so viel
berichtet worden, dass ich auf Zahlen verzichten kann.
- Innerhalb der eigentlichen Grenzen Israels nimmt der Anteil der jüdischen Bevölkerung ab. Und das
hat nicht nur mit der höheren Geburtenrate der israelischen Araber zu tun. Die Immigration aus der
früheren Sowjetunion geht ihrem Ende entgegen. Gleichzeitig aber nimmt die Emigration aus Israel zu.
Das ist übrigens nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ zu sehen. Allzu häufig handelt es
sich hier um aktive, dynamische Menschen, die ihre persönliche und berufliche Zukunft in anderen Teilen
der Welt suchen.
- Kluge Beobachter wie David Horovitz, der Herausgeber des „Jerusalem Report“, berichten über eine beginnende
Entfremdung zwischen Israel und der weltweiten jüdischen Diaspora. Ich kann das nicht beurteilen.
Wenn es aber wirklich stimmt, dann muss es schwerwiegende Folgen haben. Sie haben nicht nur mit Geld zu
tun, sondern vor allem mit der Bereitschaft, sich moralisch, politisch und gesellschaftlich hinter Israel zu stellen
- Auch dies mag ein Grund für die deutlichere Isolierung des Landes sein, das ich so sehr liebe.
Es schmerzt mich tief, wenn bei der Abstimmung über UN-Resolutionen zum Nahen Osten außer den USA
nur Mikronesien und die Marshall-Inseln zu Israel stehen. Bei einem der letzten Male haben es 133
Staaten nicht getan. Das kann und sollte man nun auffächern und beleuchten. Eine Frage aber bleibt
auch dann immer noch unbeantwortet (meine Tochter hat sie mir neulich gestellt): Liegen die anderen
wirklich alle so schrecklich falsch?
- Eine über das Internet veröffentlichte, europaweite Meinungsumfrage der EU-Kommission vor einigen Wochen hat
erschreckende Ergebnisse zu Tage gefördert. Ein ganz erheblicher Teil der Befragten in der EU sieht Israel
als eine wesentliche Bedrohung des Weltfriedens. Nun weiß ich auch, wie man gerade mit Meinungsumfragen
manipulieren kann. Ich weiß wie Sie, dass von Israel keinerlei derartige Bedrohung ausgeht.
Insofern liegen diese Befragten objektiv falsch. Aber – sie glauben es, und auch das ist ein Faktum,
das nicht wegdiskutiert werden kann und mit dem wir uns auseinandersetzen müssen.
Diese Hinweise verweisen auf verschiedene Ursachen. Eine aber ist allen gemeinsam:
Der palästinensische Terror, auf den nach meiner Beobachtung die israelische Politik noch keine langfristig überzeugende
Antwort findet. Dies führt zu einer beträchtlichen Erosion des Vertrauens, jener unerlässlichen Grundlage für mentale,
soziale, wirtschaftliche und politische Stabilität.
Diesen Mangel an Vertrauen spürt jeder, der wie ich mehrmals im Jahr nach Israel reist. Auch die gegenwärtige „Ruhe“
darf darüber nicht hinwegtäuschen. Dass die Zahl der Attentate zurückgegangen ist, ist ausschließlich auf die
vorzügliche Aufklärungs- und Abwehrarbeit der israelischen Sicherheitsdienste zurück zu führen.
Eine langjährige Fortdauer des gegenwärtigen, für die meisten Israelis und ihre Freunde unerträglichen
Schwebezustandes müsste in absehbarer Zeit zu bitteren Alternativen führen:
- Eine Vertreibung von Palästinensern aus ihrer Heimat. Sie wird in Israel nur von einzelnen
Radikalen ins Gespräch gebracht. Diese Alternative scheidet aus.
- Eine weitgehende, allerdings erzwungene Integration Palästinas und der Palästinenser in das
israelische Staatsgebiet. Dies müsste entweder die Demokratie in Israel oder den jüdischen Charakter
des Staates zerstören. Diese Alternative scheidet also ebenfalls aus, obwohl sich Teile der
israelischen Siedlerbewegung dies vorstellen können.
