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Hello! Salaam! Shalom! Telefonate mit dem Feind

von Dr. Werner Loock

Werner Loock Sammy Waed, 20 Jahre alt, ein Palästinenser aus Ramallah, hatte nie daran gedacht, sich jemals mit einem israelischen Soldaten anzufreunden, geschweige denn mit einem, der Besatzer seiner Heimatstadt war. Jedoch vor einigen Monaten machte ihn eine Annonce in der Zeitung neugierig. Er wählte die angegebene Telefonnummer, landete bei einer Hotline und sprach schließlich mit Arik, einem Gleichaltrigen aus Tel Aviv.
"Arik erzählte mir, wie sehr er den Militärdienst verabscheue, weil er als Soldat gegen harmlose Zivilisten eingesetzt werde, Kinder herumschupsen müsse und unschuldigen Menschen viel Leid zufüge," sagte Waed. "Früher dachte ich, dass sich Israelis einen Dreck scheren um das Leid und den Tod unschuldiger Palästinenser. Jetzt weiß ich, dass sie sich sehr wohl kümmern. Jetzt verspüre ich auf einmal die Hoffnung, dass es doch noch Frieden gibt."
Dabei ist Waed nur einer von inzwischen weit über 200.000 Israelis and Palästinensern, die die "Hello Shalom-Hello Salaam"-Hotline benutzen, einen Telefonservice, der Menschen miteinander verbindet über Gräben von Hass, Gewalt, Misstrauen. Urheber dieser Hotline ist die Gruppe "Parent's Circle". Sie bezeichnen sich als "bereaved families", Familien, denen ihr Liebstes entrissen wurde. Jeweils über 200 israelische und palästinensische Elternpaare tragen ein gemeinsames Schicksal. Sie verloren ihre nächsten Familienangehörigen durch die gewaltsamen Auseinandersetzungen der vergangenen Jahre. "Aus unserer eigenen schmerzvollen Erfahrung wissen wir, dass es nichts bringt, sich in stiller Verzweiflung von allem zu isolieren. Wir müssen wieder anfangen, miteinander zu reden - gerade mit denjenigen auf der anderen Seite", so Mitglieder des Arbeitskreises.
Im Oktober vor einem Jahr startete das Aktionsbündnis den Versuch, einen Dialog zwischen Israelis und Palästinensern durch ein kostenloses Kontakttelefon zu erleichtern: "Hello Shalom-Hello Salaam" sollte so viele Menschen wie möglich zum Gespräch mit der jeweils anderen Seite bewegen und der Welt zeigen, dass beide Seiten "dialoghungrig" sind. "Es ist im Grunde ein einfaches Konzept", sagt Yitzhak Frankenthal, 51, Vorsitzender von "Parent's Circle". "Wir lassen die Leute einfach miteinander reden." Frankenthal verlor vor neun Jahren seinen Sohn bei einem palästinensischen Selbstmordattentat. Er ist seit vielen Jahren engagiert in der Friedensbewegung.
"Unser Ziel ist, das Einfühlungsvermögen auf beiden Seiten zu stärken", sagt Roni Hirshenson, Mitglied des Vorstandes von "Parent´s Circle". "Israelis betrachten Palästinenser als Terroristen, und Palästinenser betrachten Israelis als Soldaten und Siedler. Das muss ein Ende haben", so Hirshenson, der seinen ältesten Sohn 1995 durch einen Terroranschlag auf eine Bushaltestelle verlor. Als kurz darauf der beste Freund des jüngeren Sohnes im Libanon fiel, nahm sich dieser in seiner Verzweiflung das Leben. "In der heutigen Zeit werden die Bilder, die wir von dem jeweils anderen haben, durch das Fernsehen geprägt. Das Fernsehen lebt aber von Bildern der Gewalt", sagt Hirshenson, "das ist es, wogegen wir ankämpfen."
