Israelischer Journalist zu Gast in Oldenburg
Über einen Vortrag von dem einzigen israelischen Korrespondenten
in Deutschland, Eldad Beck. Dienstag, 19. April,
im Kulturzentrum PFL Oldenburg
"Das Israelbild der deutschen Medien"
So viel Aufregung hat der neue Papst schon in seinen ersten Stunden nach der Wahl erregt, sogar im Kulturzentrum
PFL in Oldenburg. Für einen Vortrag, veranstaltet gemeinsam von der DIG und der Stadt Oldenburg, wurde Eldad Beck
eingeladen, um über seine Erfahrung in der BRD zu referieren. Doch anlässlich der für viele überraschend schnellen
Wahl des neuen Papstes konnte die Veranstaltung nur verspätet beginnen. Denn Eldad Beck musste vorerst noch einen
Exklusiv-Bericht nach Israel über das Verhältnis des neuen Papstes zum jüdischen Volk und die ersten Reaktionen in
der Bundesrepublik senden. Der Vorsitzende der AG Oldenburg, Herr Roland Neidhardt, nutzte die dadurch gewonnene
Zeit und wies auf ein Sonder-Programm von 3Sat zum Jubiläum der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen
Deutschland und Israel hin.
Der in Berlin arbeitende Journalist begrüßte das Publikum mit einer interessanten, aber auch alarmierenden
Beobachtung. Die Berichterstattung über Nahost vor und nach dem Tod Arafats sei durch gravierende Unterschiede
gekennzeichnet. Denn plötzlich zeige sich ein positives Bild von Scharon, nicht zuletzt auch aufgrund der neuen
Rückzugspläne. Zeitgleich wuchs nach dem Bekanntwerden der Veruntreuung von EU-Fördermitteln durch palästinensische
Behörden die Kritik an Arafat. Zwar sei die Intifada im Nahen Osten immer noch ein Tabuthema in den deutschen
Medien. Doch der Korrespondent nimmt eine bedeutende Kehrtwende in der Berichterstattung wahr. Vor dem Tod
Arafats stellten die Medien lsrael tendenziös als "Terror- und Kriegsland" dar. Und gleichzeitig sei
palästinensisches Leid mit Kindern und zerstörten Häusern gezeigt worden. Diese Einseitigkeit irritiert nicht
nur ihn. Deutsche Medien neigen eher dazu, Palästina in einem positiven Licht erscheinen zu lassen, so der Referent.
Der EU-Bericht vom April 2002 veröffentlichte die Ergebnisse, welche eine europaweite Umfrage ergaben. Dabei
vertrat die Bevölkerung in unerwartet hohem Ausmaß die Meinung, Israel sei die größte Bedrohung für den
Weltfrieden. Gründe dafür seien in den Medien zu finden. Denn in den Titelüberschriften wird, so Beck,
immer wiederkehrend Israel zusammen mit Begriffen wie "Drohung" in Verbindung gebracht. Laut Beck
konsumieren nur 8% der Leser die gesamte Zeitung, die übrigen 92 % der Leserschaft überfliegen nur den
größten Teil und nehmen Botschaften und Bilder unbewusst auf. Einzig in der Frankfurter Rundschau und der
Bild-Zeitung würde Israel noch ausgeglichen dargestellt. In anderen Publikationen bestehe meistens kein
Zusammenhang zwischen Überschrift, Photo und Inhalt.
Die finanzielle EU-Förderung der palästinensischen Autonomiebehörde und deren umstrittene Verwendung von Arafat
blieb, auch nach seinem Tod, trotz großer Unklarheiten ohne jeglichen Protest. Es habe sich daraufhin zwar
ein eher positives Profil Scharons in den deutschen Medien entwickelt und er würde nun als "Partner für den
Frieden" dargestellt. Doch Beck trägt weitere Missstände der deutschen Berichterstattung vor: Israel werde
nicht nur unfair und unproportional stark kritisiert; die Bedrohung durch andere Länder des Nahen Ostens
wie Syrien oder Irak, werde kaum registriert. Angst und Terrorismus beherrsche dort die Medienkultur.
So schrieben zahlreiche Reporter nicht mehr "objektiv" weil sie Bedrohung von Seiten der Regime befürchteten.
Dadurch genüge die Presse den internationalen Standards nicht mehr, ihren Zustand beschreibt Beck als
"hochproblematisch".
"Wie oft wird über den Nahost-Konflikt berichtet und dabei aber andere Konflikte wie im Sudan, Ruanda etc. nicht
mehr erwähnt?" fragt Beck. "In den letzten 15 Jahren wurde kein einziges Mal über die militärische Besetzung
Libanons und Siedelung durch Syrier berichtet". Dies sei erst seit einem Monat geschehen, so der Journalist.
Weiter führt er an, dass aber in den letzten 15 Jahren im Libanon mehr als eine Millionen Syrer (in den von
Bürgerkriegsflüchtlingen verlassenen Regionen, Anm. d. Verf.) siedelten. In Darfur, Sudan wurden kürzlich
60.000 bis 80.000 Menschen ermordet weil sie "schwarz und nicht muslimisch" waren. "Warum wurde darüber
nicht berichtet" lautet Becks Frage an die Zuhörer. Im israelischen-palästinensischen Konflikt habe es
in den letzen 100 Jahren lediglich 25.000 Opfer gegeben. Diese Zählung sei natürlich "makaber", weil
jeder Tod eines Menschenlebens ein schmerzlicher Verlust sei, aber das Verhältnis der Größenordnungen
sei bedeutend. Der Genozid im Sudan wurde, so Beck, erst spät durch die UNO entdeckt und Sanktionen
seien nicht in ausreichendem Maße erfolgt. Ganz zu schweigen von einer "internationalen wie auch
deutschen kritischen Auseinandersetzung und Diskussion".
Dieses Problem sei nicht nur ein deutsches. Aber auch in der BRD sei der Grund für die beschriebene Entwicklung
ein Aufleben des Antisemitismus. Inzwischen sei es zu einer gefährlichen Verschmelzung der Grenzen von Kritik
an Israel und Antisemitismus gekommen. Zwar sei in der Geschichte des Nachkriegs-Deutschland Kritik an
Israel nie Tabu gewesen - Beck führt Politiker wie Helmut Kohl und Joschka Fischer an - aber Personen wie
Möllemann hätten es "wunderbar geschafft", jene Grenzen zwischen Volksverhetzung und sachlicher Kritik
vollkommen zu verwischen. Abschließend sagt Beck: "Ein Dialog mit deutschen Journalisten über die Frage
warum es zu der beschriebenen Entwicklung gekommen ist, konnte bis heute noch nicht gelingen.
Vielleicht auch aus dem Grund, weil Zeitungen sich nicht gerne in Selbstkritik üben".
Joachim Bernhard
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