- Eine andauernde faktische Herrschaft Israels über die Palästinensergebiete, also ein Zustand,
den Avi Primor und andere als „Bantustan“ -Lösung bezeichnet haben.
Diese Alternative sollte ebenfalls ausscheiden, ist aber leider nicht ganz unwahrscheinlich.
- Ein teilweiser Rückzug aus den Autonomiegebieten, die Aufgabe einiger Siedlungen eingeschlossen.
Diese Lösung hat Premierminister Sharon für den Fall abgeschlossen, dass die palästinensische Seite
weiterhin ihren Verpflichtungen aus der „road map“ nicht nachkommt. Damit würde der „Sicherheitszaun“
de facto zur neuen Grenze, was auf eine Teilannexion der Westbank hinauslaufen würde.
Auch diese Lösung würde also schwer wiegende Konsequenzen haben.
Natürlich müsste der gegenwärtige Schwebezustand auch für den normalen Palästinenser in
Gaza oder Jenin unerträglich sein. Aber – ist er es wirklich? Die Herrschaft von Arafat
und seinen Helfern hat einen Repressionsapparat geschaffen,
der es überaus schwer macht, diese Unerträglichkeit offen zu artikulieren. Religiöser
Fanatismus, die Terrorstrukturen, aber auch soziale und wirtschaftliche Not steuern die
ideologische Unterfütterung bei. Mittlerweile wird die bewaffnete „Intifada“ von der
Mehrheit der Palästinenser gut geheißen (87% für die Autonomiegebiete,48% auch für Israel),
trotz ihrer verheerenden Wirkungen für diese Menschen selbst.
Sollte sich nichts ändern – Arafat und seine Freunde können warten. Daran ändert
auch die anfänglich mutige Haltung von Premierminister Kureia wenig, zumal sie sich
in der Zwischenzeit wieder verflüchtigt hat. Das Endziel ist, und das will
ich bewusst ganz nüchtern formulieren, die „Beendigung des jüdischen Experiments“,
die Beseitigung des jüdischen Staates und dessen Auflösung in ein großes Palästina.
In ihm würden dann, was den Umgang mit religiösen Minderheiten, also auch mit den
Juden angeht, höchstens die traditionellen Regeln der „Dhimma“ gelten,
wie wir sie aus dem maurischen Spanien, aus dem früheren Irak oder aus Marokko kennen.
Gegen diesen perversen Rückfall in das tiefe Mittelalter muss die zivilisierte Völkergemeinschaft aufstehen.
Dies wird aber nur zu erreichen sein, wenn die Grundsätze des Völkerrechts, der Menschlichkeit und der
Friedensbereitschaft auf allen Seiten voll respektiert werden.Wir müssen eins ganz klar sehen:
Israel allein kann eine derartige, vielleicht jahrzehntelange Auseinandersetzung zwischen permanenter
innerer Anspannung und äußerem Kampf kaum bestehen, was immer auch manche Israelis darüber denken mögen.
Und die besondere Beziehung mit den USA wird auf Dauer auch nicht langen. Die strategische Partnerschaft
zwischen beiden Staaten bleibt aus vielen Gründen absolut unverzichtbar. Sie ist eine notwendige
Bedingung für Israels Zukunft, aber keine ausreichende.
Es muss deshalb eine Lage herbeigeführt werden, in der die Gemeinschaft der zivilisierten
Völker wieder so eindeutig Position beziehen kann, wie sie es zuletzt in den Jahren des
Oslo – Prozesses getan hat.
Was nun könnten Markierungspunkte auf einem langen, beschwerlichen Weg sein? Ich möchte die aus meiner
Sicht wichtigsten unter ihnen aufzählen.
Zunächst muss unverrückbar sein, dass der Staat Israel eine völkerrechtlich fest gefügte Realität
ist und bleibt. Klare Rechtsgrundlage für den „jüdischen Staat“ ist der Teilungsbeschluss der Vereinten
Nationen aus 1947, dem sich in den Folgejahren viele Väölkerrechtsakte beigesellt haben. Dahinter darf es,
kann es kein Zurück geben. Wer das will, zerstört nicht nur Israel, sondern auch das Völkerrecht.