Dabei war die Idee der Hotline durch einen bemerkenswerten Fehler entstanden. Natalia Wieseltier, eine junge Israelin, wollte ihre Freundin über das Handy anrufen. Sie wählte die falsche Nummer. Jihad, ein Palästinenser, meldete sich. Sie sprachen ein bisschen auf Hebräisch miteinander und verabschiedeten sich rasch. Jihad speicherte die Nummer in seinem Handy und rief zurück. Es kam zu zahlreichen Telefonaten, bei denen Natalia sogar mit Jihads Familienmitgliedern ins Gespräch kam. Inzwischen rufen der Palästinenser oder seine Verwandten jedes Mal nach einem Selbstmordattentat an, um sich zu vergewissern, dass der Israelin nichts passiert ist. Die junge Frau war so überwältigt von der Dynamik der Gespräche, dass sie sich an "Parent's Circle" wandte und die Idee einer Hotline anregte. Das System arbeitet automatisch ähnlich wie die Menusteuerung eines Mobilfunkanbieters oder einer Bank. Nach der Anwahl mit *6364 muss sich der Anrufer als Israeli oder Palästinenser zu erkennen geben und das Alter der Person angeben, die er zu sprechen wünscht. Dann teilt er dem System mit, ob er den Anruf sofort oder später wünscht. Das System stellt danach entsprechend eine Verbindung her mit einem Gesprächsteilnehmer, der sich bereits angemeldet hat. Anrufer können aus Hunderten von Sprachnachrichten ihre Kontaktperson auswählen. Die Gespräche können in Hebräisch, Arabisch oder Englisch 30 Minuten lang kostenlos geführt werden.
Miriam Inbal, eine 55-jährige Lehrerin von den Golan-Höhen hinterlegte folgende Botschaft: "Wir alle sind Menschen und möchten das Beste für unsere Kinder und unsere Enkel. Wir haben die Kraft, jetzt etwas zu ändern." Der Rückruf erfolgte während einer Autofahrt mit Freunden. Am anderen Ende war Ibrahim, ein 28-jähriger Familienvater aus dem Gaza Streifen. "Er bat mich, mit seinen beiden Kindern zu sprechen," sagte Frau Inbal. "Er wollte sie mit einer jüdischen Israelin sprechen lassen, weil sie noch nie mit Israelis gesprochen hatten. Er wollte ihnen zeigen, dass Juden keine Monster sind." Die Telephonkosten, die die ausführende Telefongesellschaft Bezeq für die Hotline in Rechnung stellt, belaufen sich auf 2.500 $ im Monat und werden von "Parent's circle" entrichtet. Wie die Israelische Botschaft in Berlin mitteilte, wird das Projekt von der Europäischen Union, der amerikanischen Regierung und privaten Spendern unterstützt. Um die Gesprächsbereitschaft überhaupt erst anzuregen, wird aufwendig geworben. Eine ganzseitige Anzeige in Ha'aretz beispielsweise beginnt mit großen, kräftigen Buchstaben: "Hello, Salaam! Hello, Shalom!" gefolgt von der Gegenüberstellung von Nachbarorten: "Zwei Jahre sind vergangen ohne dass wir miteinander gesprochen haben. Ich von Gilo, Du von Beit Jala. Ich von Hadera und Du von Tulkarem. Auf euch wird geschossen, wir kriegen die Bomben. Wir haben Angst, wir sind voller Schmerz, und die andere Seite fühlt sicher genau so wie wir. Es ist Zeit, das zu beenden."
Die Anrufer sind überwiegend Menschen, die von vornherein den Zielen der Initiative mit Sympathie gegenüberstehen. Vielleicht ist mitunter auch der Reiz des Außergewöhnlichen ein Motiv für einen Anruf oder ein Idealismus, der realitätsfremd erscheint. Frankenthal hofft auf große Resonanz, damit die Adressenliste breit gefächert ist und möglichst viele "normale, durchschnittliche Menschen" anrufen. Ein Reporter von der nordamerikanischen Tageszeitung "The Baltimore Sun" beobachtete Frankenthal kurz nach der Einführung des Telefonservice, wie er das System testete. Nach der Anmeldung wurde ihm eine Nummer eines Palästinensers aus Ramallah zugeteilt. Der hatte sich angemeldet, nachdem er durch eine Anzeige in der palästinensischen "al-Quds"- Zeitung auf die Initiative aufmerksam gemacht worden war. Sie sprachen eine halbe Stunde miteinander. Frankenthal erfuhr, dass der Mann seine Schwester im Feuerhagel der IDF (israelische Armee) einige Monate vorher verloren hatte. "Er erzählte mir vom Tod seiner Schwester, ich ihm von meinem Sohn", sagte Frankenthal. "Und er erklärte mir 'Hier reden wir nun miteinander. Ich will keine Rache, ich fühle auch keinen Hass.'"
