Bilaterale Beziehungen sind durch historische Bezüge zwischen zwei Nationen geprägt. Für die Bundesrepublik Deutschland
und Israel gilt dies in einzigartiger Weise. Beide Staaten sind "junge" Staaten. Deutschland trägt die Verantwortung für
die Vergangenheit der Deutschen während des Nationalsozialismus und Israel stellt eine neue Epoche der jüdischen Geschichte dar.
Können diese Beziehungen jemals normal sein? Nein, die politisch Verantwortlichen aber auch die jungen Generationen
in beiden Ländern werden die gemeinsame Geschichte und damit das Leiden der Juden in Europa - verursacht und
verantwortet von Deutschen - nicht ausblenden wollen und können.
Die junge Generation in Deutschland hat nicht die Befangenheit derer, die den Nationalsozialismus erlebt haben.
Sie werden sich sowohl mit den Gräueln der nationalsozialistischen Verbrechen wie auch den Zeugnissen von Tätern
und Mitläufern eines verbrecherischen Regimes und deren mehr oder weniger künstlerische Verarbeitung, in Filmen,
Theaterstücken und Literatur, auseinandersetzen müssen. Die Möglichkeit der Begegnungen mit Zeitzeugen nimmt stetig
ab, sodass Publikationen und Medien die hauptsächliche Quelle sein werden.
Zur Meinungsbildung ist die Begegnung ein wichtiges Instrument. Junge Deutsche wollen nach Israel reisen und das
Land und die Menschen kennen lernen. Sie sind an Gesprächen mit Israelis - insbesondere ihrer Generation - interessiert.
Als bemerkenswert wird vielfach empfunden, dass die Gespräche über die deutsche Geschichte nicht im Mittelpunkt des
Gedankenaustausches stehen. Die Gegenwart und Zukunft sind die Ansatzpunkte für Kontakte und Freundschaft. Es geht um
Konkretes: den wissenschaftlichen Austausch, ökonomische Projekte und lebendige kulturelle Begegnung in einem
herausfordernden Umfeld - einem multikulturellen Israel und einem wiedervereinigten Deutschland. Bei aller
Gegenwärtigkeit und Zukunftsorientierung kommt wirkliche Verständigung nur zustande, wenn sich die Deutschen
ihrer besonderen Verantwortung bewusst sind. Wenn Israelis spüren, dass die deutschen Gesprächspartner ihre eigene
Geschichte kennen und Stellung beziehen, eröffnen sich Möglichkeiten für einen aufrichtigen Dialog.
Solche Dialoge schärfen den Blick auf problematische Entwicklungen in der eigenen Gesellschaft und begünstigen ein
längerfristiges Engagement, z.B. in der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und seinem Jugendforum sowie anderen
Vereinigungen und Initiativen, die Israel nahe stehen.
Begegnung ist auch etwas anderes als "Sonntagsreden". Es geht nicht darum, ständig Bekenntnisse über die deutsche
Geschichte abzugeben; es geht darum, sich ernsthaft mit der eigenen Geschichte befasst zu haben und die Begegnung zwischen
Israelis und Deutschen als Chance und Herausforderung zu begreifen. Das gilt für Deutsche und Israelis. Junge Deutsche
empfinden den Kontakt zu Vertretern ihrer Generation einerseits so normal wie zu Angehörigen anderer europäischer Nationen,
andererseits wissen und spüren sie, dass es eine andere Dimension aufgrund der historischen Beziehungen gibt. Sie
treten in die Verantwortung für die Geschichte ein, indem sie den Kontakt suchen.
Eine Vielzahl von Wünschen nach Austausch, zum Beispiel nach Begegnungen im Schüleraustausch, ist ein Indiz für das Interesse.
Unrealistisch ist es - schon aufgrund des proportionalen Verhältnisses der Bevölkerungszahlen von etwa achtzig zu sechs
Millionen - jedem jungen Deutschen während des Schulbesuchs die Möglichkeit der Begegnung zu garantieren. Und auch
umgekehrt wird es nicht funktionieren, da die israelischen Möglichkeiten - und Interessen junger Menschen - ebenfalls
Grenzen haben. Für Angehörige beider Nationen gilt: die Begegnung, in der sich Gegenwart und Vergangenheit nicht
trennen lassen, ist etwas Besonderes. Junge Deutsche wollen Verantwortung übernehmen, stellen sich der Vergangenheit
und sind daher neugierig auf Israel und die Israelis.
Die Besonderheit der Beziehungen ist auch eine Triebfeder für die große Aufmerksamkeit, mit der die aktuelle israelische
Politik wahrgenommen wird. Dieses Interesse korrespondiert mit der Beobachtung der politischen und gesellschaftlichen
Entwicklung in Deutschland durch die israelischen Medien.
Die Beziehungen zwischen Deutschen und Israelis haben Zukunft, indem die Vergangenheit und damit das Leiden des jüdischen
Volkes nicht ausgeblendet werden. Verantwortung für Vergangenheit schafft Möglichkeiten zur Gestaltung einer gemeinsamen
Zukunft und damit eines lebhaften Austausches.
Für die Politik jeder deutschen Regierung kann nur gelten, dass die deutsch-israelischen Beziehungen eine herausgehobene
Stellung haben und damit besondere Beziehungen sind und bleiben.
Hildegard Radhauer
erschienen in "Jüdische Allgemeine", 12. Mai 2005