Der gleiche Teilungsbeschluss von 1947 hat allerdings auch die Errichtung eines „arabischen Staates“
auf dem Territorium des ehemaligen palästinensischen Mandatsgebietes vorgesehen.
Der Palästinenserstaat bleibt auch von daher eine rechtlich und historisch zwingende Notwendigkeit.
Dabei übersehe ich keineswegs, dass es die arabisch-palästinensische Seite ist, die den damaligen
Teilungsbeschluss nicht akzeptiert hat und bis heute die damit verbundene völkerrechtliche
Anerkennung Israels ablehnt (von Ägypten und Jordanien einmal abgesehen). Ein Palästinenserstaat
ist also nicht am Widerstand Israels, sondern an der Uneinsichtigkeit der arabischen Seite gescheitert.
Dieser Staat ist übrigens auch vordringlich. Kommt er nicht rasch zustande, wird er, so fürchte ich,
durch den Ruf nach einem „Groß-Palästina“ abgelöst werden.
Neuerdings hat Premierminister Kureia die „Ein Staat – Zwei Nationen“ – Lösung ins Gespräch gebracht.
Dies aber ist nichts anderes als „Groß-Palästina“ durch die Hintertür.
Im Zusammenhang mit der Errichtung eines demokratischen und rechtstaatlichen Palästinenserstaates
wird sich Israel dann weitestgehend auf die Grenzen von 1967 zurückziehen müssen.
Dies schließt kleinere Grenzkorrekturen ebenso wenig aus wie eine gemeinsam vereinbarte Lösung
für ein geeintes Jerusalem. Im Klartext bedeutet das, dass die allermeisten Siedlungen
aufgegeben werden müssen. Die Siedlungspolitik bleibt vielleicht der schwerwiegendste Irrtum der
israelischen Politik seit 1967. Und die Pflichten, die Israel mit der „road map“ übernommen hat,
dürfen ebenfalls nicht unter den Tisch fallen.
Damit all dies geschehen kann, muss allerdings zunächst, unabdingbar und vollständig dem
palästinensischen Terror ein Ende bereitet werden. Für ihn gibt es kein Aufrechnen, keinerlei
Rechtfertigung, keine religiöse, keine ideologische, keine politische und schon gar keine rechtliche.
Beim gegenwärtigen Stand der Dinge wird keine palästinensische Regierung (auch nach oder ohne Arafat!)
die Kraft haben, diesen Terror und seine Strukturen zu beseitigen. Das haben die Monate seit der
Unterzeichnung der „road map“ gezeigt. Ich bin sicher, dass auch Kureia das nicht schafft.
Ein weiterhin einseitiges Vorgehen Israels aber muss die schwerwiegenden Folgen, von denen ich
eingangs gesprochen habe, weiter verfestigen. Das gilt auch für die bereits erwähnten Vorschläge
von Premierminister Sharon. Es geht nicht um Zementierung, sonder um Überwindung des status quo!
Deshalb spreche ich mich für ein direktes Eingreifen des „Quartetts“ in den palästinensischen
Autonomiegebieten aus, also der UNO, der USA, der EU und Russlands. Dieses Eingreifen muss
„friedenschaffende“, also den Terror beseitigende Maßnahmen einschließen. Anders wird es nach
meiner Überzeugung nicht gehen.
Gegen diesen Vorschlag können, das ist wohl wahr, zahlreiche Einwände vorgebracht werden.
Ich kenne sie. Nur – so lange als Gegenvorschlag diplomatische Floskeln wie
„Zurück an den Verhandlungstisch“ oder ein achselzuckendes „Weiter so wie bisher“
angeboten werden, kann ich die Einwände nicht wirklich ernst nehmen. Für mich gilt:
Jedes Terroropfer klagt an – auch uns!