Nabil hieß der Gesprächspartner von Frankenthal. In einem sich anschließenden Telefoninterview mit dem Reporter wollte er allerdings seinen Nachnamen nicht preisgeben. aus Angst vor Repressalien durch Familienangehörige oder Freunde. "Ich rief an, weil ich an den Frieden glaube," sagte er dem Reporter. "Ich bin fest davon überzeugt, dass viele ähnlich so denken wie ich. Jahrelang haben die beiden Seiten nicht miteinander geredet. Wir schaffen den Neuanfang, wenn wir die Völker zusammenbringen."
Es herrscht Scham auf beiden Seiten, sich einander zu nähern. Die palästinensischen Vorbehalte wurden angesprochen. Unausgesprochen ist die Zurückhaltung in Israel. Zwar hatte uns die Israelische Botschaft in ihren Newsletter auf die Initiative aufmerksam gemacht. Als wir jedoch begannen, in israelischen Zeitungen über Hintergründe und den Werdegang des Projektes zu recherchieren, fanden wir nichts wirklich Verwertbares. Dabei profitieren die Zeitungen von den aufwendigen Anzeigenschaltungen. Liegt die spärliche Berichterstattung an der Person Frankenthals? Er ist nicht unumstritten in der Öffentlichkeit. Er hatte – obwohl selbst tief religiös- mit einem kritischen offenen Brief vor drei Jahren an die führenden Rabbiner des Landes insbesondere an die in "Samaria" und "Judäa" viel Kritik und Ablehnung geerntet. Auch scheute er vor 1 1/2 Jahren nicht vor einem Besuch bei Arafat zurück, als der im offiziellen Sprachgebrauch bereits als nicht mehr konsensfähig abgeschrieben worden war.
Dann die Telefongesellschaft Bezeq. Sie verfügt über eine aufwendige vielseitige Internetpräsentation in mehreren Sprachen. Man sollte meinen, dass für sie die "Hello Shalom-Hello Salaam"-Hotline ein Prestigeprojekt sein könnte. Nichts deutet dort hin auf dieses Projekt, kein Link, keine Erwähnung. Fast hat es den Anschein, als würde die Hotline schamhaft verschwiegen.
Der Konflikt der letzten drei Jahre ist so heftig und so schmerzhaft geworden, dass viele auf beiden Seiten eigentlich keine Grundlage mehr für Diskussionen miteinander sehen. Außerhalb des Landes herrscht nicht weniger Ratlosigkeit. Es gibt aber immer wieder Menschen, zahllose Initiativen, die über Ideen für Auswege verfügen. Wie viele Sammies und Ariks gibt es, die gern miteinander sprechen würden, aber von dieser Initiative nichts wissen, oder sich nicht trauen anzurufen? Vielleicht warten sie nur darauf, eine Mail mit folgendem Wortlaut zu erhalten:

Hello, Salaam! Hello, Shalom! Hello, Peace! If you're in Israel, the West Bank or Gaza, now you can just pick up your phone at no cost and talk to someone on the other side about reconciliation, tolerance and peace. Just dial *6364 from any Bezeq or mobile phone and listen to the instructions. Call as many times as you want - more is better! More details at www.hellopeace.net. And even if you're not in the Middle East, you can help by sending this email to everyone you know there or may have connections there. Every call makes the message grow stronger – it's time to stop the killing and start talking again. http://www.hellopeace.net/contact.htm Prof. Manfred Lahnstein, im März 2004

 


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