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Nachdenken über die Zukunft

Die israelisch-deutschen Beziehungen beruhen auf der Erinnerung an die Shoa sowie auf gemeinsamen Werten der Gegenwart. Der beiderseitige Wunsch, Brücken über den tiefen Abgrund zu bauen, der zwischen Juden und Deutschen klaffte, ließ ein Netzwerk von Beziehungen entstehen, die sich auf zahlreiche und vielfältige israelisch-deutsche Kooperationsbereiche erstrecken.

Nach 40 Jahren kann man zufrieden auf den Umfang und die Qualität dieser Beziehungen zurückblicken. Die Tatsache, dass sie lediglich zwei Jahrzehnte nach dem Sturz des Nazi-Regimes und nach der Shoah des jüdischen Volkes in Europa aufgenommen wurden, verdeutlicht, wie groß unsere gemeinsame Errungenschaft ist und zu welch umfangreicher Kooperation sie führte.

Die intensiven Kontakte und die umfangreiche Zusammenarbeit in Politik, Sicherheit, Kultur, Wissenschaft, Technologie sowie in Wirtschaft und Handel sind Zeugen des langen Weges, den wir gemeinsam zurückgelegt haben. Sowohl der politische als auch der öffentliche Dialog sind zur alltäglichen Routine geworden. Eine Realität, die früher einmal für unmöglich gehalten wurde, ist heute beinahe Selbstverständlichkeit: Wissenschaftler der unterschiedlichsten Forschungsgebiete arbeiten zusammen, in allen Teilen Deutschlands werden israelische Kulturtage veranstaltet, israelische Schriftsteller sind in Deutschland bekannt und ihre Bücher gern gelesen, das Goethe Institut ist in Israel sehr aktiv, EL-AL-Jets landen in Berlin, die Verbindung der Lufthansa zwischen Deutschland und Israel gilt als eine der einträglichsten Flugstrecken, Deutschland gehört zum größten israelischen Handelspartner in Europa und in Berlin ist unter gehisster israelischer Flagge in einem großen Gebäude eine der wichtigsten und aktivsten Botschaften des Staates Israel tätig.

Volontäre in den Kibbuzim, christliche Pilger, Rucksacktouristen, Geschäftsleute, Akademiker und Forscher sowie Kulturschaffende und Jugendliche, die an den seit vielen Jahren operierenden Jugendaustauschprogrammen der deutsch-israelischen Partnerschaftsstädte teilnehmen, bilden das Fundament der gegenseitigen Anerkennung, der Beseitigung der Hürden und der Kooperation zwischen und unter den Völkern. Dieses Fundament ist von größter Bedeutung, und man muss seine Existenz und seinen Ausbau in jeder Form fördern, trotz - oder vielleicht gerade wegen - des Konfliktes in unserer Region.

Deutschland betont immer die "besonderen Beziehungen", die zwischen Deutschland und dem Staat Israel bestehen. Aus deutscher Sicht bedeuten sie eine deutliche und langjährige Verpflichtung Deutschlands zu Gunsten der Existenz des jüdischen Staates und seiner Sicherheit. Angesichts dieser Verpflichtung, die Deutschland auf sich genommen hat, stellt Israel im Hinblick auf die Bekämpfung des Antisemitismus und das Verständnis für die Bedrohung der Existenz und der Sicherheit des Staates Israel hohe Erwartungen an seinen zweitwichtigsten Freund in der Welt.

Trotz dieser Lichtblicke in den Beziehungen darf man die Vorgänge in Deutschland während der letzten Jahre nicht ignorieren, denn sie beeinflussen auch die Intimität der "besonderen Beziehungen" und deren Inhalte. Deshalb ist es trotz der Errungenschaften auf offizieller Ebene sowie der Beziehungen zwischen beiden Völkern wichtig, dieses 40-jährige Jubiläum zum Nachdenken zu nutzen. Wir sollten über Charakter und Natur unserer bilateralen Beziehungen in den kommenden 40 Jahren nachdenken. Ich bin mir sicher, unsere gemeinsamen Bemühungen werden zeigen, dass uns mehr vereint als trennt. Wenn wir diese Anstrengung nicht unternehmen, dann werden wir nicht unserer Pflicht gegenüber jenen "Verrückten" gerecht, die ihre gesamte Energie in die Öffnung eines neuen Kapitels der Beziehungen zwischen unseren beiden Staaten und Völkern investierten.

Shimon Stein,
Jahrgang 1948, ist seit Januar 2001
Botschafter des Staates Israel
in Deutschland.

Copyright: Zeitschrift "Deutschland"

 


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