Wenn nun diese Grundprobleme durch eindeutige, unwiderrufliche und bedingungslose Erklärungen
und Beschlüsse in Jerusalem und Ramallah geklärt sind, kann anhand der „road map“ weiter
verfahren werden. Und begleitende Beratungsergebnisse, wie etwa die „Genfer Erklärung“,
stellen eine gute Grundlage für die Lösung derjenigen Probleme dar, die in der „road map“
nicht explizit angesprochen worden sind. Sie beruhen übrigens im Wesentlichen auf dem
Verhandlungsstand, der im Sommer 2000 in Camp David schon einmal erreicht schien.
Ich plädiere also für ein Verknüpfen der „road map“ und der „Genfer Erklärung“.
Auf dem Wege der „road map“ sollte es rasch zu vertrauensbildenden Maßnahmen kommen,
damit für beide Völker die „Friedensdividende“ wieder sichtbar wird. Auf diese Weise könnte
duch ein Zustand erreicht werden, der den jetzt errichteten Schutzzaun wieder
überflüssig machen würde.
Wir Deutsche wissen, auch wenn die beiden Fälle nicht vergleichbar sind, aus eigener Erfahrung,
was Zäune und Mauern anrichten und wie wenig sie wirklich bewirken können. Und dabei habe ich
über den Verlauf dieses Zaunes auf palästinensischem Gebiet noch gar nicht gesprochen.
Parallel dazu sollten auch alle Verhandlungsmöglichkeiten mit Syrien ausgelotet und ausgeschöpft
werden. Nun ist es an der israelisch-syrischen Grenze seit 1973 völlig ruhig (und der
Überraschungsangriff auf leer stehende „Ausbildungslager für Terroristen“ in der Nähe von Damaskus
bleibt ein hoffentlich einmaliger Ausrutscher). Insofern steht Jerusalem hier nicht unter Druck.
Verhandlungen könnten aber die Chance eröffnen, die syrische Terrorunterstützung definitiv zu
beenden und das Libanon-Problem anzugehen. Der Süden dieses Landes wird durch die Hizbollah regiert,
und im Osten sind nach wie vor Tausende syrischer Soldaten stationiert. Erschreckend genug, dass
die Völkergemeinschaft von diesen flagranten Verletzungen des Völkerrechts so gut wie keine
Kenntnis nimmt!
Der von mir skizzierte Weg setzt allerdings auch voraus, dass es rasch wieder zu einem breit
angelegten, ehrlichen und freimütigen Dialog zwischen Israel und der Europäischen Union kommt.
Hier ist auf beiden Seiten die Zahl der (bewussten oder unbewussten) Missverständnisse über
die letzten Jahre so sehr angewachsen, dass sie, siehe nicht nur die erwähnte Meinungsumfrage,
zu gefährlichen Vorurteilen werden können. Ich glaube, die Europäische Union sollte, übrigens
unter Einschluss der Parlamente und wichtiger Nicht-Regierungsorganisationen, für einen
derartigen Dialog die Initiative übernehmen. Ich halte ihn, im Unterschied zu einigen
anderen Fragen, ganz eindeutig für eine „Chefsache“.
Die EU sollte diese Initiative auf einen substantiellen, auf lange Jahre ausgerichteten und
einwandfrei kontrollierten Hilfs- und Entwicklungsplan für Palästina ausdehnen. Wir alle
müssen wissen: Ein Palästinenserstaat wird auf mehr als eine Generation hinaus aus eigener Kraft
nicht überlebensfähig sein. Wer hier A sagt (also „Ja“ zu diesem Staat), der muss auch bereit sein,
B zu sagen (also „Ja“ zu einem Hilfs- und Entwicklungsprogramm)!
Natürlich müssen die Mindesterfordernisse an eine exakte Rechnungslegung erfüllt werden,
müssen wir aus den trüben Erfahrungen mit den 90iger Jahren Lehren ziehen. Wir müssen auch
eine Situation überwinden, in der große Kassen in den Händen Arafats oder der
Terrororganisationen sind. Das haben internationale Organisationen wie der IWF bereits mehrfach moniert.
Dabei muss man auch schon einmal das diplomatische Korsett in Brüssel abstreifen. Und so wie
Frankreich traditionell die treibende Kraft in der Gemeinsamen Agrarpolitik ist , sollte es
Deutschland in Fragen der europäischen Nahost- und insbesondere Israelpolitik sein
(Unser Außenminister hat hierfür wertvolle Grundlagen gelegt). So würden wir unserer besonderen
geschichtlichen Verantwortung wohl am besten gerecht werden.
Zudem ist es erforderlich, dass die Vereinigten Staaten ihrer besonderen Verantwortung ebenfalls
gerecht werden. Sie haben im Verlauf des Oslo-Prozesses, insbesondere aber bei der „road map“ eine
herausragende und vorzügliche Rolle gespielt. Diese „road map“ ist immerhin eine Gemeinschaftsarbeit
der USA, der EU, Russlands und der Vereinten Nationen gewesen.
Heute allerdings hat man leider den Eindruck, als ob die US-Regierung über den irakischen
Schwierigkeiten und dem heraufziehenden Präsidentschaftswahlkampf das Nahostproblem ins Tiefkühlfach
stecken wolle. Das wäre fatal, denn der Frieden kann nicht warten! Ich jedenfalls werde nie vergessen,
wie Präsident Clinton bis zum letzten Tag seiner Amtszeit um genau diesen Frieden gerungen hat.
Er hat sich damals nicht nur als Politiker, sondern als Staatsmann gezeigt.
Es gibt aber noch einen zweiten Punkt, der vor dem von mir geschilderten, düsteren Hintergrund
unsere Freunde in Israel vor weitreichende Entscheidungen stellt. Ich meine das Verhältnis zu den
israelischen Arabern.
Ich habe bereits erwähnt, dass ich an der Universität Haifa aktiv bin und dort seit gut zwei
Jahren das Amt des Chairman des Board of Govenors bekleide. Diese Universität
(in der übrigens in aller Stille auch wichtige gedankliche Vorarbeiten für den
Oslo – Friedensprozess geleistet worden sind) stellt den weltweit größten Treffpunkt zwischen Juden,
Drusen, Christen und Mohammedanern dar. Knapp 20% unserer Studenten sind Araber; 2 ½ Tausend
Araberinnen und Araber kommen jetzt jeden Tag auf unseren Campus.
Natürlich ist das tägliche Zusammenleben auch dort nicht frei von Schwierigkeiten.
Wir leben schließlich nicht in einer Raumkapsel und sollten das als Universität auch nicht.
Dennoch sind wir stolz darauf, dass dieses Zusammenleben funktioniert und dass größere Spannungen
vermieden werden konnten – trotz der teuflischen Terroranschläge, die auch Haifa nicht verschont
und unter den Universitätsangehörigen bereits mehrere Opfer gefordert haben.
Es geht also! Es geht allerdings nur, wenn der Umgang durch die unbedingte Achtung vor der Würde des
jeweils anderen geprägt ist und wenn man sich gemeinsame, konkrete Ziele setzt.
Ach, ließen sich die Verhältnisse auf dem Karmel doch auf das ganze Land übertragen!
Hier allerdings bleibt noch viel zu tun – und zwar von beiden Seiten. Viele, gerade auch
ökonomisch und sozial wichtige Entscheidungen sind verzögert worden, viele Unterschiede bleiben
noch auszugleichen – insbesondere auf den Feldern der Infrastruktur und der Bildung.
Arabische und jüdische Israelis leben viel zu sehr nebeneinander her. In ihrer überwiegenden
Mehrheit begegnen sie sich erst dann, wenn ihre jeweilige Sozialisierung bereits abgeschlossen ist,
dazu noch häufig in einer konfrontativen Situation. Auch das befördert Vorurteile.
Sie können eines Tages gefährlich, ja explosiv werden. Deshalb müssen wir dabei helfen,
dass sie jetzt! bekämpft werden. Es ist wunderschön, dass die Deutsch-Israelische Gesellschaft
über ihren „Friedenspreis“ hier einen bescheidenen Beitrag leistet.
Wir dürfen nicht in unseren Bemühungen nachlassen, auch andere von der Richtigkeit und der
Wichtigkeit unseres Tuns zu überzeugen.
Amos Oz hat zu Recht einmal festgestellt, dass Frieden zwischen Feinden geschlossen werden muss.
Das weist auf die Vorsicht, die Nüchternheit und den Bedacht hin, mit dem alle Beteiligten diesen
Prozess anzugehen haben.
Shimon Peres hat einmal sinngemäß gesagt, dass Friedensprozesse dem Navigieren in unbekannten
Gewässern gleichen, dass sie aber im Vertrauen auf die eigene Stärke in Gang kommen müssen.
Er hat mit „Stärke“ nicht die militärische gemeint, ohne deren Bedeutung klein schreiben zu wollen.
Er hat vielmehr die innere, die mentale Stärke gemeint, aus der allein die Bescheidenheit, der Mut,
die Geduld und die Zuversicht erwachsen, einen derart schwierigen Prozess auch durchzustehen.
Was mich im Innersten betrübt, ist die Beobachtung, dass diese innere Stärke vielen israelischen
Freunden allmählich abhanden zu kommen scheint. Vielleicht ist dies das
furchtbarste Resultat des Terrors.
Aus Liebe zu Israel und seinen Menschen müssen wir nach meiner festen Überzeugung alles tun,
um ihnen beim Wiedergewinnen dieser inneren Stärke solidarisch beizustehen und zu helfen.
Nun mögen Sie mir zweierlei entgegenhalten.
Sie mögen mir den Vorwurf machen, dass ich auf eine geradezu weltfremde Art optimistisch sei.
Sie mögen darauf verweisen, dass es einen hinreichenden Willen zu Frieden und Verständigung
auf palästinensischer und arabischer Seite nicht gebe.
In der Tat – Sie könnten Recht haben, auch wenn ich das nicht glaube. Aber selbst wenn
ich einmal annehme, dass Sie Recht haben, bleibe ich bei meiner Auffassung. Wenn wir
unterstellen müssen, dass sich Israel auf einen lang andauernden Existenzkampf einzustellen hat,
müssen wir unseren Freunden dabei helfen, ihn zu bestehen. Und zum Erfolg in diesem Kampf
gehört auch, dass man die Herzen und die Seelen der Menschen in der weiten Welt,
und in Deutschland im besonderen, gewinnt. Es geht auch um diesen Kampf und um den
„Krieg der Bilder und Assoziationen“. Wir sind davon überzeugt, die besseren Argumente
auf unserer Seite zu haben. Das aber hilft nur begrenzt, wenn die anderen über die Bilder und
die Emotionen herrschen! Und genau das ist derzeit der Fall.
Die Begeisterung nach dem Sechstagekrieg vom Juni 1967 oder die tiefe Erleichterung nach dem
Yom Kippur Krieg vom Oktober 1973, die lassen sich nicht einfach reproduzieren. Aber –
wenn Israel der Welt wie damals überzeugend zeigen kann, wer hier eigentlich der Feind eines
gerechten Friedens ist, dann ist dieser große Kampf bereits zur Hälfte gewonnen.
Sie mögen mir zweitens vorwerfen, ich mischte mich in innerisraelische Angelegenheiten ein.
Das tue ich in der Tat, wenn auch nur mit meinen Gedanken. Und diese Gedanken oder meinen Mund
soll ich mir selber verbieten? Das kann ich nicht, und das werde ich auch nicht tun.
Für mich ist Solidarität (die in dieser bedrängten Lage notwendiger ist denn je!),
auch wenn sie in unserer besonderen Verantwortung für eine gemeinsame Geschichte wurzelt,
letztendlich ein Akt der Freiwilligkeit. Sie kann nicht erzwungen werden, auch nicht auf
dem Umweg über eine fragwürdige „political correctness“. Für die Freundschaft, die mir
Israelis entgegenbringen, bin ich aus tiefstem Herzen dankbar. Aber auch diese Freundschaft
konnte und kann sich nur auf gegenseitige Offenheit und Ehrlichkeit gründen.
Ich hoffe deshalb auf Ihr Verständnis, wenn ich heute Abend aus meiner formalen Rolle
herausgetreten bin und bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.